Ein Mann, ein Ort

Was Martin Schulz antreibt, versteht man am besten, wenn man sein Heimatstädtchen in der rheinländischen Provinz besucht.

Die Begeisterung für die Politik wurzelt in der Familie: Kanzlerkandidat Martin Schulz. Foto: Thomas Trutschel (Getty Images)

Die Begeisterung für die Politik wurzelt in der Familie: Kanzlerkandidat Martin Schulz. Foto: Thomas Trutschel (Getty Images)

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Wer sich zur Wahl empfiehlt, braucht ein Leitmotiv. Eines, das den Menschen auf den Punkt bringt. Bei Martin Schulz ist dieser Punkt ein Ort. «Ich komme aus Würselen», sagt er in seinen Reden immer. Die kleine Stadt bei Aachen sei Provinz, ja, aber er schäme sich nicht dafür, sondern sei stolz darauf. Würselen widmet er das erste Kapitel seines Buchs «Was mir wichtig ist». Er schreibt, die Stadt sei seine Heimat, und sie sei auch stets der Fixpunkt seines Lebens geblieben. Selbst als er in Brüssel arbeitete, blieb er immer dort wohnen.

In Würselen war Schulz elf Jahre lang Bürgermeister, von 1987 bis 1998, sein bisher einziges Regierungsamt überhaupt. Es sei nicht das geringste, sondern das wichtigste, behauptet er nun, da er im Kanzleramt Angela Merkel ablösen will. Wer einmal Bürgermeister gewesen sei, der kenne alle Probleme der Menschen: Ob beim Arbeitsamt oder bei der Polizei, im Altersheim oder beim Jugendamt, im Sportclub oder der Kulturszene, bei Mittelständlern oder kleinen Ladenbesitzern – alles lande am Ende auf dem Tisch des Bürgermeisters.

Unausgesprochen breitet sich darunter seine eigentliche Botschaft aus: Ich, Martin Schulz, komme vom Land, ich bin einer, der den Alltag der kleinen Leute kennt, einer aus dem Volk, nicht Teil einer abgehobenen Berliner Politikerkaste, die aus ihren Helikoptern das wahre Deutschland gar nicht mehr erkennen kann. Würselen ist nicht nur meine Heimat, suggeriert Schulz. Würselen ist überall. Kleinstädte sind das heimliche Herz Deutschlands. Würselen ist für Schulz Metapher, Legitimation und Programm zugleich.

Video: Die Deutschen Kanzler im Schnelldruchlauf

Von Adenauer bis Merkel: Eine nostalgische Videobetrachtung der deutschen Regierungschefs. Video: Lea Koch, TA

Wer Würselen auf den Spuren von Martin Schulz besucht, trifft im Aachener Dreiländereck zwischen Belgien, Holland und Deutschland ein einfaches Städtchen an, in dem knapp 40'000 Menschen geruhsam leben. «Würsln» sagen die Einheimischen in ihrem rheinischen Dialekt, der mit vielen «sch» durchsetzt dahinplätschert. Das einzige Gebäude, das aus den zweistöckigen Klinkerbauten herausragt, ist der übermässig grosse und prächtige «Dom» St. Sebastian, dem man seine tausendjährige Baugeschichte ansieht. In der Kaiserstrasse, der zentralen Einkaufsallee, steht immer noch die kleine Buchhandlung, die Schulz 1982 gegründet hat. Seine Nachfolgerin verkauft vornehmlich Kinder- und Jugendbücher, aber auch Schulz’ Biografie und sein eigenes Buch liegen auf, gleich neben dem des Dalai Lama.

Am Lindenplatz findet sich das Haus, in dem er aufwuchs. Dahinter breitet sich das idyllische Stadion des ehemals bedeutenden Fussballclubs Rhenania Würselen aus. Dort träumte der junge Martin davon, Profi zu werden, jedenfalls so lange, bis die Bänder im Knie rissen. Jupp Derwall, der 1980 als Trainer mit Deutschland Europameister wurde, ist neben Schulz der berühmteste ehemalige Spieler. Am Magnolienweg wohnt Schulz mit seiner Frau Inge, einer Landschaftsarchitektin, in einem schmucken, aber kleinen Doppelfamilienhaus aus Backstein. «Ich dachte, der könnte sich jetzt etwas Besseres leisten», flachst der Postbote, der die Zeitung bringt.

Ich, Martin Schulz, komme vom Land und bin einer aus dem Volk.

Ein grosser Anhänger von Schulz ist dessen Nach-Nach-Nachfolger als Bürgermeister, Arno Nelles. «Wer hier aufwächst, der saugt die europäische Integration mit der Muttermilch auf», sagt der 62-jährige Sozialdemokrat. Sein Büro sieht noch genauso aus wie damals, als Schulz hier waltete. Stabile Möbel halt. «Wir leben hier das friedliche Miteinander ohne Grenzen seit Kindesbeinen.» Schulz’ Vorfahren stammen aus Belgien, den Niederlanden und Deutschland. Im 1. und im 2. Weltkrieg haben sie teils gegeneinander gekämpft.

