Die Boys aus der Burschenschaft

David Cameron und Boris Johnson stehen sich im britischen «Kampf um Europa» gegenüber. Sie gehören derselben Partei und Oberschicht an, gingen zur selben Schule und Uni – und sind bittere Rivalen.

Premier David Cameron (r.) und Kontrahent Boris Johnson sind sich als Feinde eng verbunden. Foto: Reuters (22. April 2015)

Premier David Cameron (r.) und Kontrahent Boris Johnson sind sich als Feinde eng verbunden. Foto: Reuters (22. April 2015)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kurioser geht es kaum als jetzt im «Kampf um Europa», um die weitere EU-Zugehörigkeit Grossbritanniens. Für den Brexit, für den Austritt, streitet an vorderster Front einer, der Brüssel «eigentlich liebt» und kürzlich noch versicherte, dass er nie für den Austritt war. Leidenschaftlich um den Verbleib in der Union dagegen müht sich ein Politiker, von dem sein ehemals engster Mitarbeiter sagt, er sei «in Wirklichkeit ein Fan des Brexit». Willkommen im britischen Referendumssommer. Hier ist nichts, wie es scheint. Alle normalen Regeln der Politik sind ausser Kraft gesetzt.

Da ist Premierminister David Cameron, der das Pro-EU-Lager anführt. Der Tory-Regierungschef, erklärt dessen langjähriger Top-Ratgeber und persönlicher Freund Steve Hilton, habe als seine ur­eigene Mission im Grunde immer das Ausscheren aus der EU gesehen. Der Brexit, meint Hilton, entspreche «voll und ganz» Camerons «Instinkten». Sähe er sich nicht als Premier in der Verantwortung, würde der Tory-Vorsitzende ohne weiteres selbst an der Spitze der Austrittsbewegung stehen. Entsprechende Abkoppelungsstrategien für Grossbritannien hätten er, Hilton, und Cameron in der Vergangenheit ausführlich durchgespielt.

Boris Johnson erklärt im Februar 2016 seine Haltung zum Brexit. Quelle: liarpoliticians/Youtube

In der Tat hat sich David Cameron früher selbst immer wieder als «Euroskeptiker» bezeichnet. An der EU missfiel ihm, dass sie «schädlich» war «für eine flexible Marktwirtschaft». Selbstverständlich könne Grossbritannien sehr gut auch ausserhalb der EU existieren, verkündete er im Vorjahr. Vor den Verhandlungen über einen Spezialdeal für die Briten zu Beginn dieses Jahres versicherte er, er halte sich «alle Optionen offen». Er könne genauso gut Nein wie Ja sagen zur Europäischen Union.

Und nun? Nun reist David Cameron unermüdlich durchs Land, um für die EU-Mitgliedschaft zu werben. Täglich taucht er irgendwo auf, krempelt die Ärmel hoch und preist den 28-Staaten-Bund. Ohne EU, macht er seinen Zuhörern begreiflich, werde Britannien verarmen, allein dastehen, sich allen Einflusses begeben und Frieden und Stabilität in Europa gefährden. Nie war die EU so notwendig wie heute, ist die Parole aus Downing Street.

Es ist, Tag für Tag, eine hektische Kampagne geworden. Immerhin geben die Umfragen dem Brexit mittlerweile eine echte Chance. Und auf des Premiers Schultern lastet viel Verantwortung für die Entscheidung am 23. Juni – schon weil sich die Führung der oppositionellen Labour Party aus taktischen Gründen zurückhält in dieser Schlacht.

Camerons Hauptkontrahent aber, kein anderer als sein Parteifreund Boris Johnson, muss sich seinerseits Fragen gefallen lassen wegen seiner Haltung zu Europa. Denn der ehemalige Bürgermeister von London, das Schwergewicht des Brexit-Lagers, ein Mann, der seine Nation mit allen Mitteln zum Ausgang drängt, hat noch vor wenigen Monaten Fraktionskollegen gestanden, dass er «dummerweise überhaupt nicht für den Austritt» sei.

Johnson hat in früheren Jahren im kleinen Kreis die EU und «das europäische Projekt» immer verteidigt. Er hat im Februar dieses Jahres eingeräumt, dass nach einem EU-Austritt eine britische Regierung «sich jahrelang in fusseliger Verhandlungsarbeit um neue Handelsarrangements» bemühen müsste, statt sich um «die wirklichen Probleme unseres Landes» kümmern zu können.

In Brüssel zur Schule gegangen

Ein Austritt aus der EU hat für Johnson nie viel Sinn gemacht. Schliesslich ging der Brexit-Führer als Sohn eines ehemaligen EU-Bürokraten zeitweise in Brüssel zur Schule. Später arbeitete er fünf Jahre lang dort als Auslandskorrespondent. Im Anschluss an diese Arbeit erwog er eine Kandidatur fürs EU-Parlament, woraus allerdings nichts wurde. Im Unterschied zu seinem eher insularen Parteikollegen Cameron hat Johnson durchaus weiter gespannte Horizonte. Er ist selbst ein Vielvölkerspross und hat Einwanderer in Grossbritannien immer willkommen geheissen. Er betrachtet sich als «kosmopolitischen Liberalen», spricht fünf Sprachen, hat Europa bereist.

