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Die Floskeln der Machtlosen

Während die Börsen in die Tiefe rauschen und alle Welt auf die Mächtigen schaut, zeugen deren Aussagen immer deutlicher von Hilflosigkeit. Johann Schneider-Ammann übertraf gestern sogar seine Amtskollegen.

«Egal, was eine Ratingagentur meint, wir waren immer und werden immer ein AAA-Land sein»: Barack Obama ignoriert den Entscheid von Standard & Poors.
«Egal, was eine Ratingagentur meint, wir waren immer und werden immer ein AAA-Land sein»: Barack Obama ignoriert den Entscheid von Standard & Poors.
Keystone
«Es gibt noch viel zu tun»: Italian Premier Silvio Berlusconi hat den Ernst der Lage erkannt.
«Es gibt noch viel zu tun»: Italian Premier Silvio Berlusconi hat den Ernst der Lage erkannt.
Keystone
«Der Bundesrat hat Kenntnis genommen von der momentanen Lage und wird in einer Woche anlässlich seiner ersten ordentlichen Sitzung erneut darüber sprechen»: Bundesrat Johann Schneider-Ammann wusste gestern auch nicht weiter.
«Der Bundesrat hat Kenntnis genommen von der momentanen Lage und wird in einer Woche anlässlich seiner ersten ordentlichen Sitzung erneut darüber sprechen»: Bundesrat Johann Schneider-Ammann wusste gestern auch nicht weiter.
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Irgendwie müssen sie einem leid tun, die Merkels, Obamas, Berlusconis und Schneider-Ammanns. In den letzten Monaten und Jahren haben sie mit Hunderten Milliarden Euro und Dollar die Wirtschaft gestützt, wenn nicht gar gerettet. Und wer soll angesichts taumelnder Märkte wieder helfen, wenn nicht die Politik? Nur wie, weiss keiner.

Also üben sich die Politiker im Floskeln-von-sich-Geben und zwar von der absurden Sorte. Etwa so wie der Onkel, der am Weihnachtsfest auftaucht und wortreich erklärt, warum er kein Geschenk dabei hat. Das tönt dann etwa so: «Wir hatten eine lange Diskussion, bei der es um alle Probleme in der Eurozone ging.» Diesen gloriosen Satz gab Euro-Gruppenchef Jean-Claude Juncker am letzten Mittwoch von sich. Und das, während gleichzeitig Panik an den Finanzmärkten herrscht.

Obama ignoriert ganz einfach die Tatsache

Klar, sie sind inzwischen gebrannte Kinder, die Krisenpolitiker. Ein falsches Wort und schon gehts weiter abwärts an den Börsen. So geschehen bei EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Er dachte wohl etwas laut, als er die Erweiterung des Euro-Rettungsschirms erwähnte, und erhöhte damit die Nervosität an den Börsen noch. Nun ist er der Buhmann – und wird wohl nie mehr etwas sagen wollen.

Die Sprache noch nicht verschlagen hat es Barack Obama. «Egal, was eine Ratingagentur meint, wir waren immer und werden immer ein AAA-Land sein», so der US-Präsident gestern. Ganz nach dem Motto: «Yes, we can.» Obama hat Standard & Poor's offenbar aus seiner Welt gestrichen. Sollte er gehofft haben, Wallstreet folge ihm, ging das tüchtig in die Hose. Über fünf Prozent rauschte der Dow Jones gestern abwärts. Einzelne Finanztitel verloren bis zu 20 Prozent.

Ein falsches Wort und es knallt

Bald nichts mehr sagen ob der misslichen Lage mag die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. Als am Wochenende die Angst vor einem Crash der Märkte die Runde machte, hatte sie noch darüber nachgedacht, zusammen mit Nicolas Sarkozy ein Erklärung zu veröffentlichen. Aus Angst, jedes Wort könnte falsch verstanden werden, schwieg man in Berlin beharrlich. Immerhin nahm die Kanzlerin den Hörer in die Hand, um mit den Mächtigen der Welt den Ernst der Lage zu besprechen. Was prompt in einem Medienbericht mit «telefonieren gegen die Krise» beschrieben wurde.

Noch immer für flotte Sprüche zu haben ist Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi. «Es gibt noch viel zu tun», räumte er letzte Woche ein. Oder: «Der Alarm der Finanzmärkte ist unbegründet.» Quittiert werden seine Worte mit einem Kurszerfall an der Mailänder Börse.

Was wohl Sarkozy zu bieten hat?

Ganz im Sinne seiner Amtskollegen reihte sich gestern auch Johann Schneider-Ammann in die Schar der Floskel-Drescher ein. «Der Bundesrat hat Kenntnis genommen von der momentanen Lage und wird in einer Woche anlässlich seiner ersten ordentlichen Sitzung erneut darüber sprechen», sagte der Wirtschaftsminister. Es war fast eine Art Höhepunkt der Krisenrhetorik. Schneider-Ammann sagte es, nachdem die Schweizer Börse bereits geschlossen hatte – bei über minus vier Prozent.

Gespannt darf man nun auf Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy sein. Was sagt der Präsident wohl, nachdem die Märkte sich auf die schiefe Lage seines Landes einzuschiessen drohen. Wir machen schon einmal ein paar Vorschläge: «Tout va bien», «faites vos jeux» oder ganz einfach «je ne regrette rien». Bei «rien ne va plus» wär dann wohl Schluss.

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