Schulz erzählt oft von seinem Onkel, der mit der Wehrmacht in Russland war. Nach dem Krieg half er in Belgien freiwillig mit, Minen zu entschärfen, die die Deutschen gelegt hatten und kam dabei ums Leben, 20 Jahre jung. Daraus speist sich Schulz’ Überzeugung, dass Europa alles tun muss, um Kriege zu verunmöglichen. Die europäische Einigung sei dafür der Königsweg. Schulz, der langjährige Präsident des Europäischen Parlaments, nennt die EU die «grösste zivilisatorische Errungenschaft des letzten Jahrhunderts».

Merkel oder Schulz? Wahlplakate auf deutschen Strassen. Foto: Clemens Bilan/ Keystone

Auch die Begeisterung für die Politik wurzelt in der Familie. «Bei uns wurde über nichts anderes geredet», schreibt Schulz. 1955 geboren, war er das jüngste von fünf Kindern. Die dominante Mutter, rheinisch-katholisch geprägt, war überzeugte Christdemokratin. Der Vater und die Kinder neigten alle zur Sozialdemokratie. Martins Vorbild war «Willy»: Wegen Willy Brandt engagierte er sich bei den Jungsozialisten.

Würselen ist die Bühne für seine beispielhafte sozialdemokratische Aufsteigergeschichte. Der Grossvater arbeitete im Bergbau, der Vater war Polizist. Doch statt etwas Solides zu lernen, stürzte der junge Martin erst einmal ab. Er blieb im Gymnasium zweimal sitzen, ging schliesslich ohne Matura ab. Als ihm auch noch der Fussball abhandenkam, begann er zu trinken. Er absolvierte noch die Buchhändlerlehre, konnte sich danach aber in keinem Job halten.

Ein «kleiner Wüterich»

Er verkam immer mehr, wollte sich umbringen. Da stellten ihn seine Freunde vor die Wahl: Hör auf zu trinken, oder geh zugrunde. Am 26. Juni 1980, nach einer durchsoffenen Nacht, entschied er sich. Von diesem Tag an trank er keinen Schluck Alkohol mehr. Dann eröffnete er die Buchhandlung, er war gerettet. Und mit 31 Jahren wurde er Bürgermeister, der jüngste in Nordrhein-Westfalen. «Stürzen ist nicht verwerflich», sagt Arno Nelles dazu, der Nachfolger. «Nur nicht wieder aufstehen ist es.»

Schulz’ Leistung als Bürgermeister von Würselen ist umstritten. Wenigstens über den grössten Erfolg und die grösste Pleite herrscht Einigkeit: Schulz half bis 1994 mit, auf dem Kaninsberg ein grosses Gewerbegebiet namens Aachener Kreuz aufzubauen, in dem seither mehr als 4000 neue Arbeitsplätze entstanden sind. Das loben alle.

Doch in seiner letzten Amtsperiode setzte er gegen den erklärten Willen der Bevölkerung den Bau eines Spassbads durch, das der Stadt hohe Schulden und bis heute Millionendefizite beschert. Schulz sagt in seiner Biografie, es sei einer seiner grössten politischen Fehler gewesen, dass er das Anliegen der Bürgerinitiative, die sich gegen das Bad wehrte, missachtet habe. Er habe sich damals vor allem um seine Arbeit im Europaparlament gekümmert, in das er 1994 gewählt worden war, seine Aufgaben in Würselen habe er darüber vernachlässigt. Nach seinem Abgang wurde die SPD von den Wählern hart abgestraft, das Bürgermeisteramt fiel für zehn Jahre an die CDU.

Er kann nicht nur glänzend reden, er kann auch mit allen reden.

Für Harald Gerling zeigten sich in der Spassbad-Affäre die unvorteilhaften Seiten von Schulz’ Persönlichkeit. Der 72-jährige Gerling politisierte ein Leben lang für die lokale CDU, hat eine spitze Zunge und gilt als einer der wenigen Würselener Gegner des Kanzleranwärters. «Im Machtstreben ist Schulz eiskalt», sagt er. Und er sei ein «kleiner Wüterich», wenn etwas nicht nach seinem Kopf laufe. Bereits in Würselen habe er eine Art Günstlingssystem eingerichtet. Er habe Getreue um sich geschart, die ihm zugearbeitet hätten und für die er mit Steuergeldern gut gesorgt habe – ein Gebaren, das ihm später auch in Brüssel und Strassburg vorgeworfen wurde. Entgegen Schulz’ Suggestion, der Bürgermeister entscheide in der Gemeinde alles, war sein Amt damals vorwiegend repräsentativ. Die eigentliche Macht lag beim Stadtdirektor, der die Verwaltung führte, und beim Rat, wo der Bürgermeister nur eine Stimme unter vielen hatte. Gerling nennt Schulz denn auch «die grösste Sprechblase von Würselen».

