Ein Staat vertreibt seine Bürger

Bosnien-Herzegowina wählt zum achten Mal seit Ende der Balkankriege. Die ethnische Spaltung lähmt das Land noch immer. Die Jungen wollen nur eins: weg.

Der Platz Bascarsijska im Zentrum der historischen Altstadt von Sarajevo. Im Hintergrund eine Moschee. Foto: Anthony Micallef (Haytham-Rea, lai)

Der Platz Bascarsijska im Zentrum der historischen Altstadt von Sarajevo. Im Hintergrund eine Moschee. Foto: Anthony Micallef (Haytham-Rea, lai)

Peter Münch@SZ

Adi Operta ist 27 Jahre alt, er ist Geograf kurz vor dem Diplom und Optimist aus Überzeugung. Optimisten sind eher selten zu finden in Bosnien, und das nicht nur, weil sich auf dem Balkan der Pessimismus aus Erfahrung speist. Adi Operta ist ein einsamer Optimist, weil die meisten anderen seiner Art längst weg sind. In Deutschland oder Schweden, in Dubai oder in Amerika. «Das System treibt einen raus aus diesem Land», sagt er. «Aber ich hoffe, dass am Sonntag etwas Riesiges passiert.»

Am Sonntag sind Wahlen in Bosnien-Herzegowina, und es gibt im ganzen Land kaum eine Reklamewand oder einen Laternenpfahl, an dem nicht das Konterfei eines Kandidaten hängt. Die rund 3,3 Millionen Stimmberechtigten haben die Auswahl zwischen 53 Parteien, 36 Koalitionen und 34 unabhängigen Kandidaten. Gewählt wird in diesem zerklüfteten Staatsgebilde auf allen Ebenen: Im Gesamtstaat geht es um die Mitglieder der dreiköpfigen Präsidentschaft und des Parlaments. Dazu kommen die jeweiligen Präsidenten und Volksvertreter in der bosniakisch-kroatischen Föderation und in der Republika Sprska, also in den beiden sogenannten Entitäten, in die Bosnien nach ethnischen Kriterien geteilt ist. Und ausserdem sind noch die Parlamente in den zehn Kantonen der Föderation neu zu bestimmen.

Angehender Geograf und Optimist aus Überzeugung: Adi Operta. Bild: PD

Ein riesiger Aufwand sind diese achten Nachkriegswahlen, überwacht von Tausenden internationalen Beobachtern. Doch dass sich etwas ändert an der Dominanz der nationalistischen Parteien aller drei Volksgruppen, darauf setzt kaum einer im Land. 86 Prozent der Bosnier glauben, dass sich ihr Land in die falsche Richtung bewegt. Die Älteren müssen das ertragen, so, wie sie in den Neunzigerjahren den Zusammenbruch aller Gewissheiten ertragen haben, den Zerfall Jugoslawiens und den Krieg mit mehr als 100'000 Toten und zwei Millionen Vertriebenen. Die Jungen jedoch suchen nach Wegen, um dem langen Schatten dieses Krieges zu entkommen – sie verlassen ihre Heimat. Schätzungsweise 150'000 Bosnier haben allein seit der letzten Wahl vor vier Jahren ihrem Land den Rücken gekehrt. Adi Operta aber, der junge Muslim aus Sarajevo, ist geblieben.

Kein Land für Geografen

So wie auch Tamara Saražic, die serbische Medizinstudentin aus Banja Luka. Auf diesen Kriegskindern, die in anderen, glücklicheren Ländern Millennials heissen, lastet zunehmend einsam die Verantwortung für die Zukunft ihres Landes. Dabei haben sie eigentlich genug damit zu tun, sich in der rauen Gegenwart zurechtzufinden. «Als Geograf kann man in Bosnien keine Arbeit finden», sagt Adi Operta. «Von den Freunden und Kommilitonen sehe ich die meisten nur noch im Sommer, wenn sie auf Besuch zu ihren Familien kommen.» Herausgetrieben aus ihrem Land hat sie die Jugendarbeitslosigkeit, die laut einer Statistik der Weltbank bei 67,5 Prozent liegt. Adi Operta schlägt sich durch mit Gelegenheitsjobs, führt Touristen durch die pittoreske Altstadt von Sarajevo. Was ihn hier hält?

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«Die Liebe zu dieser Stadt», sagt er. «Das ist mein Problem.» Dabei wüsste er, was er tun muss, um voranzukommen in diesem Land: «Ich müsste einer Partei beitreten und Teil dieses schmutzigen Systems werden», erklärt er. Die Regierenden nämlich, allen voran die seit Kriegstagen bei den muslimischen Bosniaken dominierende Partei der demokratischen Aktion (SDA), verteilen Jobs und Pfründe, um sich das Wahlvolk gewogen zu halten. «Aber das ist nichts für mich», sagt Adi Operta. Er will seine Stimme am Sonntag einer kleinen multi-ethnischen Gruppierungen namens Naša Stranka geben, zu Deutsch: Unsere Partei. Mehrheitsfähig ist die noch lange nicht. «Aber irgendwann muss sich hier ja etwas verändern», sagt der Optimist aus Sarajevo, «wenn nicht heute, dann in zehn Jahren.»

