Ein Butler für die Reichen

Als Bürgermeister von London hat Boris Johnson weit weniger erreicht, als er behauptet.

Am besten war seine Show: Boris Johnson bei einem Parteiauftritt im Oktober. Foto: Dan Kitwood (Getty Images)

Am besten war seine Show: Boris Johnson bei einem Parteiauftritt im Oktober. Foto: Dan Kitwood (Getty Images)

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Als «grössten Job der Welt» bezeichnete Boris Johnson einmal das Amt des Londoner Bürgermeisters. Das war, als er es vor acht Jahren übernahm. Nun, da er es abgibt, kann sich der Tory-Politiker einen noch grösseren Job vorstellen. Er hält sich bereit, Partei- und Regierungschef David Cameron zu beerben, falls die Briten seinem Rat folgen und im Juni den EU-Austritt beschliessen. Auf Daves Sturz wartet Boris schon lange.

Insofern fällt es dem scheidenden London-Mayor nicht schwer, dem vormals «grössten Job der Welt» Farewell zu sagen. Das Amt hat, was ihn betrifft, seine Schuldigkeit getan. Mit Sturzhelm und Velo ist der blonde Wuschelkopf zu einem Begriff der Insel-Politik geworden. Und mit Clownerie und cleverem Populismus sogar zum beliebtesten Politiker im Königreich.

Nicht einmal seine politischen Gegner würden bestreiten, dass Johnson die Stadt geschickt zu verkaufen wusste. Dass er der ewig kapitalhungrigen City of London Investoren und superreiche Kundschaft aus aller Welt zugeführt hat.

Was hat er eigentlich für uns getan?

Dennoch fragen sich viele Londoner, was an Substanz er der Stadt hinterlässt. Denn obwohl er sich mithilfe seiner perfekten PR-Maschinerie zu allem aufspielte, was sein Amt für die Stadt entschied, war nur das wenigste seine Idee.

Die «Boris Bikes» zum Beispiel, die kommunalen Leihfahrräder, verdankte London nicht ihm, sondern einer Initiative seines Labour-Vorgängers Ken Livingstone. Dieser hatte auch den Bus- und den U-Bahn-Verkehr in London verbessert, Fahrpreise niedrig gehalten und die elektronische Fahrkarte, die «Oyster Card», entworfen.

Boris, Boris, Boris, Boris, Boris, Boris, Boris und ja: Boris.

Johnson hingegen entschloss sich in einem Anfall von Wehmut, den alten Routemaster-Bus, den Bus mit offener Plattform, wieder einzuführen. Der sollte, in der neuen Version, «Boris Bus» heissen. Er erwies sich aber als superteuer und hat zum Verkehrsfluss wenig beigetragen. Auch andere Projekte dienten vor allem dem Prestige ihres Schöpfers – wie das Konzept einer kommerziell ausbeutbaren Gartenbrücke, die natürlich «Boris Bridge» heissen sollte.

Ein weiterer Plan, der schnell ins Trudeln kam, war der eines 70-Milliarden-Pfund-Flughafens in der Themsemündung, auf «Boris Island». Den hielt so gut wie jedermann für Fantasterei. Immerhin gebaut wurde eine Seilbahn über die Themse, nahe dem Millenniums-Dom, die heute einsam und leer ihrer Wege zieht. Ein Reinfall? Eine Pleite? Woran sich die Leute erinnern, ist Johnson, fotogen an einem anderen, olympischen Drahtseil strampelnd, zur Feier einer britischen Goldmedaille, mit einem Union Jack in jeder Hand.

Seine vielen Unterlassungen

Statt sich mit teuren Objekten dieser Art in Szene zu setzen, finden seine Kritiker bitter, hätte er besser etwas gegen die bedrohliche Luftverschmutzung in London unternehmen sollen. Einige Londoner Innenstadtstrassen haben heute den höchsten Stickstoffdioxid-Gehalt in der ganzen Welt. Ebenso übel wird Johnson genommen, dass er einen wahren Wolkenkratzer-Boom zugelassen hat, der die alte Skyline Londons auf fatale Weise zu verändern beginnt.

Zusätzlich zu den bestehenden Riesen sind über 400 neue Gebäude mit über 20 Stockwerken geplant. Dabei hatte Boris Johnson einmal versichert, ein «Dubai-on-Thames» werde es in seiner Amtszeit nicht geben. Jetzt werden, neben ein paar sehenswerten Einzelbauten, jede Menge aufgeblähter, alles überschattender Büroblocks für Grosskonzerne und Luxusapartments für ausländische Investoren hochgezogen.

Londoner Architekten sind ausser sich. Eine Studie der Universitäten Sheffield und York stellt fest, Johnson biete sich den Superreichen der Welt als eilfertiger «Platzanweiser und Butler» an. Nicht nur die Arbeiterschaft, auch weite Teile der Mittelklasse können sich wegen der mit den Wohntürmen in die Höhe geschossenen Preise kaum noch in der Hauptstadt halten. Aber an ihnen war Johnson nie interessiert.

London leidet unter akuter Wohnungsnot. Schon sind auch Mieten kaum noch zu bezahlen in der Stadt. Und die Fahrpreise sind ausser Kontrolle geraten. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist eklatant geworden. Aber das kümmert Boris Johnson nicht. Die Boris-Stadt hatte er, jetzt will er das Boris-Land.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2016, 20:49 Uhr

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