Die CSU fürchtet den Alleingang

Brechen die Christsozialen mit der CDU von Angela Merkel, stehen Charakter und Bedeutung der bayerischen Regionalpartei infrage.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Tiraden, Raufereien und Machtkämpfe gehören zur bald 70-jährigen Familiengeschichte der schwarzen Parteischwestern CDU und CSU, nicht erst seit dem neusten Konflikt um die Asylpolitik von Kanzlerin Angela Merkel. 1998 etwa, es war Helmut Kohls letztes Amtsjahr vor seiner Abwahl, stänkerte die bayerische Junge Union gegen den Kanzler: «Wir brauchen ihn hier nicht. Wir haben Edmund Stoiber.» Der Satz stammte von Markus Söder, dem heutigen Ministerpräsidenten von Bayern und neuen starken Mann der CSU. Er meinte, dass Kohl vor der Landtagswahl gar nicht nach Bayern zu kommen brauche. Die Meinung, dass die Kanzlerin nur störe, ist auch vor der bevorstehenden Landtagswahl in Bayern wieder weitverbreitet.

Viel heftiger noch war das Zerwürfnis 1976, als CSU-Übervater Franz Josef Strauss aus politischer und persönlicher Abneigung gegen den CDU-Vorsitzenden Kohl die Fraktionsgemeinschaft im Bundestag aufkündigte. Kohl reagierte heftig. Umgehend drohte er, mit der CDU künftig auch in Bayern anzutreten. Strauss rollte bald die blau-weisse Fahne kleinlaut wieder ein und machte den Beschluss von Wildbad Kreuth rückgängig.

Der aktuelle Machtkampf zwischen der CSU und Merkel trägt Züge beider historischer Vorbilder. 1976 war die Union im Bund allerdings in der Opposition und nicht in der Regierung, ein eigener Kanzler konnte über den Streit also nicht stürzen. Wie 1998 nährt sich der Zwist der beiden Schwesterparteien auch aus dem nahenden Abgang einer lange regierenden Kanzlerin. CSU-Chef Horst Seehofer beteuerte diese Woche zwar, dass seine Partei keinerlei Absicht habe, die Fraktionsgemeinschaft aufzulösen, die Koalition zu sprengen und Merkel zu stürzen. Aber genau so dürfte es kommen, wenn der Innenminister und die Kanzlerin bis Montag nicht noch einen Kompromiss beim Streit um die von der CSU geforderte Schliessung der bayerisch-österreichischen Grenze für Flüchtlinge finden.

«Zurückweisungen müssen an der Grenze erfolgen»: Horst Seehofer verteidigt seine CSU-Politik. Video: Reuters

Bricht die Union entzwei, dürfte sich das Szenario von 1976 wiederholen. Die CDU würde im Herbst wohl mit einer eigenen Liste an der Landtagswahl teilnehmen und die CSU sich ihrerseits auf andere Bundesländer ausdehnen. Welche Folgen solch ein Manöver für die Stärken der Parteien hätte, weiss derzeit niemand. In einer Umfrage kam die CSU in ganz Deutschland auf 18 Prozent der Stimmen, die CDU fiele von 30 auf 22 Prozent. Für die CDU in Bayern wiederum wurden Anteile zwischen 10 und 30 Prozent ermittelt. In jedem Fall würde die CSU ihre absolute Mehrheit in Bayern verlieren, die sie zwischen 1966 und 2008 innehatte – und erneut seit 2013.

«Aus Bayern und für Bayern»

Noch schlimmer: Die «Partei aus Bayern und für Bayern», wie sie sich selber nennt, würde durch ihre Ausdehnung auf die restliche Bundesrepublik ihren Identitätskern und Existenzgrund einbüssen – oder aber ihren bundesweiten Einfluss, falls sie sich weiter auf Bayern beschränkte. Beides zusammen, «Bayern zuerst» und «In Berlin nur für Bayern», ermöglicht ihr nur die Gemeinschaft mit der CDU, wie sie bisher existiert. Viele CSU-Kenner glauben deswegen, dass die Partei den Streit mit Merkel nicht so auf die Spitze treiben werde, dass es zum Bruch kommt. Beide Parteien hätten in den letzten zwei Wochen in den Abgrund geblickt, meinen sie, und mit Schaudern ihre Rhetorik gemässigt. Im Umfeld der Kanzlerin wiederum ist man sich nicht sicher, ob die CSU in ihrem ideologischen Furor überhaupt noch rational zu handeln bereit ist. Die CDU jedenfalls hätte noch bis zum 2. August Zeit, ihre Listen bei der bayerischen Wahlbehörde einzureichen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.06.2018, 19:58 Uhr

Artikel zum Thema

«Wo sind wir denn?» – Seehofer warnt Merkel vor Entlassung

Die Zustimmungswerte für Angela Merkel fallen. Nun erhöht Innenminister Seehofer zusätzlich noch den Druck auf die deutsche Kanzlerin. Mehr...

Der Getriebene

Horst Seehofer tritt als grosser Gegenspieler von Angela Merkel auf, dabei ist der CSU-Chef längst nicht mehr Herr im eigenen Haus. Seine Schwäche hat Folgen. Mehr...

Merkel bleiben zwei Wochen im Asylstreit

Die Kanzlerin verhandelt mit Frankreich und Italien, CSU-Chef Seehofer setzt ihr eine Frist, und Trump feuert Richtung Berlin. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Wer ist hier der Gockel: Zwei Truthähne warten im Willard Intercontinental Hotel in Washington auf ihre Begnadigung durch Donald Trump. Die meisten anderen Turkeys landen zu Thanksgiving im Ofenrohr (18. November 2018).
(Bild: Jacquelyn Martin) Mehr...