Deutschlands WM-Aus wirkt wie ein böses Omen

Ehrgeizig und zielstrebig: Das war Löw, und das war auch Merkel. Deutschland ahnt, dass etwas Neues kommen muss.

Zur Wachsfigur erstarrt: Angela Merkel gibts bereits im Museum, im Madame Tussauds in Berlin.

Zur Wachsfigur erstarrt: Angela Merkel gibts bereits im Museum, im Madame Tussauds in Berlin. Bild: Reuters

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Natürlich ist es ein Zufall, eine Laune der Geschichte, dass in denselben Tagen der amtierende Fussball-Weltmeister Deutschland in Russland aus dem Turnier kracht und die deutsche Kanzlerin Angela Merkel im Machtkampf mit der bayerischen Schwesterpartei CSU um ihr politisches Überleben kämpft. Irgendwie passend, vielleicht sogar folgerichtig, finden es viele Deutsche aber schon. In Kneipen und Fernsehstudios, in Gesprächen und Kommentaren werden die Wege und Schicksale von Bundestrainer Joachim Löw und Bundeskanzlerin Merkel mittlerweile so selbstverständlich überblendet und in Beziehung gesetzt, dass das Scheitern des einen nun auch für die andere wie ein böses Omen wirkt.

Die Parallelitäten fallen leicht auf. Die Ära des Trainers und der Politikerin überschneiden sich praktisch: Merkel wurde 2005 Regierungschefin, Löw 2006 Teamchef, vor ewig anmutenden zwölf Jahren also. In Sport und Politik ist ihre Langlebigkeit selten, ja beinahe unerhört. Merkel prägte Deutschland in der wirtschaftlich erfolgreichsten Zeit seit der Wiedervereinigung, Löw liess die Nationalmannschaft einen schöneren, leichteren und erfolgreicheren Fussball spielen als jemals zuvor. Während die deutsche Wirtschaft zum Exportweltmeister aufstieg, avancierte der deutsche Fussball selbst zu einem imageträchtigen Ausfuhrschlager. Merkel und Löw trugen das Bild eines Deutschland in die Welt, das zu einer selbstbewussten, aber entspannten Macht gereift war.

Verwandte Seelen verspeisen ein Cordon bleu

Nicht nur der Erfolg verbindet die beiden, auch ihre Stärken ähneln sich. Es ist jedenfalls kein Zufall, dass sie sich auch persönlich mögen und schätzen. Wenn Löw das Kanzleramt besucht, was ziemlich häufig vorkommen soll, tischt Merkel immer Cordon bleu auf. Ihre Seelen scheinen verwandt. Beide sind machtbewusster, ehrgeiziger und zielstrebiger, als sie scheinen. Beide treten im Ton leise auf, in der Sache aber hart und unbeirrbar, sodass die meiste Kritik an ihnen abprallt. Und sie bleiben bei allem Pragmatismus nicht nur ihren Grundideen eisern treu, sondern auch dem Personal, auf das sie vertrauen – seien es Beraterinnen, Minister oder Mittelfeldspieler.

Da war die Welt für alle noch in Ordnung: Kanzlerin Merkel und Bundestrainer Löw im Februar 2010. (Reuters)

Verwandt sind sich die beiden freilich auch in ihren Schwächen. Man kann in diesen Tagen richtig zusehen dabei, wie ihre Stärken von einst in die Gründe des Versagens von heute umgedeutet werden. «Wir schaffen das», sagte nicht nur Merkel zu lange, auch Löw nutzte die schlechte Vorbereitung auf das Turnier in Russland nicht dazu, das Steuer energisch herumzureissen. «Ich kann nicht erkennen, was wir jetzt anders machen müssten», meinte Merkel im Herbst letzten Jahres, als sie die Bundestagswahl 0:1 gewonnen hatte. «Einen Plan über den Haufen werfen, das machen wir schon gar nicht», meinte Löw, nachdem sein Team im ersten Spiel der WM gegen Mexiko 0:1 verloren hatte.

Es muss etwas Neues kommen – aber was?

Trotzige Unbeirrtheit und Zuversicht verwandelten sich plötzlich in Realitätsverweigerung und Selbstüberschätzung. Kanzlerin und Trainer hielten zu lange an der Strategie fest, auf lange bekannte Missstände erst zu reagieren, wenn diese nicht mehr zu übersehen waren. Ihre sprichwörtliche Gelassenheit verkam zu Bequemlichkeit, ihr Wille zu Konstanz und Stabilität zur Unfähigkeit, sich rechtzeitig zu wandeln. Selbst das Gefühl ihrer Alternativlosigkeit verblasst zusehends.

Löw hat sein Endspiel bereits verloren, bis Montag wissen wir, wie es für Merkel ausgeht. Bereits jetzt aber sind beide nur noch ein Schatten ihrer selbst. Ihre Aura – und damit der unsichtbarste, aber wichtigste Teil ihrer Macht – ist verflogen. Selbst wenn Löw am Amt des Trainers festhalten und Merkel noch Kanzlerin bleiben sollte, einen neuen Sinn und Glanz werden sie ihren Karrieren nicht mehr verleihen können, ungeachtet aller vergangenen Erfolge. In Deutschland ahnt man längst, dass nach Merkel und Löw in Fussball und Politik etwas Neues kommen muss, etwas, wovon man noch nicht weiss, was und wie es sein wird. In die Trauer des langsamen Abschieds von der Ära beider wird sich vielleicht bald auch jene Erleichterung mischen, die entsteht, wenn ein erfolgreiches Land neue Wege finden muss, um auch in Zukunft zu gewinnen.

Video: Aus und Ende

Katzenjammer im Team von Jogi Löw nach dem Schlusspfiff. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.06.2018, 11:42 Uhr

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