Für 200 Euro mit dem Schlepper-Taxi an die Grenze

Dubiose Gestalten auf der Balkanroute: Wer vom Leid der Flüchtlinge profitiert – und wie das abläuft.

Flüchtlinge gelangen unter dem Grenzzaun hindurch von Serbien nach Ungarn. Foto: Sandor Ujvari (Epa, Keystone)

Flüchtlinge gelangen unter dem Grenzzaun hindurch von Serbien nach Ungarn. Foto: Sandor Ujvari (Epa, Keystone)

Ob Tag oder Nacht, ob unter der brennenden Sonne oder im Mondlicht: Die Flüchtlinge kommen pausenlos. Der Elendstreck aus Damaskus, Aleppo, Homs und aus anderen zerstörten und umkämpften syrischen Städten zieht nordwärts durch den Balkan. Die Migranten kommen auch aus Flüchtlingslagern in der Türkei, aus dem Irak, Afghanistan, Afrika.

An der serbisch-ungarischen Grenze versammeln sich die Opfer von Diktatoren, Warlords und religiösen Fanatikern. Vor ihnen liegen die EU und der Schengenraum. Die Angst vor prügelnden ungarischen Polizisten, Grenzbeamten und Soldaten ist gross. Die Sicherheitskräfte des EU-Landes haben schon Tränengas gegen die Menschenkarawane eingesetzt.

Hier will kein Flüchtling die Fingerabdrücke abgeben. Es hat sich herumgesprochen: Wer sich in Ungarn registrieren lässt, der könnte zurückgeschickt werden, wenn er einen Asylantrag zum Beispiel in Deutschland stellt. Laut dem Schengen-Abkommen muss das Gesuch von jenem Mitgliedsstaat bearbeitet werden, in dem der Flüchtling zum ersten Mal eingereist ist. Mittlerweile ist die Regierung in Berlin von dieser Praxis abgerückt.

Vom Elend der Welt profitieren viele dubiose Gestalten. Ungarische Romabanden versprechen, gegen Entgelt die Flüchtlinge über die grüne Grenze und weiter nach Österreich oder Deutschland zu schleusen. Serbische Carunternehmen arbeiten auf Hochtouren. Sie bringen die Migranten vom Belgrader Bahnhof bis zum Grenzort Horgos. Schlepper bieten eine Fahrt mit dem Taxi an – für 200 Euro. Obsthändler, Hotelbesitzer und Verkäufer von Hygieneartikeln reiben sich die Hände.

Von Polizisten ausgeraubt

Kürzlich haben Polizisten in der serbischen Hauptstadt zwei Flüchtlinge aus Syrien ausgeraubt. Sie wurden mit der Dienstwaffe bedroht und mussten den Beamten 2050 Euro geben. Der Staat hat schnell interveniert, ein Polizist befindet sich in Haft. Die Ordnungshüter auf dem Balkan geniessen keinen guten Ruf: Sie sind oft korrupt, schlecht ausgebildet, viele haben an den jüngsten Kriegen teilgenommen und nicht selten mit Menschenschmugglern gemeinsame Sache gemacht.

Die serbische Regierung ist mit dem Flüchtlingsstrom überfordert. Seit Anfang Jahr sind knapp 200'000 Migranten durch das Land gezogen. An der serbisch-mazedonischen Grenze bei Presevo müssen die Flüchtlinge eine Absichtserklärung unterzeichnen, damit sie innerhalb von drei Tagen einen Asylantrag stellen können. Das Dokument ist nur in kyrillischer Schrift erhältlich, die für die Ankömmlinge unverständlich ist. Ohne das Papier riskieren sie in Serbien die Festnahme wegen illegalen Aufenthalts.

Wer nicht stundenlang vor dem Empfangszentrum in Presevo mit seinen Kindern oder kranken Eltern warten kann, um sich registrieren zu lassen, kauft gemäss Zeugenaussagen für 30 bis 40 Euro das begehrte Papier von korrupten Polizisten. Der Monatslohn eines Ordnungshüters in Serbien beträgt 400 Euro.

