Die Kriegsheldin als Verräterin

Switlana Dryuk, die gefeierte Kämpferin der prorussischen Rebellen in der Ostukraine, hat aus Liebe die Seite gewechselt.

Switlana Dryuk wäre bereit, wieder in den Krieg zu ziehen. Diesmal auf der Seite der ukrainischen Truppen. Screenshot: Youtube/DonbassRose

Switlana Dryuk wäre bereit, wieder in den Krieg zu ziehen. Diesmal auf der Seite der ukrainischen Truppen. Screenshot: Youtube/DonbassRose

Vincenzo Capodici@V_Capodici

Das ist eine Geschichte über Krieg, Propaganda, Liebe und Verrat. Und eine Geschichte über eine Frau, die viele Fragen aufwirft. Switlana Dryuk heisst diese Frau: 2014 zog sie in den Krieg, der in ihrer Heimat, der Ostukraine, ausgebrochen war. Sie schloss sich als Sanitäterin den Separatisten an und stieg rasch auf in der Hierarchie der von Russland unterstützten Kämpfer. Zunächst befehligte sie eine Panzereinheit, die ausschliesslich aus Frauen bestand. Schliesslich übernahm sie das Kommando eines Regiments der prorussischen Rebellen.

Damit erlangte die heute 40-jährige Frau Bekanntheit als Heldin der separatistischen, russischen Propaganda. Ihr Wirken als Kämpferin inspirierte massgeblich einen Kinofilm aus russischer Produktion. ­Gezeigt werden soll der Streifen ab Mai in den selbst ernannten Volks­republiken Donezk und Luhansk sowie in Russland.

Die Liebe hat ihr Leben verändert

Und jetzt das: Switlana Dryuk hat sich als Überläuferin geoutet. In einer ukrainischen TV-Sendung erzählte sie ihre Geschichte, wie Radio Free Europe / Radio Liberty berichtet. Ihre Liebe zu einem Mann, der für den ukrainischen Geheimdienst SBU tätig sei, habe ihr Leben grundlegend ver­ändert. 2018 quittierte sie nach vier Jahren den Kriegsdienst auf der Seite der Separatisten.

Der Krieg im Donbass dauert seit fünf Jahren an, und ein Ende ist nicht in Sicht. Nach UNO-Angaben starben bisher rund 13000 Menschen. Im TV-Interview räumte Switlana Dryuk ein, dass sie ukrainische Soldaten getötet habe. «Ich machte das, was mir befohlen wurde.» Inzwischen ko­operiert sie mit dem ukrainischen Geheimdienst SBU. Die Ostukrainerin lebt heute in Kiew. Die Identität ihres neuen Partners muss geheim bleiben.

In den separatistischen Gebieten im Donbass und in Russland ist das Überlaufen der einstigen Vorzeigekämpferin erwartungsgemäss schlecht aufgenommen worden. Der frühere Rebellenführer Igor «Strelkow» Girkin liess verlauten, dass man Switlana Dryuk wegen Verrats hängen müsste. Zudem kursierte die Behauptung, die Frau sei von den Ukrainern entführt und gefoltert worden, um sie zur Zusammenarbeit zu zwingen, oder sie sei Opfer einer «Honigfalle» des ukrainischen Geheimdienstes geworden. Unbestritten ist, dass das Überlaufen der prominenten Separatistin für Kiew einen grossartigen Propagandacoup bedeutet.

Bereitschaft für Kriegseinsatz

Switlana Dryuk verfügt möglicher­weise über brisantes Insiderwissen. Im TV-Interview erzählte sie, dass russische Soldaten in der Ostukraine mit gefälschten Dokumenten ausgestattet worden seien, die sie als Bürger von Luhansk oder Donezk auswiesen. Ausserdem machte sie Angaben über Waffensysteme und Standorte der Rebellentruppen. Im Weiteren berichtete die Überläuferin über einen Plan Russlands, mit 100000 Soldaten in die Ukraine einzumarschieren.

Dryuk äusserte im TV die Bereitschaft, bei einem möglichen Prozess vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag als Zeugin aufzutreten. Dabei erwähnte sie russische Kriegsverbrechen, ohne allerdings Details zu nennen. Schliesslich sei sie auch bereit, wieder in den Krieg zu ziehen – im Falle einer Grossinvasion Russlands: diesmal auf der Seite der ukrainischen Truppen.

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