Trump trifft Putin: Was steht auf dem Spiel?

Egomanen unter sich: Beim G-20-Gipfel in Hamburg treffen die beiden Präsidenten erstmals zusammen.

Russlands Präsident Wladimir Putin (links) trifft am Gipfel in Hamburg auf seinen amerikanischen Amtskollegen Donald Trump. Fotos: Reuters, Keystone

Russlands Präsident Wladimir Putin (links) trifft am Gipfel in Hamburg auf seinen amerikanischen Amtskollegen Donald Trump. Fotos: Reuters, Keystone

Zita Affentranger@tagesanzeiger

Er werde mit Russlands Präsident Wladimir Putin sicher gut auskommen, sagte Donald Trump im Wahlkampf. Dieser erwiderte warm, Trump sei ohne Zweifel ein talentierter Mann. Gut fünf Monate nach der Amtseinsetzung trifft Trump den «starken Präsidenten» erstmals, der ihm innenpolitisch schwer zu schaffen macht. Moskau habe sich zugunsten Trumps in die Wahlen eingemischt, sagen die amerikanischen Geheimdienste. Manche Kritiker bezeichnen den US-Präsidenten gar als Agenten des Kreml. Das Russland-Ding, wie Trump es nennt, steht ihm bis zum Hals.

Doch was immer an den Vorwürfen dran ist: Fakt ist, dass sich die Beziehungen zwischen den beiden Ländern dramatisch verschlechtert haben – als ob das Verhältnis unter Barack Obama, der Russland als Regionalmacht abtat, nicht schon miserabel genug gewesen wäre. Doch Trumps Amerika und Putins Russland sind in den letzten Wochen in praktisch allen politisch wichtigen Bereichen aneinandergeraten, in denen sie doch eigentlich zusammenarbeiten wollten: von Syrien bis in die Ukraine.

In Syrien, wo lange am meisten Potenzial für einen Ausgleich vermutet wurde, hat ein US-Bomber ein Flugzeug der syrischen Armee abgeschossen. Daraufhin drohte Russland, bereits genervt durch Trumps Raketenbeschuss auf einen Stützpunkt der syrischen Luftwaffe, auf alle amerikanischen Jets zu feuern, die in Reichweite kommen. Die direkte Verbindung zwischen den beiden Einsatzstäben, die speziell dafür eingerichtet wurde, um Zusammenstösse zu verhindern, wurde gekappt.

«Die Lage an der russischen Westgrenze wird schlechter.»Sergei Schoigu, russischer Verteidigungsminister

Dann kam es auch über dem Baltikum zu einer kritischen Situation, als ein Nato-Jet einem russischen Flugzeug zu nahe kam, das Verteidigungsminister Sergei Schoigu in die russische Exklave Kaliningrad brachte. «Die Lage an der russischen Westgrenze wird immer schlechter», warnte Schoigu, ein enger Vertrauter Wladimir Putins. Die Schuld daran gab er der Nato, die ihre militärischen Aktivitäten laufend ausdehne. Russlands Ton wird mit jedem solchen Vorfall schärfer.

Aus Trumps Slogan «Amerika First!» hatte Putin abgeleitet, dass sich die USA zumindest aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion raushalten werden, die man in Amerika mitunter kaum dem Namen nach kennt. Warum sich amerikanische Steuerzahler um die Ukraine scheren sollten, fragte man aus dem Weissen Haus die Nato-Verbündeten. Das war für Putin eine vielversprechende Geste. Doch auch hier zeigen die USA keine Anzeichen von Isolationismus. Keine Spur davon, einen Teil der Welt Russland zu überlassen.

Stattdessen wurde der ukrainische Präsident Petro Poroschenko letzten Monat im Weissen Haus empfangen. Und die Debatte über US-Waffenlieferungen an die ukrainische Armee ist wieder in vollem Gange. «Wir haben starke Unterstützung zugesichert bekommen für unsere Souveränität, territoriale Integrität und die Unabhängigkeit unseres Staates», triumphierte Poroschenko nach dem Treffen. Demnächst besucht Vizepräsident Mike Pence den Balkan, das Baltikum und das Kaukasusland Georgien, wo er gemeinsame Truppenübungen inspiziert – alles Regionen, in denen Moskau seinen Einfluss geltend machen will. Auch von der Aufhebung der Sanktionen ist keine Rede mehr, im Gegenteil: Die Massnahmen wurden von den USA gerade erst verschärft.

Politik der Symbole

In diesem aufgeheizten Klima könnte der kleinste Zwischenfall über Syrien oder dem Baltikum rasch zu einer Eskalation führen. Eine solche direkte Konfrontation wäre natürlich noch lange kein Krieg zwischen den beiden Atommächten, brandgefährlich wäre es alleweil. Denn im Weissen Haus wie im Kreml sitzen unberechenbare Machtmenschen, die eine Politik der Symbole betreiben und gerne demonstrieren, dass internationale Regeln für sie nicht gelten. Putins neue bipolare, zwischen Washington und Moskau geteilte Weltordnung kann auf Freundschaft aufbauen – sie würde aber auch in erklärter Feindschaft funktionieren.

Die ausufernde Debatte über russischen Einfluss auf Trump und die US-Wahlen haben Putin geschmeichelt. Die Debatte hat Russland einen Hauch von Genialität, von Wichtigkeit selbst in der amerikanischen Innenpolitik verliehen. Dass ihr Land gefürchtet wird, ist die oberste Ehre für viele Russen, die Furcht gerne mit Respekt verwechseln. Doch inzwischen ist man sich in Moskau sicher, dass Donald Trump kein Fan Russlands ist, kein Mann des Kreml und dass ihn das Land nicht mal besonders in­teressiert.

