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Nie war die deutsche Politik weiblicher

Eine ewige Kanzlerin, Frauen an der Spitze der beiden Volksparteien und etliche neue Ministerinnen. Das sorgt für erstaunlich wenig Aufsehen.

Viele Frauen in der deutschen Politik: Bundeskanzlerin Angela Merkel (m.) mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters (l.), Annegret Kramp-Karrenbauer, Ministerpräsidentin im Saarland (2. v.l.), Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (2. v.r.) und der designierten Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (r.). (Bild: Angelika von Stocki (face to face)
Viele Frauen in der deutschen Politik: Bundeskanzlerin Angela Merkel (m.) mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters (l.), Annegret Kramp-Karrenbauer, Ministerpräsidentin im Saarland (2. v.l.), Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (2. v.r.) und der designierten Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (r.). (Bild: Angelika von Stocki (face to face)

Trauben von Frauen, die zusammen­stehen und ihre Macht feiern: Wer zuletzt Parteitage der deutschen Christ- oder Sozialdemokraten besuchte, sah auf der Bühne immer wieder dieses Bild. Oft schafften es die Fotos auch in die Zeitungen und auf die Fernsehbildschirme der Republik. In der CDU gruppierten sich die Frauen natürlich um Angela Merkel, Parteichefin seit 18, Kanzlerin seit 12 Jahren. An ihrer Seite strahlte meist Ursula von der Leyen, die Verteidigungsministerin, die als Einzige neben Merkel ununterbrochen mitregiert, seit diese 2005 die Macht übernommen hat. Und Annegret Kramp-Karrenbauer, die neue Generalsekretärin, die die Aufgabe hat, die Union auf die Zeit nach Merkel vorzubereiten – vielleicht gar mit ihr im Zentrum.

Auch bei den Sozialdemokraten steht neuerdings eine Frau in der Mitte: Andrea Nahles, die Ende April zur Vorsitzenden gewählt wird – als erste Frau in der mehr als 150-jährigen Parteigeschichte. Die Spitze der gewerkschaftlich geprägten SPD, die Politikerinnen in ihren Reihen früh gefördert hatte, war jahrzehnte­lang eine Domäne von Machos wie Gerhard Schröder oder Sigmar Gabriel gewesen. Um Nahles scharten sich in den vergangenen Wochen vor allem Katarina Barley, die neue Justizministerin, Franziska Giffey, die junge Familienministerin, oder die Ministerpräsidentinnen Malu Dreyer (Rheinland-Pfalz) und Manuela Schwesig (Mecklenburg-Vorpommern).

Bei den Grünen und der Linkspartei sind Frauen an der Spitze seit langem ein vertrautes Bild. Beide Parteien sehen für alle wichtigen Ämter Doppelspitzen vor, jeweils eine Frau und einen Mann. Wichtige Akteurinnen bei den Grünen sind Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt und die junge neue Parteichefin Annalena Baerbock. Auch die älteren Renate Künast und Claudia Roth prägen noch das Gesicht der Partei. Als die Grünen zuletzt übrigens den Flügelproporz an der Spitze aufweichten, behielten sie den der Geschlechter bewusst bei. Zentrale Figur in der Linkspartei ist Sahra Wagenknecht, die Fraktionschefin im Bundestag. Ihr Einfluss und ihre Popularität reichen weiter als die von Parteichefin Katja Kipping und den zwei männlichen Co-Chefs zusammen.

Männer an der AfD-Spitze

Selbst bei der rechten Alternative für Deutschland (AfD) standen eine Zeit lang junge Frauen an zentraler Stelle: erst Parteichefin Frauke Petry, dann Spitzenkandidatin Alice Weidel. Diese Zeiten sind freilich vorbei. Wie alle anderen konservativen Parteien in Deutschland wird die AfD nun ausschliesslich von Männern geführt: von Alexander Gauland und Jörg Meuthen. Die FDP wiederum ist seit vier Jahren quasi eine Einmannpartei um Christian Lindner, die CSU wird von Horst Seehofer und Markus Söder regiert. Die AfD ist zu einem guten Teil auch dafür verantwortlich, dass der Frauenanteil im Bundestag bei der jüngsten Wahl von 36 auf 31 Prozent gesunken ist – ein Wert, den das Parlament schon vor 20 Jahren erreicht hatte. Lediglich 10 der 94 Abgeordneten der AfD sind Frauen.

CDU und SPD sorgen in der neuen Grossen Koalition dafür, dass die Regierung nahezu paritätisch zusammen­gesetzt ist: Einer Kanzlerin und sechs Ministerinnen stehen neun Ressortchefs gegenüber. Nur die Weigerung der CSU, eine Frau zu nominieren, hatte das erste geschlechtergerechte Kabinett in der Geschichte der Bundesrepublik verhindert. Wie wichtig Angela Merkel die Parität war, bewies sie dadurch, dass sie dafür einen ihrer treusten Gefährten opferte, Gesundheitsminister Hermann Gröhe. Neben den Sozialdemokratinnen Barley und Giffey erhält so mit Julia Klöckner ein Talent der CDU eine Bühne, um sich auf höchster Ebene zu beweisen.

Interessanterweise ist Merkel nie als dezidierte Frauenpolitikerin aufgefallen, als Feministin versteht sie sich auch nicht, und Quoten sind ihr eigentlich ein Graus. Gleichzeitig hat sie immer auf Frauen gesetzt und das Kanzleramt mittlerweile derart verweiblicht, dass der «Spiegel» es kürzlich trocken als «Matriarchat» bezeichnete.

Keine forschen Ellenbögler

Ihre wichtigsten Beraterinnen begleiten sie, im Hintergrund, seit zwei Jahrzehnten: Beate Baumann und Eva Christiansen. In ihrer Umgebung, sei es im Kanzleramt oder im Konrad-Adenauer-Haus der CDU, förderte Merkel stets Tugenden, die in der Politik eher als weiblich gelten oder bei Frauen häufiger zu finden sind: strikte Orientierung an der Sache, Disziplin, Lösungswille, Kompromissbereitschaft. Statt junge, forsche, laute Ellenbögler scharte sie kluge, uneitle, geschickte Frauen – und auch solche Männer – um sich, die mit Macht geschickter und weniger konfrontativ umgingen als jene Alphamänner, von denen es in der Politik sonst nur so wimmelt.

Die einstige Männerbastion CDU wurde durch Merkels Machtpraxis und Politik in den vergangenen 20 Jahren nicht nur erheblich weiblicher und moderner, sie wird auch deutlich häufiger von Frauen gewählt als alle anderen Parteien: Bei der jüngsten Bundestagswahl lag die CDU bei den Frauen 8 Prozentpunkte über dem Resultat bei den Männern; ansonsten zogen nur noch die Grünen mehr Frauen als Männer an. Die AfD etwa wurde doppelt so oft von Männern gewählt wie von Frauen.

Deutschlands «weibliche Republik» hat in den vergangenen Monaten in ausländischen Medien für viel Aufsehen gesorgt, vor allem in Südeuropa, wo die Politik oft noch stark männlich geprägt ist. In Deutschland selber war sie bemerkenswerterweise kaum ein Thema. Man kann das als Beleg dafür verstehen, dass in der Politik vor allem im protestantisch geprägten Norden mittlerweile quasi skandinavische Verhältnisse herrschen: Frauen an der Spitze sind eine Selbstverständlichkeit geworden, die keiner grossen Worte mehr bedarf.

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