Die Walfänger sterben aus

Warum riskiert Norwegen internationale Kritik für eine Industrie, die sich kaum noch lohnt? Zu Besuch bei den Walfängern der Lofoten.

Walfang vor der Küste Norwegens: An den Harpunen, mit denen gejagt wird, stecken Granaten, die 40 bis 60 Zentimeter tief in den Wal eindringen, bevor sie explodieren. Bild: Marcus Bleasdale (VII)

Walfang vor der Küste Norwegens: An den Harpunen, mit denen gejagt wird, stecken Granaten, die 40 bis 60 Zentimeter tief in den Wal eindringen, bevor sie explodieren. Bild: Marcus Bleasdale (VII)

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Truls Soløy lebt auf einer Insel, die fast so heisst wie er selbst. Der Grossvater hat die Insel einst gekauft, sich nach ihr benannt und sein Haus gebaut. Der Grossvater war Walfänger auf Soløya, der Vater auch. Heute ist es der 62-jährige Truls, der aufs Nordmeer fährt, um Minkwale zu schiessen. Er ist der letzte Walfänger seiner Familie.

Seine Heimat liegt in einer Bucht der Lofoten, diesem rauen Archipel in Nordnorwegen. Im Sommer stauen sich hier die Touristen. In Truls Soløys Kindertagen kam man aber oft nur mit dem Boot von einem Ort zum anderen. Viele der heutigen Brücken und Tunnel gab es noch nicht, und im Winter waren die vereisten Wege entlang der Felsen zu gefährlich. Damals hingen die Menschen völlig vom Fisch- und vom Walfang ab. Noch heute hat die norwegische Walfangindustrie ihr Zentrum auf den ­Lofoten. Oder besser gesagt: Was von dieser Industrie übrig ist.

Truls Soløy gehört zur Mannschaft eines Walfängers aus Røst. Seine Hände sind vom Wetter gegerbt, die Haare weiss. Auf dem Boot sind sie zu viert, einer schiesst, einer steuert, zwei halten Ausschau. Zwei Wochen waren sie unterwegs, nur zwei Wale haben sie gefangen. Das Wetter war zu schlecht. Doch jetzt, an diesem sonnigen Sommertag, wäre es ideal. Gute Sicht und eine stille See sind wichtig. Der Wal taucht nur für ein, zwei Sekunden an der Oberfläche auf, um Luft zu holen. In diesem Moment müssen sie ihn erspähen.

Vor 35 Jahren beschloss die Internationale Walfangkommission, den kommerziellen Walfang auszusetzen. Nor­wegen stimmte damals gegen dieses ­Verbot, hielt sich aber bis 1992 daran. Danach nahm es die Jagd wieder auf. Der Bestand der Minkwale sei gesund, der Walfang nachhaltig, so argumentiert das Fischereiministerium in Oslo seither und legt jedes Jahr Fangquoten fest.

Mehr Fotos zum Walfang in Norwegen im Zoom Fotoblog.

In diesem Jahr dürften Truls Soløy und seine Kollegen demnach 999 Tiere schiessen. Das Problem ist: Niemand möchte so viel Wal essen. Der Import ist in den meisten Ländern der Welt ver­boten. Und den Norwegern selbst scheint der Appetit auf Wal vergangen zu sein. Seit Jahren bleibt die Fangflotte deutlich unter der vorgegebenen Quote. In diesem Jahr haben sich nur 15 Boote zur Jagd angemeldet, die Saison dauert von April bis August. Nimmt man die Jobs in den Fabriken dazu, arbeiten auf den Lofoten vielleicht noch 200 bis 300 Menschen in der Walfang-Industrie.

Kaum Walfang-Gegner

Truls Soløy lebt daher vor allem vom Fischfang. Auf seiner Insel stehen hinter dem Schuppen Holzgerüste, an denen Stockfisch trocknet. Der Walfang macht noch etwa ein Drittel seines Einkommens aus. Soløy rechnet vor: Sie fangen am liebsten jüngere Wale, die zwischen zwei und vier Tonnen wiegen. Die Hälfte davon ist Blubber, Walspeck. Die beiden kleinen Wale vom ersten Fang brachten zwei Tonnen Fleisch, für die sie umgerechnet 8000 Franken bekamen. Einnahmen für vier Mann, für zwei Wochen Arbeit. «Ich möchte mir gar nicht vorstellen, dass es irgendwann zu Ende ist.»

Doch wäre das so schlimm? Warum riskiert Norwegen internationale Kritik für ein paar Hundert Jobs, für eine Industrie, die sich kaum noch lohnt? Für ein Produkt, das sich schlecht verkauft?


Im April fühlst du es im Blut. Du musst raus und Wale fangen.

