Ein Däne will in Rostock Bürgermeister werden

Claus Ruhe Madsen, der fröhliche Möbelunternehmer und Politikneuling, hat als parteiloser Kandidat gute Chancen.

«Soziale Empathie, grünes Herz, wirtschaftlicher Verstand»: Claus Ruhe Madsen bewirbt sich als Bürgermeister von Rostock. Foto: Bernd Wüstneck (Keystone)

«Soziale Empathie, grünes Herz, wirtschaftlicher Verstand»: Claus Ruhe Madsen bewirbt sich als Bürgermeister von Rostock. Foto: Bernd Wüstneck (Keystone)

Dominique Eigenmann@eigenmannberlin

Man kann nicht sagen, Claus Ruhe Madsen verheimliche, dass er nicht Deutscher ist. Vielmehr wirbt er geradezu damit. Vor seinem Möbelhaus, das sinnigerweise «Wikinger» heisst, weht die dänische Flagge wie ein Segel, und auch in seinem Büro sind die rot-weissen Farben all-gegenwärtig: Für Madsen ist Dänemark Erkennungszeichen und Gütesiegel zugleich.

Der 46-jährige Däne bewirbt sich am Sonntag als Bürgermeister der Ostsee-Hafen- und Hansestadt Rostock – als EU-Ausländer kann er in deutschen Gemeinden seit mehr als 20 Jahren problemlos wählen und gewählt werden. Er wolle selbst dann keinen deutschen Pass, wenn er gewinne, beteuert er. Er sei Rostocker und Europäer, das genüge.

Madsen ist ein ziemlich unkonventioneller Mensch, jedenfalls wenn man nordostdeutsche Massstäbe daran anlegt. Mit seinem grau-braunen Rauschebart und seinen Kapuzenpullis sieht er eher wie ein Alternativer aus als wie ein erfolgreicher Kaufmann. Statt mit Wahlmobil flitzt er mit einem Lastenrad durch die Stadt, statt mit Ernst fällt er mit Humor und Selbstironie auf. Er hat keinen Plan, sondern Ideen. Madsen sagt selber, er müsse sich zuweilen neu erfinden, sonst langweile er sich. Er stelle sich immer die Frage: «Wären Sie ein Buch, würden Sie es lesen?»

 Er verspricht, «durchzustarten und zu machen, nicht nur zu überlegen».

Dass Politik das neuste Kapitel seines Lebens sein könnte, darauf ist der fröhliche Däne nicht selber gekommen. Die lokale CDU fragte ihn, ob er mit ihrer Unterstützung als Parteiloser kandidieren wolle. Als Madsen zusagte, stellte sich auch die FDP hinter ihn. Ganz ähnlich war er fünf Jahre zuvor bereits Chef der Rostocker Industrie- und Handelskammer geworden – als erster Ausländer in ganz Deutschland.

Dabei hat Madsen bereits jetzt alle Hände voll zu tun: Er hat eine Möbelhauskette aufgebaut und leitet sie, mit fünf Filialen quer durch Ostdeutschland und mehr als 100 Mitarbeitern. Einmal im Jahr organisiert der leidenschaftliche Rennradfahrer eine grosse Benefiz-Tour, um schwerkranke Kinder zu unterstützen. Er trainiert die Handballmädchen des SV Warnemünde und zieht mit seiner Frau, einer Finnin, selbst ein zehnjähriges Mädchen auf.

Abenteuerlust hatte Madsen schon nach Deutschland geführt. Nach einer Kindheit in Kopenhagen und an der dänischen Nordsee, einer halbjährigen Schulpause auf einem Fischkutter und glänzender Matura heuerte er im Ruhrgebiet bei einem Möbelhändler an. Vor 21 Jahren siedelte er nach Rostock über, der Stadt mit 210'000 Einwohnern, die längst seine Heimat geworden ist. Dänemark liegt praktischerweise gleich nebenan, 40 Kilometer über die Ostsee.

«Soziale Empathie, grünes Herz, wirtschaftlicher Verstand», so skizziert Madsen seine politische Haltung. Er verspricht, «durchzustarten und zu machen, nicht nur zu überlegen». 150'000 Euro aus dem eigenen Vermögen investiere er in den Wahlkampf, argwöhnen seine Gegner, die favorisierten Politprofis von SPD und Linkspartei, die Rostock seit langem beherrschen. Gelingt das Wagnis des sympathischen Neulings, wäre Claus Ruhe Madsen der erste ausländische Bürgermeister einer deutschen Grossstadt überhaupt.

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