«Die Löhne hier sind eine Schande», sagt Medizinstudentin Tamara Saražic. Bild: PD

Auf Veränderung hofft auch Tamara Saražic, die 250 Kilometer entfernt von Sarajevo jenseits einer unsichtbaren Grenze in Banja Luka lebt, der Hauptstadt der Republika Srpska. 25 Jahre ist sie alt, im Medizinstudium weit fortgeschritten, und zumindest um einen Job nach dem Studium muss sie sich keine allzu grossen Sorgen machen. Ärzte werden gebraucht in Bosnien, vor allem auch, weil so viele Ärzte mittlerweile woanders ihr Geld verdienen. «Einer muss hier für drei arbeiten», sagt sie – und das für 1500 bosnische Marka im Monat, umgerechnet 750 Euro. Immerhin ist das fast doppelt so viel wie der Durchschnittslohn. «Aber die Löhne hier sind eine Schande», meint Tamara Saražic. Genau wie in Sarajevo haben auch in Banja Luka viele daraus die Konsequenzen gezogen. «Die meisten meiner Freunde sind bereits weg oder suchen einen Weg, aus dem Land zu kommen», sagt sie. «Aber wenn alle wegrennen, ist das doch keine Lösung. Wir müssen selbst für eine bessere Zukunft sorgen.»

Hoffen auf Moskau

Wie diese Zukunft aussehen soll, darauf geben die Führer der bosnischen Serben stets dieselbe Antwort: Während in Sarajevo die Politiker der Föderation ihren Bürgern zumindest noch ein besseres Leben in der Europäischen Union verheissen, irgendwann einmal, setzten sie in Banja Luka allein auf die Abspaltung der Republika Srpska aus dem Gesamtstaat und auf Hilfe aus Moskau. Wenn man Tamara Saražic nach der Politik in Banja Luka fragt, dann fällt ihr vor allem «Stillstand» ein, und über «Korruption» klagt sie wie alle hier. Die über dem Land liegende Friedhofsruhe ist zuletzt immerhin gestört worden durch eine Protestbewegung mit dem Namen «Gerechtigkeit für David».

Seit Monaten fordert eine stetig wachsende Zahl von Demonstranten, die sich allabendlich auf dem zentralen Krajina-Platz versammelt, von der Regierung Aufklärung zum Tod des Studenten David Dragicevic, der im Frühjahr übel zugerichtet in einem Abwasserkanal gefunden worden war. Die Ermittler sprachen sofort von einem Unfall, die Protestler glauben an einen Mord im politisch-kriminellen Milieu, der von der Regierung gedeckt wird. «Ab und zu, wenn ich Zeit habe, gehe ich auch zu den Demonstrationen», sagt Tamara Saražic. Aber zur Barrikadenstürmerin taugt sie nicht. Wichtiger als der Protest ist ihr die Wahl am Sonntag. «Da müssen so viele wie möglich hingehen», sagt sie, «wir müssen Verantwortung für uns selber übernehmen.» Wem sie ihre Stimme geben wird, das will sie nicht verraten. Es gilt das Wahlgeheimnis, klar, «aber ich muss ja hier auch noch länger leben», sagt sie mit einem freundlichen Lächeln.


Bildstrecke: Das Kriegstheater Sarajevo

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Zurück nach Sarajevo, zu einem grauhaarigen Herrn von 69 Jahren, der schon viele Umbrüche und viele Wahlen erlebt hat in diesem Land – und der nun mit wenig Verwunderung auf die langen Schlangen vor den ausländischen Botschaften blickt. «Alle wollen weg», sagt Esad Bajtal, «die können den physischen Druck, diese Atmosphäre der nationalistischen Spannung nicht mehr aushalten.» Bajtal ist Philosoph, ein kluger Beobachter der politischen Vorgänge, und im eigenen Land ist er zum Fremden geworden. «Ich fühle mich als Bürger Bosniens», sagt er, «nicht als muslimischer Bosniake oder als Kroate oder Serbe – und damit bin ich hier nichts, nur noch Abfall.» Bosnien ist für ihn «ein Staat, den es gar nicht gibt». Erschaffen von der internationalen Gemeinschaft im Friedensvertrag von Dayton anno 1995.

Regiert von «kriminellen ethnischen Gruppen, die sich als Parteien ausgeben». Er verlangt ein «Dayton 2», eine neue internationale Initiative, die Bosnien neu erschafft ohne die damals zementierte ethnische Teilung. «Die demokratischen Staaten haben uns etwas sehr Undemokratisches gegeben», klagt er. «Und jetzt helfen sie uns nicht, demokratisch zu werden.» Dafür, dass Bosnien ein ganz normaler Staat wird ohne die komplizierten, dysfunktionalen Strukturen, kämpft Esad Bajtal schon seit dem Friedensschluss vor fast einem Vierteljahrhundert. «Damals dachte ich, dass die Auseinandersetzung beendet ist und wir etwas Besseres schaffen», sagt er. «Heute habe ich den Glauben daran verloren.» Aufgeben will er nicht, das betont er immer wieder. «Ich bleibe hier und kämpfe weiter», erklärt er bestimmt, «das ist meine Sisyphuslogik.» Aber Esad Bajtal hat eine Frau und einen kleinen Sohn, fünf Jahre ist er alt. Für ihn sieht er keine Zukunft mehr in Bosnien. «Ich tue alles, um die beiden von hier wegzubringen», sagt er. «Wenigstens sie sollen ein normales Leben führen können.»

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