Truls Soløy, Walfänger

In Norwegen ist es schwierig, Walfang-Gegner zu finden. Sogar die Grünen haben im Mai aus ihrem Programm den Punkt gestrichen, in dem sie sich gegen das Töten von Walen aussprechen. Morten Tønnessen, Tierschutz­experte der Partei, sagt, der Walfang sei auch für Umweltschützer eher ein Randproblem. Viele Parteimitglieder konzentrieren sich lieber auf Pelzfarmen und Klimawandel. Eine pragmatische, vielleicht typisch norwegische Einstellung. «Es gibt in Norwegen eine Skepsis gegen die Romantisierung der Natur», sagt Tønnessen. Wer den rauen Norden, die Küste kennt, kann das nachvollziehen. Den Walfang abzulehnen, bedeutet auch, den Norden und die Küstenregion nicht zu unterstützen – ein Osloer Politiker kann sich das kaum leisten. Schliesslich hat die Küste das Land lange durchgefüttert und tut es dank der Ölförderung und der Fischindustrie bis heute. «Sogar Menschen, die keine Ahnung ­haben vom Leben eines Fischers, sind für Walfang», sagt der Politiker.

Norwegen fängt ausschliesslich Minkwale, kleinere Tiere, die bis zu zehn Meter lang werden. Sie sind oft neugierig, kommen nah an die Boote heran, was es den Walfängern leicht macht. An deren Harpunen stecken Granaten, die 40 bis 60 Zentimeter tief in den Wal eindringen, bevor sie explodieren. «Man muss in den Bauch treffen oder in den Kopf, dann ist er sofort tot», sagt Truls Soløy. Die Walfänger müssen vor jeder Saison zum Schiesstest. Wenn sie auf See nicht gut treffen, fängt der Wal nach einer ­halben Minute Schockstarre an, sich wieder zu bewegen. Dann erschiessen sie ihn mit dem Gewehr. Ein verwun­deter Wal, sagt Soløy, könne nicht ab­tauchen, nicht wie ein angeschossenes Reh im Dickicht verschwinden.

Eine Bluebox zeichnet alles auf

Norwegens Behörden erheben akribisch, wie lange Wale brauchen, um zu sterben. Die letzten Daten stammen aus 2011 und 2012, erhoben für 271 gefangene Minkwale: 222 waren sofort tot. Für die übrigen 49 dauerte es im Mittel sechs Minuten, für einen unglücklichen Wal 25 Minuten.

Danach muss das tote Tier sofort an Bord gezogen und zerlegt werden. Die Walfänger schneiden die Gedärme heraus, lassen das Blut ablaufen, trennen den Blubber vom Fleisch. Es soll schnell gehen, der Wal muss sofort kühl gelagert werden. «Die Boote müssen heute so sauber sein wie Krankenhäuser», sagt Soløy. Früher gab es auf jedem Boot einen Inspektor, meistens ein Tierarzt. Heute ist eine Bluebox an Bord, das Gerät zeichnet auf, wenn ein Wal geschossen und geschlachtet wurde. Tierschutz und die Fangmethode im Walfang seien sehr gut, sagt Tore Haug, der am Institut für Meeresforschung in Tromsø die Forschungsgruppe für Meeressäuger leitet. «Vor allem dann, wenn man sie mit den Methoden vergleicht, die für andere Arten der Jagd in Europa verwendet werden», so der Wissenschaftler.

Nicht einmal Greenpeace protestiert in Norwegen besonders laut gegen die Jagd. «Wir haben gemerkt, dass der Kampf gegen den Walfang hier eher dazu führt, dass er noch stärker unterstützt wird», sagt Truls Gulowsen, der Chef der norwegischen Greenpeace-Gruppe. Die Hauptmotivation für die Jagd seien seit 20 Jahren Traditionalismus und Nationalismus – ältere Männer, die auf See fahren und tun, was sie immer getan haben. Der Walfang gelte als Symbol nationaler Souveränität, sagt Gulowsen. «Alle Argumente dagegen verblassen dabei einfach.» Er hofft, dass die Industrie von alleine ausstirbt.

Walfänger Truls Soløy steigt in seinem Schuppen in den ersten Stock, der ist für Familienbesuch zu einer Wohnung ausgebaut. An den Wänden hängen hier Bilder von Schiffen mehrerer Generationen. Soløy war zwölf, als ihn der Vater das erste Mal mitgenommen hat. «Eine riesige Erfahrung», sagt er. 50 Jahre ist das her, 1500 bis 2000 Wale habe er inzwischen gefangen. Die Jagd findet er immer noch aufregend, das Nachspüren, die Ungewissheit, ob sie einen erwischen. «Wenn der April kommt, fühlst du es im Blut. Du musst raus und Wale fangen.»

Vor vier Jahren wäre es für ihn fast vorbei gewesen. Er war krank, eine Entzündung der Blutgefässe, und konnte nicht mehr arbeiten. Da hat er sein Boot verkauft und nur die schwere Harpunen-Kanone behalten. Sie steht unten im Schuppen, verborgen hinter langen Leinen für den Kabeljau-Fang. Soløy schiesst nicht mehr selbst, er steuert das Schiff eines anderen. Aber er arbeitet wieder. «Jetzt bin ich wieder glücklich.»

