Zum Hauptinhalt springen

Er hatte sich hochgebombt, hochgemordet

Totò Riina schaffte es mit seiner Blutrünstigkeit bis an die Spitze der Cosa Nostra. Viele Geheimnisse nimmt er mit ins Grab.

Der Boss der Bosse, «Capo dei capi» der Cosa Nostra. Nun ist Riina gestorben, mit 87 Jahren, im Gefängnis Opera von Parma.

Sie nannten ihn «belva», Bestie. Und das störte Salvatore Totò Riina nicht, eher im Gegenteil. Gestört hat ihn der andere Spitzname, der so gar nicht zu seiner grossartigen Selbstsicht passte: «U curtu» ist sizilianisch und meint «der Kurze».

Der Boss der Bosse, «Capo dei capi» der Cosa Nostra, die in ihrer Geschichte nie einen brutaleren Chef gehabt hat, war klein gewachsen, rund und gedrungen. Als sie ihn an einem Januarmorgen 1993 endlich festnahmen, wunderten sich die Italiener, dass dieser Mann, der sie so lange terrorisiert hatte, der die mächtigste Mafia im Land mit fester Hand führte und den italienischen Staat mit Bomben herausforderte – dass dieser vermeintlich unfassbare Totò Riina wie ein einfacher Bergbauer aussah. Der Vieh- und Getreidedieb aus Corleone hatte es mit seiner einzigartigen Blutrünstigkeit bis an die Spitze der Cosa Nostra geschafft. Hochgebombt und hochgemordet hatte er sich.

Er nimmt Geheimnisse mit ins Grab

Nun ist Riina gestorben, mit 87 Jahren, im Gefängnis Opera von Parma. Zu 26 lebenslänglichen Haftstrafen war er verurteilt worden, wegen Dutzender Morde. Die italienischen Fernsehsender schalteten Sondersendungen, um von seinem Tod zu berichten. Als «Breaking News». In einer Endlosschlaufe zeigten sie Tatorte der Morde an den Richtern Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, am sizilianischen Regionspräsidenten Piersanti Mattarella, am Präfekten Carlo Alberto dalla Chiesa, an all den Journalisten, Magistraten, Politikern, Unternehmern, den Rivalen und den Kindern der Rivalen.

Manche Taten liegen schon so lange zurück, dass die Aufnahmen schwarzweiss sind. Doch sie wirken nach – wie allzu lebendige Zeugnisse aus einer dunklen Epoche der italienischen Geschichte, die nie aufgeklärt wurde. Riina nimmt Geheimnisse mit ins Grab.

«Ich bereue nichts, sie werden mich nicht beugen können.»

Totò Riina zu seiner Frau während eines Gefangenenbesuchs

Es ist nämlich so, dass er in all den Jahren Chef geblieben war, auch als Weggesperrter. Bis zuletzt hielt man ihn nach den Vorgaben des «41 bis» fest. So heisst Italiens härtestes Haftregime, es wurde für die Bosse erdacht. Direkten Kontakt zu seiner Frau und seinen vier Kindern durfte Riina nie haben. Wenn sie ihn besuchten, trennte sie ein Panzerglas.

Einmal hörte die Polizei mit, wie er zu seiner Frau Ninetta Bagarella sagte: «Ich bereue nichts, sie werden mich nicht beugen können, und wenn ich noch 3000 Jahre hier drinnen sitzen muss.» Vor drei Jahren sagte er zu einem Mithäftling, mit dem er eine Runde im Hof drehen durfte, er sei noch immer «böse und schreckerregend». Trotz Isolationshaft traute man ihm bis zuletzt zu, dass er mit einer einfachen Geste, einem Augenzwinkern etwa, einen Mord in Auftrag geben konnte.

