Eine Frau kämpft fast allein gegen alle

Die nahezu unbekannte Flensburger Bürgermeisterin Simone Lange will nicht, dass Andrea Nahles am Sonntag zur neuen Vorsitzenden der SPD gewählt wird.

«Ent­weder ich trete aus – oder ich trete vor»: Simone Lange. Foto: Christian Charisius (Keystone)

«Ent­weder ich trete aus – oder ich trete vor»: Simone Lange. Foto: Christian Charisius (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Simone wer? Kampfkandidatur? Die Bürgermeisterin einer kleinen deutschen Stadt in den Fussstapfen der ­sozialdemokratischen Säulenheiligen August Bebel oder Willy Brandt? Die Verblüffung war gewaltig, als Simone Lange erklärte, sie akzeptiere die «Einsetzung» von Andrea Nahles als Vorsitzende der Sozialdemokraten nicht und stelle sich ihr im Namen der «Basis» entgegen.

Ihr sei klar geworden, dass sie keine Wahl habe, sagte die 41-Jährige: «Ent­weder ich trete aus – oder ich trete vor.» Es gehe darum, der SPD eine Alternative zu bieten. Sich selber natürlich. Eine Kampfwahl um den Parteivorsitz hat es in der jüngeren Geschichte der 155-jährigen Partei erst einmal gegeben: 1995, als der linke Oskar Lafontaine den gemässigten Rudolf Scharping stürzte.

So wurde Simone Lange in den letzten Wochen zum Gesicht des Unmuts in der SPD, einer Partei, die zwischen der Sehnsucht nach linker Opposition und der Verantwortung pragmatischer Regierungsarbeit hoffnungslos zerrissen ist. Die junge Frau schart all jene um sich, die finden, die Parteispitze habe mit dem ständigen Mitregieren unter Angela Merkel längst alle linken Ideale verraten. Ihre Kandidatur inszeniert sie konsequent als Aufstand derer «da unten» gegen die «da oben». Über ­Andrea Nahles, die langjährige Spitzengenossin, lästert sie, die habe doch schon 2009 den Auftrag gehabt, die SPD zu erneuern. Und was sei daraus geworden? Die Wahldebakel 2013 und 2017. Und jetzt solle man dieser Frau die Zukunft der Partei anvertrauen?

Lange will die Partei scharf nach links rücken, um sie zu ihren angeblichen Wurzeln zurückzuführen. Statt von Sozialdemokratie spricht sie lieber von «demokratischem Sozialismus». Die von SPD-Kanzler Gerhard Schröder umgesetzten Sozial- und Arbeitsmarktreformen will sie nicht korrigieren, sondern rückgängig machen – und sich für den «historischen Irrtum» (der immerhin mitgeholfen hat, die Arbeitslosigkeit in Deutschland zu halbieren) auch gleich noch offiziell entschuldigen.

Lange ist in der ehemaligen DDR aufgewachsen, in Thüringen. Als die Mauer fiel, war sie 13. Als sie das Abitur machte und danach zum Studium in den westdeutschen Norden aufbrach, half Nahles Lafontaine gerade, am Stuhl Scharpings zu sägen. Lange trat in die SPD ein, um gegen Schröders Reformen zu kämpfen – ironischerweise wie Nahles damals auch. Im Unterschied zur sechs Jahre ­älteren heutigen Rivalin wurde sie aber nicht Berufspolitikerin, sondern Kriminalpolizistin. Sie kümmerte sich um die harten Fälle, Gewalt- und Sexualdelikte, später auch um Wirtschaftskriminalität. «Simone war eine 150-Prozentige», sagt ein ehemaliger Beamtenkollege: furchtlos und hartnäckig. «Was sie macht, zieht sie durch.»

Mit Postboten und Coiffeusen

In der Politik liess sich ihre Karriere eher langsam an: Kreisvorsitzende in Flensburg, einfache Landtagsabgeordnete in Schleswig-Holstein. 2016 wurde sie von einer Art grossen Grossen Koalition aus SPD, CDU und Grünen zur Oberbürgermeisterin von Flensburg gewählt, einer Stadt mit 90'000 Einwohnern unmittelbar an der Grenze zu Dänemark. Die Bürgermeisterin, Mutter von zwei Töchtern, die oft in Jeansjacke und Turn­schuhen auftritt und durch ihr Lachen auffällt, ist in der Stadt recht beliebt. Neuneinhalb Wochen zog Lange nun durchs Land, um sich bei Ortsvereinen überall in Deutschland bekannt zu machen und für ihre Wahl zu werben. Keine leichte Aufgabe, ganz ohne Vorbereitung und Unterstützung, von der Parteispitze schief angesehen oder ignoriert.

Demonstrativ versammelte sie eine Schar ehrenamtlicher Helfer um sich, einen Postboten, zwei Coiffeusen, einen Studenten, die sie nicht nur begleiten, sondern sozusagen belegen, dass hier ­jemand fast allein gegen alle antritt. Gegen das Partei-Establishment. Mehr als 80 Ortsvereine würden sie bereits unterstützen, freut sich Lange. Die SPD zählt freilich deren 7741.

Ihre Chancen, die Wahl Nahles’ zu verhindern, sind winzig. Aber bis zu 30 Prozent der Delegiertenstimmen trauen ihr Beobachter am Sonderparteitag in Wiesbaden morgen Sonntag durchaus zu. In Langes Heimat argwöhnt man, ihr Ziel sei ohnehin nicht der Vorsitz der SPD, ihre Kandidatur diene einzig dazu, bekannt zu werden. Ihre eigentliche Ambition gelte dem Landesvorsitz der SPD von Schleswig-Holstein. Diesen Posten besetzt seit zehn Jahren der ebenso knurrige wie scharfzüngige Ralf Stegner, Vize der Bundespartei und einer der prominentesten Linken. Stegner unterstützt am Sonntag natürlich Präsidiumskollegin Nahles. Das erstaune ja wohl niemanden, schimpft Lange. Man müsse schon auch können, wofür man sich bewerbe, ätzt Stegner zurück.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2018, 22:55 Uhr

Artikel zum Thema

Nie war die deutsche Politik weiblicher

Eine ewige Kanzlerin, Frauen an der Spitze der beiden Volksparteien und etliche neue Ministerinnen. Das sorgt für erstaunlich wenig Aufsehen. Mehr...

Die SPD zerlegt sich selbst

Aus Angst vor einem Nein der Mitglieder zur Grossen Koalition zwang die SPD Martin Schulz zur Aufgabe seines Traums. Doch wer ist für das interne Chaos verantwortlich? Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Ein Banker im Wankdorf

Michèle & Friends Werden Kater mit dem Alter schlimmer?

Die Welt in Bildern

Grossflächig: Der für seine in die Landschaft integrierten Kunstwerke bekannte französische Künstler Saype zeigt im Park La Perle du Lac sein Werk «Message from Future». (16. September 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...