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Ein Heidi für Erdogan

Hamdu Sena Bilgin rettete Ziegen und wurde zum Star.

Ein perfektes Aushängeschild für den Präsidenten: Die Schülerin Hamdu Sena Bilgin.
Ein perfektes Aushängeschild für den Präsidenten: Die Schülerin Hamdu Sena Bilgin.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ist nicht als Freund des freien Internets bekannt. Wiederholt liess er den Zugang zu Facebook, Youtube oder Twitter einschränken. Dennoch lädt er diesen Sonntag zur Feier des 94. Jahrestags der Republikgründung einen Social-Media-Star ein: die erst 12-jährige Hamdu Sena Bilgin, besser bekannt als «das Heidi von Rize».

Zum Phänomen wurde die Schülerin durch eine beherzte Geissen-Rettungsaktion. Auf einer Alpweide wurden die Tiere ihres Vaters vom Schnee überrascht. Und ausgerechnet an diesem Tag hatte eine von ihnen ein Zicklein geboren. Das Muttertier und sein Junges waren zu geschwächt für den Weg, sie drohten zu erfrieren.

Kurzerhand holte Hamdu zwei Schulrucksäcke. In einem trug sie die Mutterziege durch den kniehohen Schnee, den Rucksack mit dem Zicklein schnallte sie Schäferhund Tomi auf den Rücken. Ihr Bruder Ali machte Bilder mit dem Handy. Sie gingen um die Welt, und die türkischen Medien waren entzückt.

Kinderbücher mit Propaganda

Johanna Spiris «Heidi» kennt nämlich auch in der Türkei fast jedes Kind. Das Buch stand in der persönlichen Bibliothek des Staatsgründers Atatürk. 2005 wurde es vom Bildungsministerium auf eine Liste von 100 besonders empfehlenswerten Kinder- und Jugendbüchern gesetzt. Das sorgte für eine veritable Kopftuchdebatte in den türkischen Medien, weil die Grossmutter von Heidis Freundin Klara auf einer Illustration mit Kopftuch und langem Mantel abgebildet ist.

Die Zeitung «Hürriyet» klagte damals, jetzt würden bereits Kinderbücher für Erdogans «Kopftuchpropaganda» benutzt. Den Kindern werde suggeriert, es gebe keine anderen Lebensweisen als die islamische. Diese Sorge ist Erdogan los, sein türkisches Heidi, das Mädchen Hamdu, trägt von Haus aus das Hirtenkopftuch.

Auch sonst ist das mutige Mädchen ein perfektes Aushängeschild für den Präsidenten. Die Provinz Rize am Schwarzen Meer ist Erdogans Stammland. Von hier kommen seine Eltern, und in keiner Provinz holt seine Partei mehr Stimmen, über 64 Prozent. Damit dies auch so bleibt, investiert Ankara in Prestigeprojekte wie eine Autobahn entlang der Schwarzmeerküste. Zusätzlich soll eine über zweitausend Kilometer lange «grüne Strasse» das Gebirge für den Tourismus erschliessen. Da kommt Erdogan ein «Heidi» ganz recht, das eine ganz persönliche Strassengeschichte zu erzählen hat.

«Ich hätte gerne meine Ziegen zum Treffen mit dem Präsidenten mitgebracht», sagte sie der Boulevardzeitung «Millyet». Aber dazu hätte sie die Tiere mehrere Kilometer auf dem Rücken tragen müssen, weil die Strassen so schlecht seien. «Ich hab es den Behörden gesagt, aber niemand hat sich darum gekümmert. Deshalb habe ich einige meiner Ziegen verkauft. Ich spare momentan Geld und will die Strassen aus eigener Tasche bezahlen.» Falls die 12-Jährige später nicht Tierärztin wird, will sie in die Politik gehen.

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