Niemand wagte es, Riina zu beerben

Die Zeitung «La Repubblica» berichtete vor einigen Tagen, die Cupola, das Leitungsgremium der Cosa Nostra, habe seit der Verhaftung Riinas nie mehr getagt. Niemand wagte es, Riina zu beerben, solange der noch lebte. Die Organisation war wie auf Standby, in Erwartung der Todesnachricht.

Nun aber, so glauben die Experten, wird die Cupola sehr bald einen Nachfolger bestimmen. Die Wahl dürfte auf Matteo Messina Denaro fallen, den Boss aus Castelvetrano. Er ist 55 Jahre alt, eine rätselhafte Figur, umrankt von Legenden. Es gibt nur zwei alte Fotos von ihm, auf einem sieht man ihn mit schwarzer Sonnenbrille: moderner, urbaner, glamouröser als «U curtu». Riina warf ihm vor, dass er sich nicht einsetzte für die Bosse, die nach den Kriterien des «41 bis» einsassen.

Er zwang den Staat gewissermassen dazu, zu reagieren.

Wie es um Cosa Nostra heute bestellt ist, ist nicht so klar. Die kalabrische ’Ndrangheta scheint mittlerweile stärker und besser vernetzt zu sein als die sizilianische Mafia. Es ist nicht einmal klar, ob Matteo Messina Denaro überhaupt auf der Insel ist und ob er von allen «Mandamenti», den Clans, als Chef anerkennt wird. Und dann fragt sich, wer denn noch in der Cupola sitzt, nachdem der Staat einen Grossteil der alten Führungsriege verhaftet und die militärische Schadkraft der Cosa Nostra gekappt hat.

Bildstrecke: Totò Riina, der Boss der Bosse

Er war der Boss der Bosse: Totò Riina wird am 16. Januar 1996 in Bologna von Polizisten zum Gericht eskortiert.
Er war der Boss der Bosse: Totò Riina wird am 16. Januar 1996 in Bologna von Polizisten zum Gericht eskortiert.
Gianni Schicchi, Keystone
Riina hinter Gittern: Am 29. April 1993 an einer Gerichtsverhandlung in Rom.
Riina hinter Gittern: Am 29. April 1993 an einer Gerichtsverhandlung in Rom.
Giulio Groglio, Keystone
Vor der parlamentarischen Kontrollkommission Copaco: Mario Mori, dem Chef des italienischen Nachrichtendienstes (Sisde), wurde zusammen mit dem Chef der Carabinieri vorgeworfen, der Mafia geholfen zu haben, indem sie das Haus von Riina nach seiner Verhaftung 1993 nicht durchsucht haben. (Rom, 26. Juli 2005)
Vor der parlamentarischen Kontrollkommission Copaco: Mario Mori, dem Chef des italienischen Nachrichtendienstes (Sisde), wurde zusammen mit dem Chef der Carabinieri vorgeworfen, der Mafia geholfen zu haben, indem sie das Haus von Riina nach seiner Verhaftung 1993 nicht durchsucht haben. (Rom, 26. Juli 2005)
/Pier Paolo Cito, Keystone
1 / 8

Mit seiner brutalen Machtstrategie hatte Riina den Bogen überspannt. Er zwang den Staat gewissermassen dazu, zu reagieren. Das mag zynisch klingen, und das ist es auch: Solange das politische Gleichgewicht einigermassen gewahrt war, tolerierte man in Rom den Parallelstaat ganz im Süden – still und auch ein bisschen komplizenhaft. Nur so erklärt sich, dass die Bosse jahrzehntelang «auf der Flucht» sein konnten, wie es hiess, obschon sie ihre Dörfer und Familien nie verliessen. Riina, der mit 19 seinen ersten Mord beging, galt ein Vierteljahrhundert lang als «latitante», als flüchtig. Der Begriff klang immer wie ein Hohn.

Nach den Morden an Falcone und Borsellino, 1992, ging es dann plötzlich sehr schnell. Nur Monate danach wurde Riina verhaftet – mitten in Palermo, an einer Kreuzung der Via Bernini, wo seine Familie lebte.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch