Die Nostalgie der Nationalisten nervt

Das 19. Jahrhundert eignet sich nicht als Sehnsuchtsort. Europas grosse Zeit muss das 21. Jahrhundert sein.

Von der Armut aus Europa vertrieben: Einwanderer um 1900 auf Ellis Island bei New York. Foto: Getty Images

Von der Armut aus Europa vertrieben: Einwanderer um 1900 auf Ellis Island bei New York. Foto: Getty Images

David Hesse@HesseTA

Werden rechte Stimmen von der Mainstream-Presse totgeschwiegen? Aber nein. Letzte Woche durften der amerikanische Politberater Steve Bannon in der NZZ und der niederländische Parteichef Thierry Baudet in dieser Zeitung ihren Ärger über die Europäische Union ausbreiten.

Die Gespräche boten Einblick in die Denkart der aggressiven Nostalgie. Beide Figuren, der schmerbäuchige Ex-Banker und der smarte, bildungseitle Jungpolitiker, streiten für dasselbe: die Restauration der ruhmreichen Vergangenheit in der Gegenwart.

«Die westliche Zivilisation hat um 1900 die falsche Abzweigung genommen. Wir haben uns verloren.» Thierry Baudet, niederländischer Politiker

In den USA geht es bei solchen Rückkehrfantasien oft um die 1950er-Jahre, um das Goldene Zeitalter des weissen Apfelkuchen-Amerikas, in dem die Industrie brummt, harte Arbeit Wohlstand bringt, Frauen keinen Aufstand machen wegen einer Hand am Hintern und Schwarze den Boden wischen statt Reden zu führen.

Mit Blick auf Europa passte sich Steve Bannon an. In der NZZ lobte er «das alte Westfälische System» der souveränen Nationalstaaten und warnte vor einem Establishment der «Globalisten», das «Vereinigte Staaten von Europa» errichten wolle.

Wann genau die Blüte dieser Jeder-für-sich-Zeit gewesen sein soll, machte dann der Niederländer Baudet deutlich: «Ich möchte zurück zu einem Europa der Nationalstaaten. Im 19. Jahrhundert hatten wir die richtige Vision.» Er meint das auch ästhetisch, mag keine moderne Malerei, dafür die Opern Puccinis, die Kultur der Salons. «Die westliche Zivilisation hat um 1900 die falsche Abzweigung genommen. Wir haben uns verloren.»

Beschleunigung und Wandel

Taugt Europas 19. Jahrhundert zum Sehnsuchtsort? Sicher, es war eine Zeit der Stärke. Die Kolonialmächte beherrschten weite Teile der Welt, wuchsen über ihre reale Geografie hinaus. Handel, Plantagen, Sklaverei förderten Europas Industrialisierung, auch Länder ohne eigene Kolonien wie die Schweiz profitierten.

Dass dieser Aufschwung mit Gewalt und Massenmord verbunden war, ist erschöpfend dokumentiert und bis heute Gegenstand von Entschädigungsforderungen. Dennoch wird die Kolonialzeit wieder positiver gesehen als auch schon. In Britannien gilt das Empire vielen als wohltätiges Zivilisierungsprojekt, auch in Frankreich und Spanien werden die «guten Seiten» des Kolonialismus neu betont. Grund dafür ist Frust mit der Gegenwart. Als Kolonialist war man wenigstens dynamisch, mutig, hungrig – nicht wie heute ängstlich, von der eigenen Demokratie gelähmt, politisch überkorrekt. Auch die Schweizer Jubiläumsbegeisterung zu Alfred Escher trägt solche Züge: Immerhin ein Macher, heisst es. Nähe zur Sklaverei? Hatte doch damals jeder. Der englische Historiker David Cannadine beschreibt das 19. Jahrhundert als «Ära der nationalen Grösse», die unseren eigenen «verkümmerten Zeiten und begrenzten Horizonten» unverständlich bleibe. Brutal – aber gross.