Das Land steht wegen der Wirtschaftskrise vor dem Bankrott und muss trotzdem über 200'000 sogenannte interne Flüchtlinge unterstützen. Es handelt sich vor allem um Serben aus Kroatien und Kosovo, die ihre Heimat verloren haben, als die angegriffenen Nachbarvölker die Belgrader Aggression zurück­schlugen.

Hochrangige Politiker in Serbien versuchen, Hass und Rassismus vorzubeugen. Ministerpräsident Aleksandar Vucic hat die Flüchtlinge auf dem Belgrader Bahnhof besucht und mit ihnen gesprochen, sein Verteidigungsminister reiste nach Südserbien und verteilte Essenspakete. Das serbische Rote Kreuz, Privatpersonen und Bürgerinitiativen bemühen sich, die Not zu lindern.

Auch auf der anderen Seite der Grenze, im Nachbarland Mazedonien, sind Freiwillige im Einsatz. Unter sie mischen sich aber auch Schmuggler und Betrüger. In den mehrheitlich von der albanischen Minderheit bewohnten Dörfern im mazedonisch-serbischen Grenzgebiet verkaufen Hausfrauen ununterbrochen Sandwiches an Flüchtlinge. Mancher Gauner nutzt die Gunst der Stunde und verlangt bis zu 15 Euro für ein belegtes Brötchen.

Bis vor kurzem machten in der mazedonischen Hauptstadt Skopje die Velohändler gute Geschäfte: Weil Flüchtlinge mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht reisen durften, kauften sie Fahrräder für 200 Euro. Nach dem neuen Asylgesetz können die Migranten mit Zügen, Bussen und Taxis bis an die serbische Grenze fahren.

Eine zwölfköpfige Familie aus Syrien erzählte Reportern, dass sie auf einem Bahnhof in Griechenland ausgeplündert wurde. Ohne Geld und nur dank der Solidarität der anderen Flüchtlinge erreichte sie Belgrad. Ein Augenschein in griechischen Dörfern wie Evzoni, Idomeni oder Metamorfosis an der mazedonischen Grenze zeigt, dass nur wenige Bewohner den Flüchtlingen helfen und sehr viele Nutzniesser der Tragödie sein wollen. Vor fast jedem Hotel und Lebensmittelladen sind Tafeln mit Informationen in arabischer Sprache angebracht. Alle wollen etwas verkaufen oder offerieren Dienstleistungen.

2000 Euro für einen Platz im Boot

Neben Sonnenblumenfeldern stehen Bauern mit Gewehren. Sie schiessen auf Vögel. Das Leben verläuft scheinbar in geordneten Bahnen. An Tankstellen auf der Autobahn Thessaloniki–Skopje tanken braun gebrannte Westeuropäer und Deutschtürken ihre Autos. Im Duty-free-Laden am Grenzübergang Gevgelija decken sich junge Damen mit teuren Parfüms ein. Nur ein paar Hundert Meter weiter liegt die Pufferzone zwischen den Bahnhöfen Idomeni und Gevgelija. Wie im Norden Serbiens kommen auch hier pausenlos Flüchtlinge an.

Ein Ende der Menschenwelle in Richtung Westeuropa ist nicht in Sicht. Das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR erwartet in den nächsten Monaten täglich bis zu 3000 Migranten auf der Balkanroute. In der türkischen Hafenstadt Izmir blüht das Geschäft mit Schwimmwesten. Gekauft werden sie von Flüchtlingen für die Überfahrt nach Griechenland.

Die Schlepper freuen sich. Von den Menschen in Not verlangen sie bis zu 2000 Euro für einen Platz auf dem Schlauchboot. Bevor Ungarn mit einem Zaun die Grenze dichtmacht, wollen viele das EU-Territorium erreichen.

Seit Beginn des Aufstandes gegen das Assad-Regime im Jahr 2011 sind in Syrien über 200'000 Menschen getötet worden, eine Million wurden verletzt. Innerhalb des Landes gibt es knapp acht Millionen Vertriebene, vier Millionen Syrer haben in Nachbarstaaten Zuflucht gefunden. Die Zahlen zeigen: Syrien ist als Staat faktisch zerfallen, die Gesellschaft löst sich auf. Das Ausmass und die Folgen dieser Tragödie kann man in diesen Tagen auf der Balkanroute aus der Nähe beobachten.

DerBund.ch/Newsnet

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