Ein klares Zeichen dafür ist der Umstand, dass Trump inzwischen praktisch die ganze Welt empfangen hat, während dem Kreml-Chef erst diese Woche die Ehre zuteilwird, dem US-Präsidenten die Hand zu schütteln. Und auch dies nur als ein «Nebenprodukt» des G-20-Gipfels in Hamburg. Vorher reist Trump ausgerechnet nach Polen, das sich selber als Bollwerk gegen Russland und Hüter der westlichen Werte versteht. Der grosse russisch-amerikanische Deal scheint damit zumindest vorerst vom Tisch – wieder einmal.

Übersicht: Der G-20-Gipfel in HamburgGrafik vergrössern.

Putin war bei seinem Amtsantritt vor 17 Jahren durchaus gewillt, mit dem Westen zu kooperieren. «Wir hatten ein sehr gutes Gespräch», sagte der damalige US-Präsident George W. Bush nach dem ersten Treffen, «ich habe in seine Seele geblickt.» Als Zeichen des guten Willens schloss der neue Präsident die russischen Militärstützpunkte in Vietnam und auf Kuba, doch es wurde nichts aus dieser angeblichen Männerfreundschaft. Die Allianz nach den Terroranschlägen vom September 2001 hat das eine Weile überdeckt. Doch mit dem Amtsantritt Obamas wurde definitiv klar, wie miserabel das Verhältnis ist. Und die Wahl von Hillary Clinton zur Präsidentin wäre für Moskau die Garantie dafür gewesen, dass es dabei bleibt. Viele Russen waren fest davon überzeugt, dass es in diesem Fall zu einem Krieg mit den USA gekommen wäre. Nun scheint man mit Trump allerdings auch nicht besser dran zu sein.

Doch Putin kommt entgegen, dass es Washington derzeit mehr um seine eigenen, handfesten Interessen geht, während die alte Wertediskussion, das Hochhalten von Demokratie und Freiheit, ersatzlos gestrichen scheint. Das hatte sich etwa beim Besuch von Rex Tillerson in Moskau im April gezeigt: Als erster US-Aussenminister hat er keine russischen Oppositionspolitiker und Bürgerrechtler getroffen. Es geht nicht mehr um Rechte und Werte, sondern um Macht und Ambitionen. Diese Logik versteht Putin sehr gut, denn er hält es genauso. «Warum glauben Sie, dass Sie das Recht haben, solche Fragen zu stellen? Warum halten Sie uns Moralpredigten und scheiben uns vor, wie wir leben müssen?», fuhr er neulich eine US-Journalistin an, die kritische Fragen zu Korruption und Repressionen gegen Oppositionelle stellte.

Das Land hinter Putin geeint

Für den Kreml ist die Konfrontation allerdings nicht die schlechteste Variante. Die mitunter hysterische antirussische Rhetorik in den USA eint das Land hinter Wladimir Putin – sehr praktisch, weniger als ein Jahr vor den Präsidentenwahlen. Denn schliesslich war eine Annäherung an den Westen in Russland immer eine gefährliche Gratwanderung. Dem sowjetischen Präsidenten Michael Gorbatschow wurde sie genauso als Schwäche ausgelegt wie seinem Nachfolger, dem ersten russischen Staatschef Boris Jelzin. Das will der Kreml auf keinen Fall riskieren.

Doch wie genau Russland und die USA miteinander umgehen wollen, wird sich letztlich erst beim Treffen der beiden Chefs klären. Denn es sind allein Putin und Trump, die den Ton bestimmen: Sie können mit einem Handschlag – oder eben einem Blick in die Seele – das wochenlange Gerede und Geschimpfe ihrer Aussenministerien einfach vom Tisch fegen. Das Treffen in Hamburg werde «Klarheit» schaffen über die amerikanisch-russische Zusammenarbeit, sagte Russlands Aussenminister Sergei Lawrow und tat seine eigene Ratlosigkeit kund, als er die derzeitige Situation als «abnormal» bezeichnete.

«Trumps Rede erinnerte an russische Nationalisten.»Michael McFaul, ehemaliger US-Botschafter in Moskau

Bei einer Annäherung könnten gewisse Ähnlichkeiten der beiden Männer eine Rolle spielen: konservative Wertvorstellungen, Missachtung von Andersdenkenden und Frauen, ihre Art, die Macht als One-Man-Show zu betrachten. «Trumps Inaugurationsrede tönte so wie Sachen, die ich oft von russischen Nationalisten gehört habe», sagte Michael McFaul, der ehemalige US-Botschafter in Moskau. Und schliesslich sind sie beim Gipfel in Hamburg beide Parias, auch das könnte bei einer Verständigung helfen. Eine Allianz zwischen Trump und Putin ist keine schöne Aussicht, sie könnten Länder wie die Ukraine, aber auch Partner wie die Europäer einfach über die Klinge springen lassen, wenn das ihren eigenen, «höheren» Interessen dient.

Allerdings ist nicht auszudenken, was passiert, wenn diese beiden Egomanen ernsthaft aneinandergeraten. Beide haben letztlich keinen Plan, in welche Zukunft sie ihre Länder führen wollen – Trump wohl noch viel weniger als Putin. Doch ihr Wille, sich die Welt untertan zu machen, ist dafür umso grösser. Das macht die beiden Präsidenten unberechenbar und gefährlich – erst recht, wenn sie sich provoziert fühlen. Deshalb kann man letztlich nur hoffen, dass sich die beiden Männer in Hamburg gut verstehen diese Woche. Denn das würde die Welt wesentlich sicherer machen.

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