Eine Pizza mit Walfleisch?

Als es 1946 darum ging, dem weltweiten Walfang neue Regeln zu geben, um die Bestände und damit die Walindustrie zu erhalten, hat Norwegen als einer der Ersten unterschrieben. Damals entstand die Internationale Walfangkommission, der heute 88 Staaten angehören. Sie können sich nicht darauf einigen, das Moratorium aufzuheben und den Walfang in Grenzen zu erlauben. Ein System dafür hat die Kommission bereits ent­wickelt, Norwegen legt seine Quote danach fest. Etwa 100'000 Minkwale haben die Norweger zuletzt in ihren Gewässern geschätzt. Die Zahl sei seit 30 Jahren recht stabil, sagt Wissenschaftler Tore Haug. Doch die Walfangkommission beschäftige sich haupt­sächlich damit, die Bestände zu erhalten, nicht damit, sie zu nutzen.

Nutzen wofür? «In den vergangenen zwei Jahren haben wir drei Fabriken verloren», sagt Truls Soløy. Nur noch acht Fabriken in ganz Norwegen verarbeiten überhaupt Wale, der Rest konzentriert sich auf den profitableren Fisch, Lachs, Kabeljau und Hering. Walfleisch hat selbst in Norwegen keinen allzu guten Ruf. Manche Menschen erinnerten sich, wie es früher geschmeckt habe, sagt Brita Åsheim Rasmussen von der Vertriebsorganisation für norwegischen Fisch und Wal.

Unsere Boote müssen heute so sauber sein wie Krankenhäuser.Truls Soløy, Walfänger

Früher war die Technik auf den Schiffen schlechter, das Walfleisch weniger gekühlt. Es musste lange gekocht werden, bevor man es essen konnte. Oft hatte es einen öligen Geschmack. In­zwischen wird es frisch verkauft. «Der grösste Teil der heutigen Bevölkerung hat es nicht einmal probiert», sagt die Verbandsvertreterin. Dazu kommen wohl die Skrupel. «Die Leute glauben, der Wal ist so niedlich, und wenn man ihn fängt, fliesst eine Menge Blut», sagt Rasmussen. Das sei bei Kühen und Schweinen nicht anders, wenn man sie schlachtet.

Das Problem sei, sagt Truls Soløy, dass die Menschen heute nicht mehr ­direkt vom Boot kauften, keine grossen Portionen wie früher. Vielleicht müsste man Walfleisch auf Pizza legen, meint er, oder Sushi daraus machen. Oder neue Abnehmer finden, China zum Beispiel. Da gebe es doch viele Menschen, die essen müssen.

Die Norweger verkaufen Walfleisch an Island, die Färöer und Japan, also an die anderen Walfänger. Im vergangenen Jahr haben die Norweger 198 Tonnen im Wert von etwa 1,3 Millionen Euro an ­Japan geliefert. Um den dortigen Markt haben sie sich bemüht, aber ihr Wal ­entsprach nicht immer den japanischen Ansprüchen. Die Norweger lagern den Minkwal, damit er zart wird. Die Japaner dagegen frieren das Fleisch sofort ein, folgen dabei denselben Regeln wie für frischen Fisch. So jedenfalls erklärt der norwegische Verband Norsk Hval, der das Walfleisch vermarkten soll, warum die Japaner es mitunter zurückgeschickt haben.

Die Kanone ist gut geölt

Truls Soløy fährt von seiner Insel im Auto durch den Tunnel nach Reine. Ein befreundeter Walfänger, Bjørn, macht dort sein Boot startklar. Vier Männer mit ölverschmierten Händen und wasserdichter Arbeitskleidung laden an Bord, was sie für die Wochen auf See brauchen. Zuletzt heben sie die schwere Harpunen-Kanone mit einem Kran an Deck. Sie muss gut geölt sein, damit sie sich in der Halterung am Bug leicht und schnell drehen lässt. Bjørn sagt, dass er die Wale nicht aus Spass fängt oder weil er zu stur ist, um aufzuhören. Er wolle nur weitermachen, solange er Geld verdiene.

Der Job war nicht immer einfach, ­erinnert sich Truls Soløy, die Wochen auf See, getrennt von der Familie. Die Kinder sind längst aus dem Haus, eine Tochter und drei Söhne, keiner fängt ­Fische oder Wale. «Ihre Entscheidung», sagt Soløy mit einem Schulterzucken. Er ist in dieser Saison noch einmal raus­gefahren, hat aber keinen Wal mehr ­gefangen. Schlechtes Wetter. Mit den ­Fischen hat er mehr Glück.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2017, 20:42 Uhr

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