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Die Unterwelt im Dienst der Murdoch-Presse

Der Medien- und Polizeiskandal in London nimmt kein Ende. Gestern wurde bekannt, dass sich die Boulevardmedien ärztliche Informationen über die Erkrankung eines Kindes von Ex-Premier Brown beschafften.

Die englische Klatschpresse kennt kein Erbarmen und spioniert alles aus: Rupert Murdoch, nachdem seine Zeitung «News of the World» zum letzten Mal erschienen ist.
Die englische Klatschpresse kennt kein Erbarmen und spioniert alles aus: Rupert Murdoch, nachdem seine Zeitung «News of the World» zum letzten Mal erschienen ist.
Keystone

Ein Verdacht hat in Grossbritannien eine neue Welle der Empörung ausgelöst. So soll sich die Murdoch-Presse illegal auch geheime Daten der Königin, des Thronfolgers und des letzten Premierministers Gordon Brown beschafft haben. Offenbar waren also nicht einmal Staatsoberhaupt und Regierungschef des Vereinigten Königreichs vor dem Zugriff der Hack- und Lauschaktionen sicher.

Premierminister David Cameron zeigte sich am Dienstag schockiert von der «abscheulichen Verletzung der Privatsphäre» seines Vorgängers Brown. Britische Abgeordnete warfen der Polizei vor, nicht nur ihre Pflicht versäumt, sondern möglicherweise sogar bewusst kriminelle Sachverhalte verdunkelt zu haben. Brown war, den jüngsten Enthüllungen zufolge, sowohl als Schatzkanzler wie später als Regierungschef das Ziel intensiver Hack- und Lauschaktionen gewesen. Rupert Murdochs Zeitungskonzern News International habe Verbindungen «zur kriminellen Unterwelt» unterhalten, um eine politische Vendetta gegen ihn mit privaten Informationen anzureichern, sagte Brown gestern.

Unerbittliches Geschäft

Unter anderem sollen Mittelsmänner im Auftrag der «Sunday Times» über zehn Jahre hinweg illegal Einsicht in Browns Bankkonten und in private Dokumente aller Art genommen haben. Ein Schwindler soll sich bei der Abbey National Bank bei sechs verschiedenen Gelegenheiten telefonisch als Brown ausgegeben und geheime Daten erhalten haben, die angeblich an die «Sunday Times» weitergegeben wurden. Ein anderer beschaffte sich offenbar im Auftrag der gleichen Zeitung bei einer Anwaltsfirma vertrauliche Dokumente Browns.

Am härtesten traf den Ex-Premier und seine Frau Sarah aber die Tatsache, dass die «Sun» – die Boulevard-Schwester der «Times» und der «Sunday Times» – vertrauliche ärztliche Informationen über die ernste Erkrankung eines Brown-Kindes an zystischer Fibrose ergatterte. Trotz aller Bitten Browns um Respekt für ihr Familienleben füllte die damalige «Sun»-Chefredakteurin Rebekah Brooks mit dieser Nachricht eine Titelseite.

Cameron: «Total inakzeptabel»

Laut Brooks wurde die Information auf legale Weise beschafft. Brown hielt dem Murdoch-Verlag vor, sich «wüster» Methoden bedient zu haben. Mit diesen Methoden, meinte der Ex-Premier, habe ihn Murdoch politisch zu zerstören versucht. Tory-Premier Cameron versprach seinem Vorgänger, er werde alles unternehmen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Er könne den Schmerz der Browns «vollkommen nachempfinden». Es sei «total inakzeptabel», dass jemand «die Privatsphäre seiner Kinder derart verletzt» sähe.

Unruhe hat auch die Enthüllung hervorgerufen, dass insgesamt mindestens zehn Mitglieder der königlichen Familie im Auftrag von Murdoch-Zeitungen belauscht worden seien. Ein Sicherheitsbeamter des Königshauses soll ausserdem für den Verkauf eines gestohlenen Notizbuchs mit Kontakt-, Telefon- und Reisedaten der Royals, darunter auch der Königin, 1000 Pfund erhalten haben. Damit, meinten Experten, sei die Sicherheit der Queen gefährdet worden. Der Vorfall sei «äusserst ernst» zu nehmen.

Regierung stellt sich gegen Murdochs Pläne

Mehrere Londoner Top-Polizisten mussten sich gestern im Unterhaus vor dem innenpolitischen Ausschuss gegen den Vorwurf verteidigen, ihnen seit Jahren vorliegende Informationen ignoriert und nötige Ermittlungen nicht angestellt zu haben. Schon 2007 soll das meiste heutige Beweismaterial der Metropolitan Police zugänglich gewesen sein. Murdoch selbst hat inzwischen versucht, die Lage zu entschärfen.

In Sachen Übernahme des Satellitensenders BSkyB hat er mit dem Verzicht auf einen schon geschlossenen Deal der Regierung erlaubt, das Geschäft der britischen Wettbewerbskommission zur Prüfung vorzulegen. Inzwischen stellt sich die Regierung allerdings gegen die Übernahme. Sie unterstützt einen Vorstoss der Opposition, der Murdoch auffordert, auf den Kauf von BSkyB zu verzichten, wie ein Sprecher gestern erklärte.

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