Die Herkunft des angezweifelten Hetzjagden-Videos

Ein Youtube-Video aus Chemnitz gilt als Beleg dafür, dass Ausländer gejagt worden sind – was über das Video bekannt ist.

Viel diskutiertes Video: Der deutsche Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maassen zweifelt Aufnahmen an, die zeigen, wie Ausländer durch Chemnitz gejagt wurden. (Video: Youtube)

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Das Video, an dessen Echtheit Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maassen Zweifel sät, wird am Sonntag, 26. August, um 18.54 Uhr auf Youtube hochgeladen, kurz darauf auch auf Facebook und Twitter. Es gilt als einer der zentralen Belege dafür, dass an jenem Tag Ausländer in den Strassen von Chemnitz von Rassisten attackiert und gejagt wurden. Allerdings hatten viele Medien es weiterverbreitet, ohne seine Echtheit zu verifizieren, was mit speziellen Online-Werkzeugen oder Abgleichen mit gefilmten Gebäuden möglich ist.

Maassen sagte der Bild-Zeitung nun: «Es liegen keine Belege dafür vor, dass das im Internet kursierende Video zu diesem angeblichen Vorfall authentisch ist.» Dabei bezog er sich höchstwahrscheinlich auf das Video vom 26. August. Beweise, dass es eine Fälschung ist oder aus dem Zusammenhang gerissen wurde, legte er keine vor.

Die Aufnahmen zeigen eine Gruppe sächsisch sprechender Personen an einer Hauptstrasse, manche haben ein Bier in der Hand. Sie beschimpfen zwei schwarzhaarige junge Männer obszön und rassistisch. Einer der Deutschen stürmt los, tritt nach einem der Männer. Der ergreift die Flucht, der Angreifer verfolgt ihn quer über die Strasse. Die 19 Sekunden Bewegtbild kursieren im Netz als «Hase-Video» – weil eine Stimme, die vermutlich der Frau gehört, die filmt, ihren Begleiter ermahnt, sich nicht an dem Angriff zu beteiligen: «Hase, du bleibst hier.» Den Beginn der Konfrontation zeigt das Video nicht.

Anonym betriebene Konten

Es gibt keinerlei Hinweis, dass das Video gefälscht oder manipuliert ist. Auf die Frage, ob das Bundesamt für Verfassungsschutz denn Anhaltspunkte kenne, dass das Video nicht authentisch sei, erhielt DerBund.ch/Newsnet am Freitag keine Antwort. Oberstaatsanwalt Wolfgang Klein von der zuständigen Behörde in Dresden formuliert die Sache anders als Maassen: «Wir haben keine Anhaltspunkte, dass das Video nicht echt ist.» Die Aufnahmen sind augenscheinlich an der Bahnhofstrasse in Chemnitz aufgenommen, im Hintergrund sieht man das markante Dach der Johanniskirche.

Aber entstand es auch tatsächlich an jenem Sonntag, als Rechte nach der Tötung eines 35-Jährigen am Rande des Stadtfestes durch genau jene Gegend zogen? Dafür spricht, dass einer der bedrohten Flüchtlinge in der folgenden Woche der Webseite ze.tt, dem Jugendportal der Zeit, ein Interview gegeben hat. Der junge Afghane sagt darin, er habe die Rechten gefilmt, als sie lautstark in der Strasse aufgetaucht seien. Unmittelbar bevor die Aufnahme der Frau entstand, habe einer von ihnen mit einer Bierflasche nach ihm geschlagen. Er habe dann Anzeige erstattet.

Unklar bleiben der exakte Weg, auf dem das Video öffentlich wurde, und die Identität der Quelle. Aufgenommen wurde es höchstwahrscheinlich von jener Frau, die mit der ausländerfeindlichen Gruppe mitlief. Im Netz tauchte das Video dann erstmals auf anonym betriebenen Konten auf, die auf den verschiedenen Internet-Plattformen denselben Namen tragen: «Antifa Zeckenbiss». Der oder die Personen dahinter haben sich offensichtlich dem Kampf gegen Rechtsradikale verschrieben. Seit Monaten verbreiten sie Beiträge, die ausländerfeindliche Demos dokumentieren, oder Artikel über Rechtsradikale. Dass Personen aus der Antifa-Szene anonym im Internet agieren, ist nicht ungewöhnlich. Anhaltspunkte, dass das Konto von jemandem unter falscher Flagge betrieben wird, gibt es aber keine. Auf Anfragen von DerBund.ch/Newsnet reagierten die Betreiber nicht.

Wie aber kommt ein augenscheinlich Linker an ein Video von Teilnehmern einer rechten Demo? Eine Möglichkeit ist, dass es ihm oder ihr zugespielt wurde. Eine andere, dass die Betreiber des «Zeckenbiss»-Kontos eine Chatgruppe infiltriert haben, in der rechte Demoteilnehmer Videos teilen, etwa auf Whatsapp. Solche Gruppen spielen eine wichtige Rolle für die Koordination von Demos. Dass das Video einen echten Angriff in Chemnitz an jenem Sonntag im August zeigt, ist jedoch so gut wie sicher.

120 laufende Verfahren

Bei der zuständigen Generalstaatsanwaltschaft in Dresden laufen nach den Ausschreitungen in Chemnitz derzeit 120 Ermittlungsverfahren wegen verschiedener Delikte, unter anderem Körperverletzung, Beleidigung und Landfriedensbruch. Wie viele Fälle das insgesamt seien, konnte Sprecher Oberstaatsanwalt Wolfgang Klein nicht mit Bestimmtheit sagen. «Es kann beispielsweise sein, dass ein Vorgang mehrfach angezeigt wurde.» Video – «Hetzjagden» auf Migranten

Angela Merkel hat via ihren Sprecher mit scharfen Worten auf die Ausschreitungen eines rechten Mobs in Chemnitz reagiert. (Video: Tamedia mit Material von Twitter)

Man prüfe derzeit das vorliegende Videomaterial auf jedwede Straftaten. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft gebe es aber bisher keine Zweifel an der Echtheit des Videos, das den Angriff auf die beiden Männer zeigt. Gleichzeitig würden stetig neue Hinweise eingehen. «Noch ist alles im Fluss», so Klein.

Die aktuelle Debatte über Begriffe wie «Hetzjagd» oder «Mob» nannte Klein nicht zielführend. «Das sind keine juristischen Begriffe. Wir verwenden diese weder, noch benutzen wir sie für die Beschreibung von Vorgängen. Auf diese Diskussion können sich Politiker einlassen, wir können das nicht. Unsere Aufgabe ist Strafverfolgung, die auf Fakten basiert.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2018, 20:33 Uhr

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