Selbst sein Kult um Würselen sei zur Hauptsache inszeniert. «In den letzten Amtsjahren hat er hier alles schlabbern lassen.» Und danach, als er ausschliesslich Europapolitiker war, habe man ihn in Würselen kaum mehr gesehen. Er habe es deshalb auch kurios gefunden, dass ihn der Stadtrat 2016 zum Ehrenbürger ernannt habe. «Ehrenbürger Europas, das hätte ich verstanden. Für die EU hat er viel geleistet.»

Gerling spricht nicht nur schlecht über Schulz. Wie die halbe Stadt nennt er ihn «unseren Martin», lächelt dazu aber ironisch. Schulz könne nicht nur glänzend reden, sondern er könne auch mit allen reden. Ganz unbefangen und offen, mit allen per Du. Das sei seine grösste Stärke. Nelles, der Bürgermeister, lobt vor allem seine Überzeugungskraft, sein Geschichtsbewusstsein und seinen fröhlichen Pragmatismus, der typisch rheinisch-katholisch sei: «werteorientiert, aber ohne Prinzipienreiterei – eine leichtere Einstellung zum Leben, um besser mit dem Schweren umgehen zu können».

Der nächste Aussenminister?

Gerling ist von Schulz’ bisherigem Wahlkampf enttäuscht. Erst habe er nur seine Person in den Vordergrund gestellt, und als er endlich ein Programm hatte, habe es die Leute schon nicht mehr interessiert. Jetzt komme er im Wahlkampf eigentlich nur noch vor, wenn er beleidigt sei oder gegen Merkel schimpfe, mit der er in Brüssel zuvor immer gut zusammengearbeitet habe. Er sei «felsenfest überzeugt», dass Schulz die Wahl verliere – und dann Aussenminister in einer erneuten Grossen Koalition werde.

Ginge es nach Nelles, wäre er das schon vor Monaten geworden, gleich bei seiner Ernennung als Parteichef und Kandidat: «Am Vergleich mit Sigmar Gabriel sieht man, wie das wirken kann: Als Gabriel Parteichef war, galt er als Bleigewicht der SPD. Als Aussenminister ist er nun plötzlich eine Lichtgestalt – und Schulz wirkt im Vergleich zu Merkel und ihm wie ein Provinzler.»

Ist die Betonung des Provinziellen also vielleicht doch ein Nachteil des Kandidaten Schulz? Von Berlin aus möge es vielleicht so aussehen, meint Nelles. Doch in Deutschland sei die Provinz lebendig. Im Unterschied zu anderen europäischen Ländern widerstehe man dem globalen Trend in die Städte bisher gut. Die ländliche Struktur sei noch weitgehend intakt, auch wirtschaftlich, und das sei unbestritten eine der Stärken des Landes. «Für mich ist Provinz kein Schimpfwort», schreibt Schulz. «Die Provinz hat Deutschland stark gemacht.» Hier spiele sich das wahre Leben ab, meint Nelles. Und Schulz’ Leitmelodie säuselt wie ein Echo: Sind wir nicht alle ein bisschen Würselen?

Martin Schulz: Was mir wichtig ist. Rowohlt 2017. Margaretha Kopeinig: Martin Schulz – vom Buchhändler zum Mann für Europa, Czernin 2016.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2017, 18:46 Uhr

TV-Duell

Schulz’ letzte Chance

Angela Merkel und Martin Schulz geben derzeit eine Fülle von Interviews – aber am Fernsehen treten sie nur ein einziges Mal gegeneinander an: am Sonntag ab 20.15 Uhr. Entsprechend gilt das Duell drei Wochen vor der Wahl auch als wichtigstes Einzelereignis dieses Wahlkampfs. Die Sendung dauert 90 Minuten. Die Kanzlerin und ihr Heraus­forderer werden von Sandra Maischberger (ARD), Maybrit Illner (ZDF), Peter Kloeppel (RTL) und Claus Strunz (Sat 1) befragt. Experten erwarten, dass knapp jeder fünfte Deutsche zusehen wird – rund 15 Millionen.

Die TV-Sender und Schulz hätten nicht nur gern mehrere Duelle ausgetragen, sondern sich auch ein «lebendigeres» Befragungsformat samt Publikum gewünscht. Die Kanzlerin lehnte solche Neuerungen jedoch kategorisch ab. Merkel fühlt sich in engeren Gesprächssituationen wohler, bei Schulz ist es umgekehrt. Nach Ansicht vieler Beobachter ist das Duell Schulz’ letzte Chance, seine schlechten Umfragewerte zu verbessern. In Merkels Umfeld gilt der Termin als der gefährlichste des Wahlkampfs. (de)

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