Allein: Viele Dichter und Denker des 19. Jahrhunderts sahen ihre Zeit deutlich finsterer. Die industrielle Revolution, die Ankunft der Maschinen, die Verstädterung und Entfremdung von Natur und dörflicher Struktur brachten neben Elektrizität und Eisenbahn auch Krisen und Zweifel. Ja, das 19. Jahrhundert war selber eine Zeit der Nostalgie, in der Romantiker von Brauchtum und edlen Wilden schwärmten. Beschleunigung und Wandel schienen die Gegenwart von der Vergangenheit abzukoppeln. Ab 1800, so der Historiker Peter Fritzsche, ging das Gefühl um, etwas Essenzielles verloren, das Selbst in der Vergangenheit zurückgelassen zu haben. Auch damals hiess es: Wir haben uns verloren.

Jahrhundert der Not

Es war jenes Sehnen nach Vergangenheit, das im 19. Jahrhundert die Nationen prägte. Gelehrte, Politiker, Literaten – die Elite – schufen nationale Fahnen, Hochsprachen, Sportanlässe, Feiertage, Hymnen, stets mit Verweis auf die gemeinsame Geschichte. Aus Regionen, Tälern, Grafschaften wurden Staaten, und wer kein echtes, einendes Epos fand, erfand sich eines, wie die finnische Kalevala. Die heutigen Nationen sind Konstrukte des 19. Jahrhunderts, und sie dienten exakt dazu, die entschwindende Vergangenheit an die rasende Gegenwart anzubinden. Die Schweiz wurde im 19. Jahrhundert zum Bundesstaat – und zum Land der Sennen, Jodler, Schwinger. Dieses bäuerliche Kleid war das romantische Antidot zur realen Dynamik. Was heutige Nationalisten retten wollen, war schon damals ein Traum.

Schwärmerei erfordert Zeit und Wohlstand. Für die meisten Europäer war das 19. Jahrhundert keine Blütezeit, sondern geprägt von Armut, Ausbeutung, Kinderarbeit, Branntweinpest und mangelhafter Hygiene. Es war die Zeit massenhafter Auswanderung aus Gründen der Not und Abenteuerlust, eine Zeit der Ungleichheit, der stimmrechtslosen Frauen, der Weggesperrten und Verwahrten. Für die allermeisten eher anstrengend. Dass diese Zeit heute von Kräften besungen wird, die sich Gegner der Eliten nennen, ist ein Hohn.

Beneiden mag man das 19. Jahrhundert wohl um den Frieden, den es Europa brachte. Die Furcht vor Revolutionen liess die Herrscher nach 1815 verstärkt kooperieren. Dieses Konzert der Grossmächte vermied viel offenen Krieg. Heute scheinen vor allem die Anti-EU-Kräfte zu kooperieren, Bannon schwafelt von einer «Supergroup» der Nationalisten. Was dran ist, wird die Europawahl zeigen.

Freiwillig zusammenstehen

Zusammentun aber sollten sich die Pro-Europäer. Die Nostalgie der Jeder-für-sich-Nationalisten schadet uns allen. Denn während wir Rekonstruktionspläne für Notre-Dame und das Berliner Schlosses wälzen und grübeln, ob wir eher im 19. oder doch im 9. Jahrhundert so richtig «uns selber» waren, erstarken unsentimentale Kräfte, in China und anderswo. Sie haben auch viel Geschichte, aber drängen nach vorn damit.

Wenn Europa die Welt mit ein paar Ideen wie Menschenrechte, Privatheit oder Rechtssicherheit mitprägen will – draussen, nicht in einem Museum hinter Mauern –, so muss es jetzt zu schwärmen aufhören. Freiwillig zusammenstehen, bevor es zusammengetrieben wird. Die Zukunft liegt vor, nicht hinter uns. Europas grosse Zeit muss das 21. Jahrhundert sein. Alles andere ist aufgeben.

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