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Ehemaliger deutscher Aussenminister Kinkel ist tot

Der frühere FDP-Vorsitzende Klaus Kinkel starb im Alter von 82 Jahren. Er galt als Ziehsohn von Hans-Dietrich Genscher.

«Aufrecht und bescheiden»: Klaus Kinkel bei einem Treffen von europäischen Aussenministern im Jahr 1998. (5. September 1998)
«Aufrecht und bescheiden»: Klaus Kinkel bei einem Treffen von europäischen Aussenministern im Jahr 1998. (5. September 1998)

Klaus Kinkel starb am Montag im Alter von 82 Jahren, wie der heutige FDP-Parteichef Christian Lindner unter Berufung auf die Familie am Dienstag der Nachrichtenagentur DPA mitteilte. Lindner würdigte Kinkel am Dienstag als «aufrechten und bescheidenen Mann mit Charakter».

Kinkel gehörte über viele Jahre hinweg zu den engsten Mitarbeitern des früheren Aussenministers Hans-Dietrich Genscher (1927 bis 2016). Nach dessen Abschied aus dem Auswärtigen Amt übernahm er 1992 für sechs Jahre selbst das Ministerium. Kinkel war auch Vizekanzler der damaligen christlich-liberalen Koalition.

Der gebürtige Schwabe begann seine berufliche Karriere nach einem Jura-Studium als Beamter im Innenministerium. 1979 war er der erste Zivilist an der Spitze des Bundesnachrichtendienstes (BND). Nach dem Machtwechsel zu «Schwarz-Gelb» 1982 kehrte er als Staatssekretär im Justizministerium in die damalige deutsche Hauptstadt Bonn zurück. In dieser Funktion war er nach dem Fall der Mauer auch an der Ausarbeitung des deutsch-deutschen Einigungsvertrags beteiligt.

Die schwäbisch-rabauzige Art

Die Endlos-Sätze der bundesdeutschen Politik waren seine Sache nicht. Genauso wenig wie das Einerseits-Andererseits oder das Hätte-Wäre-Wenn. Kinkel gehörte zu den Leuten, die deutlich werden konnten, wenn sie etwas zu sagen hatten. Von allen Aussenministern, die Deutschland bislang hatte, war er vielleicht der am wenigsten diplomatische.

Bevor er Minister wurde, gehörte Kinkel bereits lange Zeit zu den Spitzenbeamten der Republik. Den Regierungsapparat kannte er wie kaum jemand sonst. Trotzdem legte er grossen Wert darauf, kein typischer Berufspolitiker zu sein. Auf Kritik an seinem Stil entgegnete er: «Ich habe nie verborgen, dass ich eine offene und manchmal auch schwäbisch-rabauzige Art habe.»

Eigentlich wollte Kinkel – geboren 1936 in Metzingen, in der schwäbischen Provinz – Arzt werden. Genau wie der Vater. Nach den ersten beiden Semestern an der Universität wechselte er aber zur Juristerei. 1964 machte er seinen Doktor, ging zum Staat, ins «Bundesamt für zivilen Bevölkerungsschutz», einer Unterbehörde des Innenministeriums. 1970 wurde er vom seinerzeitigen Ressortchef Hans-Dietrich Genscher (FDP) entdeckt.

Karriere mit Genscher verknüpft

Die nächsten Jahre war seine Karriere aufs Engste mit Genscher verknüpft. Der Innenminister machte ihn zum persönlichen Referenten und Büroleiter. Zu Kinkels heikelsten Aufgaben gehörte es, dem SPD-Kanzler Willy Brandt ein Dossier zu übergeben, das die Nachrichtendienste über dessen Privatleben angelegt hatten. Der Inhalt trug 1974 dazu bei, dass Brandt seinen Rücktritt einreichte.

Kurz darauf wechselte Kinkel zusammen mit Genscher ins Auswärtige Amt, zunächst als Chef des Leitungs-, dann des Planungsstabs. Über die Jahre wurde er Genschers «politischer Ziehsohn». Trotzdem blieben Kinkel und Genscher bis zum Schluss beim Sie.

Als erster Zivilist Geheimdienstchef

1979 sorgte Genscher dafür, dass Kinkel als erster Zivilist Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND) wurde. Fast vier Jahre lang leitete er den Geheimdienst ohne grössere Skandale. Dann zog es ihn zurück in den Politbetrieb, ins FDP-geführte Justizministerium.

Als Staatssekretär und schliesslich als Justizminister sass Kinkel an einer der Schaltstellen der schwarz-gelben Koalition von Kanzler Helmut Kohl (CDU). 1992, nach Genschers überraschendem Rücktritt, beerbte er dann seinen Förderer im Auswärtigen Amt.

Kinkel führte das Auswärtige Amt über sechs Jahre lang. Es waren die Jahre nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, die Jahre vor dem 11. September. Verglichen mit heute einigermassen ruhige Zeiten. Später sagte er einmal: «Die Welt war damals nicht in Ordnung. Aber sie schien es zu sein.» In seine Amtsjahre fielen zum Beispiel der Völkermord in Ruanda und das Massaker an 8000 Bosniern in Srebrenica.

Zu den grösseren Aufregern seiner Amtszeit gehörte, dass Kinkel dem Dalai Lama in den Arm fiel, als ihm dieser bei einem Besuch in Bonn 1995 einen seiner weissen Seidenschals um den Hals legen wollte. Darüber, dass er der erste deutsche Aussenminister war, der trotz des Widerstands aus China das Oberhaupt der Tibeter empfangen hatte, sprach anschliessend niemand mehr.

Stressjob und Machtspiele

Zwei Jahre lang stand Kinkel auch an der Spitze der FDP, zwischen 1993 und 1995. Nach einer Serie von Wahlniederlagen liess er es nach einer einzigen Amtszeit aber sein. Kinkel wurde aufgerieben zwischen dem Stressjob im Auswärtigen Amt und den Machtspielen in der Partei.

Nach der Abwahl von «Schwarz-Gelb» 1998 sass er noch bis 2002 im Bundestag. Später arbeitete er als Anwalt. Ein paar Jahre lang war Kinkel auch Vorsitzender der Stiftung der Deutschen Telekom. Bis ins hohe Alter spielte er Tennis, ging Laufen oder fuhr Ski. Zuletzt lebte er in Sankt Augustin bei Bonn.

sda/afp/fal

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