Die türkischen Jugendlichen wollen nicht mehr schweigen

Eine Studie über junge Menschen zeigt: Die Türkei erlebt einen gewaltigen Kulturwandel. Und die #MeToo-Bewegung ist mittlerweile in Istanbul angekommen.

Anlässlich des Internationalen Frauentags 2018 protestieren Türkinnen in Istanbul für mehr Gerechtigkeit. Foto: AFP

Anlässlich des Internationalen Frauentags 2018 protestieren Türkinnen in Istanbul für mehr Gerechtigkeit. Foto: AFP

Christiane Schlötzer@schloetzer

Es war der Tag, als die globale #MeToo-Debatte in der Istan­buler Vorstadt Küçükçekmece ankam: An einem Gymnasium weigerten sich Schülerinnen und Schüler, in ihre Klassen zu gehen, sie füllten Treppen, Aula, Gänge und sie schrien: «Wir schweigen nicht mehr.» Der Protest richtete sich gegen einen Lehrer. Er soll eine Schülerin belästigt haben – und durfte trotz Anklage weiter unterrichten.

Ein Schüleraufstand im Erdogan-Land? Erstaunlich? Nicht wenn man die Studie liest, die das renommierte türkische Forschungsinstitut Konda erstellt hat. Sie soll in Gänze erst im Januar vorgestellt werden. Befragt wurden 5793 Türken über 15 Jahre in 36 von 81 Provinzen, in Metropolen wie in Dörfern. Danach sind die 15- bis 29-Jährigen im Alltag heute weniger konservativ als vor zehn Jahren.

Kopftuch immer unbeliebter

Es halten sich weniger junge Leute an die islamischen Gebetsregeln, und im Ramadan wird weniger gefastet. Mädchen und junge Frauen tragen seltener Kopftuch. 58 Prozent verhüllen ihr Haupt nie, vor zehn Jahren waren es 50 Prozent. Die strenge Form des Kopftuchs, in der Türkei Türban genannt, wobei kein Haar zu sehen ist, tragen nur noch 6 Prozent der 15- bis 29-Jährigen, vor zehn Jahren waren es 16 Prozent. Und die allermeisten wollen sich ihren Lebenspartner selbst aussuchen, statt sich von der Familie verkuppeln zu lassen.

93 Prozent der jungen Türken nutzen soziale Medien, vor allem Facebook und Twitter. Die Bilder des Schülerprotests von Küçükçekmece vom Oktober sind immer noch auf Youtube zu sehen. «Die Türkei ist wie ein soziales Labor für die Folgen von Urbanisierung und Globalisierung», sagt Bekir Agirdir, der Chef von Konda, in seinem Büro in einem Istanbuler Geschäftsbezirk, in dem Wolkenkratzer die Sieb­zigerjahrebauten verdrängen. Agirdir hat den Wandel selbst erlebt, er wuchs in einer westanatolischen Kleinstadt auf. «Da waren alle Sunniten, alle Türken, und wenn jemand von Sünde sprach, verstanden alle dasselbe darunter.» Agirdir wurde 1956 geboren. «Damals lebten 75 Prozent der Türken auf dem Land.» Heute sind es nur noch 7 Prozent. «In keinem anderen Land gab es zuletzt eine solche Binnenmigration.» Die Folge der rasanten Verstädterung: «ein ziemlich krasser Kulturwandel».

Welchem Land soll die Türkei ähnlich sein? 60 Prozent der Jungen nennen ein europäisches.

So war es noch vor einer Weile auch in Städten undenkbar, dass sich Paare auf der Strasse küssen. «Jetzt machen das auch Mädchen mit Kopftuch.» In den Dörfern war jede öffentliche Berührung «Sünde». Dagegen werden politische Gesinnungen in der Öffentlichkeit nun versteckt, «weil wenig Vertrauen in den Rechtsstaat besteht». So bewege man sich auf der Strasse eher mit Ängsten, in den eigenen vier Wänden werden solche Gefühle abgelegt. «Die Wohnung ist eine Sicherheitszone.»

Und wie politisch ist die Jugend? «Früher haben die älteren Brüder bestimmt, welche Parolen man an die Wände schreibt.» Heute, sagt der Forscher, zählten Hierarchien weniger, junge Leute interessierten sich mehr für lose Gruppen als für Parteien und für Themen wie Umwelt- und Tierschutz. Und sie wollten vor allem das Leben geniessen, sie wollten in erster Linie «glücklich sein».

Nun wollte Erdogan doch eine konservative Generation erziehen? Agirdir lächelt, nicht jeder Traum gehe in Erfüllung, sagt er. Auf die Frage, welchem Land die Türkei ähnlich sein sollte, nennen 60 Prozent ein europäisches. «Die Türkei wird niemals wie der Iran werden», sagt der Forscher. Leider aber gebe es auch in Europa zunehmend negative Vorbilder, Populisten regierten auch andernorts in der Welt. «Wir leben in einer globalen Zwischeneiszeit, was die Werte der Demokratie betrifft.»

Was bedeutet das nun alles für Erdogans Macht? Im März wird in der Türkei schon wieder gewählt, in allen Kommunen. Seit 16 Jahren hat Erdogans AKP stets ihre Mehrheiten gesichert. Das könnte noch einige Jahre so bleiben, sagt der Konda-Chef. Denn Erdogan schaffe es, «Ängste und Gefühle» in einer polarisierten Gesellschaft zu manipulieren.

In einer grauen Zone

So fürchteten die Konservativen um ihre Religionsfreiheit, sollten die Säkularen an die Macht kommen. Und die Säkularen blickten immer noch auf die Konservativen herab. Die Nationalisten wiederum fürchteten sich vor einer Teilung des Landes, sollten die Kurden zu viele Stimmen gewinnen. Agirdir sagt: «Die Türkei braucht eine innere Versöhnung.» Und die Wirtschaft? Sie stagniert. Zwei Drittel der jungen Leute sind auf Unterstützung ihrer Eltern angewiesen. «Sie ­haben wenig Hoffnung.» Menschen, die sich deshalb von der AKP abwenden, wüssten aber nicht, wohin sie gehen sollten. «Sie bleiben in einer grauen Zone.»

Irgendwann, so sagt Agirdir, werde aber eine neue Generation übernehmen. «Sie ist beweglich, gebildet, global orientiert, ideologiefrei. In zehn Jahren wird sie dieses Land verwalten.» Nach dem Aufstand in Küçükçekmece bekamen 15 Schüler einen Klassenverweis – für fünf Tage. Für türkische Verhältnisse war das eine eher milde Reaktion.

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