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Die Skinheads von Como

Ein Video von einem neofaschistischen Vorfall entfacht in Italien die Diskussion über eine «schwarze Welle» – und lanciert den Wahlkampf.

«Macht keinen Lärm beim Rausgehen»: Ein Video zeigt die Mitglieder des «Veneto Fronte Skinheads» im Versammlungsraum des Netzwerkes für Flüchtlinge «Como senza frontiere». (Video: Tamedia/Ugo Maria Tassinari)

Eine «schwarze Welle» bewegt Italien. Sie erfasst gerade mit beträchtlicher Wucht den Wahlkampf, obschon niemand genau weiss, wie gross und mächtig sie tatsächlich ist. Mit «Onda nera» ist das offenbar rapide wachsende Phänomen rechtsextremistischer, neofaschistischer oder neonazistischer Vorfälle im Land gemeint. Der jüngste Fall trug sich vor einigen Tagen im norditalienischen Como zu. Und da die Szene von einer Handykamera festgehalten wurde, verbreitete sich das Video schnell über alle Kanäle.

Man sieht darin dreizehn Mitglieder des «Veneto Fronte Skinheads» in schwarzen Bomberjacken, die sich Zutritt verschafft haben zu einem Versammlungsraum des Netzwerkes für Flüchtlinge «Como senza frontiere» (Como ohne Grenzen). Breitbeinig stehen sie um einen Tisch herum, an dem ältere und jüngere Frauen sitzen, alles Freiwillige. Die Regale an den Mauern sind voll mit gespendeten Kleidern und Spielsachen für die Flüchtlinge und deren Kinder. Der Anführer der Skinheads liest mit mechanischer Stimme aus einem Traktat vor. «Das eigene Volk», sagt er zum Schluss, «liebt man, man zerstört es nicht: Stoppen wir die Invasion.» Dann faltet er das Blatt: «So, jetzt könnt ihr wieder darüber diskutieren, wie ihr unser Vaterland ruinieren wollt.»

Die Damen am Tisch bleiben während des ganzen Auftritts ruhig, einige lächeln. Vielleicht liegt es daran, dass die Männer mit den Glatzen trotz ihres Gebarens ein bisschen pathetisch wirken. Eine Helferin ruft ihnen nach: «Macht keinen Lärm beim Rausgehen.»

Das rechte Lager tut sich schwer

Die Zeitung «La Repubblica» stellte das Video auf ihre Webseite. So nahm eine Debatte ihren Lauf, die wohl ohne die Aufnahme nicht stattgefunden hätte. Von «schwarzer Welle» sprach als Erster Walter Veltroni, der frühere Kulturminister und ehemalige Bürgermeister Roms. Der linke Intellektuelle ist dermassen besorgt über den Vormarsch neonazistischer und neofaschistischer Gruppen, in Italien und in Europa, dass er sagt, er fürchte um die Zukunft der Demokratie. Veltroni rief zu einer Demonstration gegen Intoleranz und Rechtsextremismus auf – für den kommenden Samstag, in Como.

Alle linken Parteien und die Gewerkschaften sagten sofort zu. Interessant aber war, wie die restlichen Parteien auf den Appell reagierten. Die Protestpartei Cinque Stelle, die bei der Flüchtlingsfrage immer ambivalent ist, stahl sich aus der Verantwortung: Man sei einverstanden mit dem Sinn der Aktion, hiess es, die politische Instrumentalisierung des Vorfalls missfalle den Fünf Sternen aber. Im rechten Lager tat man sich schwer, sich überhaupt zu distanzieren von den Skinheads. Die bürgerliche Forza Italia liess sich gar nicht vernehmen. Die postfaschistische Partei Fratelli d’ Italia missbilligte zwar die Einschüchterung, schickte dann aber gleich nach, dass die Männer keine Gewalt angewendet hätten, wie das linke Extremisten jeweils täten.

Zu reden gibt nun vor allem Matteo Salvini, der Chef der rechtspopulistischen Lega Nord. Der sagte, er verstehe die Aufregung «wegen ein paar Jungs» nicht, die ein Traktat vorlesen. Das sei doch Folklore, Clownerie. Als dann der frühere Premier Matteo Renzi alle parlamentarischen Parteien aufforderte, Farbe zu bekennen für die Republik, sagte Salvini: «Das Problem Italiens ist nicht der Faschismus, der ohnehin nicht mehr zurückkehrt. Das Problem dieses Landes ist Matteo Renzi – und diese Immigration ohne Kontrolle.» Der Tonfall ging diesmal auch innerhalb der Lega vielen zu weit. Parteigründer Umberto Bossi, der früher als Vorsitzender auch nie ein Leisetreter war, richtete seinem Nachfolger aus, die Lega dürfe nicht um die Stimmen der Skinheads buhlen. «Ich komme aus einer Familie von Antifaschisten», sagte Bossi.

Skinheads verhaftet

Am Rand des politischen Schlagabtausches erfährt die italienische Öffentlichkeit, dass es im Norden Italiens regelmässig zu solchen Einschüchterungsaktionen kommt. Immer gegen humanitäre Organisationen: gegen die Caritas etwa oder Save the Children. Der «Veneto Fronte Skinheads» ist von allen Gruppen die aktivste. Es gibt sie seit den Achtziger Jahren. Ihre Anhänger rekrutiert sie in den Ultrakurven der Fussball- und Eishockeystadien, vor allem in Mailand und Verona. Ihr erklärtes Ideal ist eine monoethnische und monokulturelle Gesellschaft. Im Gegensatz zu den neofaschistischen Formationen Casa Pound und Forza Nuova, die da und dort in kleiner Zahl bereits in Lokalparlamenten sitzen, streben die Skins keine institutionelle Etablierung an.

Sie tragen mit Märschen an symbolischen Tagen zur «schwarzen Welle» bei, zum Beispiel am Geburtstag Hitlers. Oder mit unsäglichen Chören in den Stadien. Meistens bleiben die Aktionen ohne rechtliche Folgen, selbst wenn es davon Zeugnisse gibt. Nun aber bewegt sich etwas. Einige der Skinheads von Como sind verhaftet worden. Suspendiert wurde am Wochenende auch ein junger Carabiniere des VI. Bataillons «Toscana». Der hatte in seinem Zimmer in der Kaserne von Florenz eine deutsche Reichsflagge aus dem Ersten Weltkrieg aufgehängt, ein Erkennungszeichen der Neonazis. Man sah sie von der Strasse, ein Blogger filmte sie mit einem Teleobjektiv. Die Regierung ermittelt den Fall. Unerhört sei das, sagte die Verteidigungsministerin – bei den Carabinieri! Neben der Kriegsflagge hing eine Fotomontage: Matteo Salvini mit Maschinengewehr.

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