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Die Feuerprobe für Hollande

Entlassungswelle in Frankreich: Peugeot-Citroen streicht 8000 Stellen, in der Baubranche werden 6000 Jobs wegfallen. Auf Francois Hollande wartet eine Herausforderung, die für ihn Erfolg oder Scheitern bedeuten könnte.

Hatte den Schutz der heimischen Industrie und ihrer Arbeitsplätze zum grossen Ziel erklärt: Francois Hollande.
Hatte den Schutz der heimischen Industrie und ihrer Arbeitsplätze zum grossen Ziel erklärt: Francois Hollande.
Keystone

PSA-Peugeot-Citroen hat seinen historisch einmaligen Auftritt strategisch klug geplant: Genau zur Sommerpause in Frankreich, die ab Mitte Juli das gesamte Land lahmlegt, kündigt der Autohersteller den grössten Stellenabbau in seiner Geschichte an. Der grösste Autohersteller Frankreichs will insgesamt 8000 Stellen streichen und eine Fabrik bei Paris schliessen. Schuld sei der dramatische Absatzeinbruch infolge der Schuldenkrise vor allem in Südeuropa, wo sich seine Kleinwagen bislang besonders gut verkauften.

Die Ankündigung übertrifft alles, was Deutschland zum Beispiel vom kriselnden Opel-Konzern und der ewigen Hängepartie am Bochumer Werk gewöhnt ist. Der Fall Peugeot wird die erste grosse Herausforderung von Frankreichs Präsident Francois Hollande sein. Nun muss der Sozialist beweisen, wie seine linke Politik mit der Deindustrialisierung seines Landes umgeht. Noch im Wahlkampf hatte Hollande den Schutz der heimischen Industrie und ihrer Arbeitsplätze zum grossen Ziel erklärt. Ein Land ohne Fabriken sei arm und wie ein Museum, sagte Hollande vor wenigen Wochen. Und PSA-Peugeot ist für Frankreich nicht einfach nur ein Konzern: Das Traditions-Unternehmen produzierte Klassiker wie den Citroen 2CV, die «Ente» oder auch den Peugeot 205 und ist neben Renault der Stolz der Franzosen. Sein Niedergang ist im Nachbarland ebenso undenkbar wie in Deutschland das Aus von Volkswagen oder Mercedes. Und die Schliessung der Pariser Fabrik ist die erste seit zwanzig Jahren.

Baubranche streicht 6000 Stellen

Als ob dem nicht genug wäre, kündigte Frankreichs Baubranche am selben Tag an, in diesem Jahr 6000 Stellen zu streichen. «Es besteht ernsthaft die Gefahr, dass die Zahl der Stellenstreichungen auf 15'000 bis Mitte 2013 steigt», sagte der Chef des Verbandes des Bauhauptgewerbes, Patrick Bernasconi. Die Unternehmen verlangten die Gründung einer öffentlichen Bank, um der Branche unter die Arme zu greifen, damit sich eine Krise wie Anfang der 1990er Jahre nicht wiederhole. Hollandes Erfolg wird nun stark von seinem Industrieminister abhängen. Der Sozialist hatte sich mit Arnaud Montebourg den radikalsten Vertreter einer staatlich geregelten Wirtschaftspolitik ins Kabinett geholt. Monteborug fordert neue Handels-Grenzen für Europa, um eine «Gleichheit» zwischen den weltweiten Märkten zu schaffen. Der Jurist will auf europäischer Ebene darauf drängen, strengere Regeln und umweltpolitische Normen für importierte Produkte aufzustellen.

Husarenstück oder Weg zum Scheitern

Montebourg will am 25. Juli einen Hilfsplan für die französische Autoindustrie vorstellen. Denn die Konzerne Peugeot und Citroen sind noch immer das Herzstück der französischen Industrie. Und der Staat kann seinen Einfluss geltend machen: PSA-Peugeot hatte in den vergangenen Jahren drei Milliarden Euro staatliche Hilfen während der Krise erhalten. Hollandes Vorgänger Nicolas Sarkozy hatte für dieses Steuergeld keinerlei Gegenleistung oder Verpflichtungen zum Joberhalt gefordert. Nun kündigt die neue, linke Regierung an, genau zu prüfen, wie das Geld genutzt wurde und gegebenenfalls bei einer künftigen Strategie, etwa der Entwicklung von Elektro-Autos, mitreden zu wollen.

Denn Peugeot hat auch Fehler gemacht: Autoexperten werfen dem traditionellen Kleinwagen-Hersteller vor, sich mit Mittel- und Oberklassewagen übernommen zu haben. Ausserdem hat sich Peugeot allein auf den südeuropäischen Markt konzentriert und kann nun die Krise in Spanien und Italien nicht mit Verkäufen etwa in China wieder wettmachen. Eine neuerliche «Abwrackprämie» hingegen hat Montebourg schon ausgeschlossen. Der Staat könnte nun beispielsweise Anteile des Unternehmens aufkaufen. Sicherlich werden Montebourg und Hollande auch in Brüssel auf europäischer Ebene darum kämpfen, die asiatischen Billigautos mit Einfuhrbestimmungen zurückzudrängen. Die Sozialisten können nun also ihre so häufig beschworene «politische Handlungsfähigkeit» beweisen und Einfluss auf die Kernindustrie ihres Landes auszuüben.

Hollande muss aber nicht nur um die Arbeitsplätze bei Peugeot-PSA kämpfen: Kurz nach seiner Wahl schätzten Gewerkschaften und Verbände, dass viele Grosskonzerne Frankreichs Massenentlassungen planen. Die Firmenchefs hätten nur vor der Wahl im Mai geschwiegen, um den ihnen genehmen konservativen Staatschef Nicolas Sarkozy zu schützen. Mehrfach kursierte die Zahl von landesweit 50 000 akut gefährdeten Arbeitsplätzen. Peugeot könnte also nur die Feuerprobe für Hollande sein - aber weitere Brandherde drohen sich im Nachbarland aufzutun.

dapd/kpn

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