Gewiss: Bekannt geworden ist Johnson durch spöttische Geschichten über Brüssel, durch zynische Kommentare zur Kommissionsarbeit. In seiner Zeit als EU-Berichterstatter für den rechtskonservativen «Daily Telegraph» Anfang der 90er Jahre war er es, der mit launig-hämischen Depeschen aus dem «Herzen Europas» dem modernen «Euroskeptizismus» an der Heimatfront Nahrung gab. Manch britischer Beobachter geht heute davon aus, dass Johnson die «euroskeptische Haltung» in dieser Form sogar erst erfand – und seinen «Telegraph»-Lesern und all den Nationalisten bei den Konservativen die Argumente lieferte, die sie benötigten für ihre eigene Abneigung gegen «den Kontinent».

Durch Johnson erfuhr man in England, dass die EU den Mitgliedsstaaten in ihrem Standardisierungsdrang kleinere Kondome, begradigte Bananen und viereckige Erdbeeren verordnen wolle, dass britische Fischer künftig Haarnetze tragen müssten, Teebeutel abgeschafft würden, Kinder unter acht Jahren keine Luftballons mehr aufblasen dürften und Särge nur noch im Einheitsformat zu produzieren seien.

Johnsons britische Kollegen in Brüssel, von ihren eigenen Chefredaktoren angerufen, rauften sich die Haare. Die «EU-Mythen» im «Telegraph» wurden in der belgischen Hauptstadt zum festen Begriff. Manche Reporter vor Ort wurden zu Spezialisten im Anstechen der fantastischen Seifenblasen, die Johnson am laufenden Band produzierte und in die Heimat entliess.

Johnson lässt sich vom Kalkül leiten, was ihm selbst am meisten nützt.

Johnson selbst aber amüsierte sich königlich über die Aufregung. Natürlich, räumte er privat ein, dürfe man «nicht alles todernst» nehmen an seinen Geschichten. Was er freilich erreichte, war eine gehörige Unruhe in London – und ein hohes persönliches Profil.

Und genau das, meinen Johnsons Kritiker, habe er jetzt wieder gesucht, mit seiner Übernahme der Sprecherrolle für den Brexit. Denn bis zum Tag seiner Entscheidung in diesem Frühjahr wusste er offenbar nicht, ob er für oder gegen die EU sein sollte. David Cameron liess er lange im Glauben, dass er sich dem Pro-EU-Lager anschliessen würde. Der Regierungschef bot ihm angeblich im Gegenzug ein Schlüsselministerium zur freien Auswahl an. Aber neun Minuten, bevor er vor seine Haustür trat, um seine Gegnerschaft zur EU bekannt zu geben, textete Boris «Dave» (wie er Cameron nennt), um ihm mitzuteilen, dass er beim Referendum gegen ihn anzutreten plane. Für den «Telegraph», für den er noch immer eine wöchentliche Kolumne schreibt, hatte er vorab zwei verschiedene Versionen vorbereitet – eine pro und eine kontra Brexit. Er sei, feixte Johnson, wochenlang «wild wie ein Einkaufswagen hin- und hergeschwenkt».

Reiner Opportunismus

Mit «speiübel grünem Gesicht» habe Cameron auf die Entscheidung reagiert, enthüllten später Vertraute des Premierministers. Britanniens EU-Gegner dagegen jubelten. Etliche Tories und sämtliche Oppositionspolitiker aber schüttelten die Köpfe. Sie deuteten die «goldene Chance», die Johnson mit einem Mal in einem EU-Austritt für Britannien erkannte, als «goldene Chance» für dessen eigene Karriere – als rein opportunistischen Schritt.

Nachdem Boris Johnson als Abgeordneter wenig geglänzt und als Londoner Bürgermeister kaum ein nennenswertes Erbe hinterlassen habe, meinen Johnsons Kritiker, habe er hier eine Gelegenheit gesehen, mitten auf der grossen Bühne zu stehen, Cameron direkt herauszufordern, sich zum Liebling der antieuropäischen Parteibasis der Konservativen zu machen und für eine Übernahme der Regierung in Stellung zu gehen.

Nicht von einer festen Überzeugung hat sich der blonde Wuschelkopf offenbar bei seiner Entscheidung leiten lassen. Sondern vom Kalkül, was ihm selbst am nützlichsten sei. «Auf die EU einzudreschen, war immer seine Marke, nie seine Überzeugung», urteilte die «Financial Times». Wäre es echte Überzeugung gewesen, fand der Historiker Timothy Garton Ash, hätte Johnson diese «schon einige Zeit vorher vertreten und geteilt».

Boris Johnson kümmert es unterdessen wenig, wie seine Parteinahme für den Brexit interpretiert wird. Seit er sich an die Spitze der Bewegung gesetzt hat, um Britannien aus der EU zu hebeln, hat er auch das mit Flair und Geschick getan. In seinem roten «Battle Bus» (Schlachtbus), dem Bus der «Vote Leave»-Kampagne, rollt er durchs Land, um Gegenparolen zu Cameron auszugeben. Nur ausserhalb der EU könne das Vereinigte Königreich wirklich souverän sein und wirtschaftlich neu aufblühen, verkündet «Brexit-Boris». Nur auf sich gestellt, vermeide London «all den Schaden, den die EU in Europa angerichtet hat».

Neid auf das «Leichtgewicht»

Den Umfragen zufolge vertrauen in Sachen EU doppelt so viele Wähler Boris Johnson wie David Cameron. Johnson – immer witzig, immer geistreich – ist der mit Abstand beliebteste Politiker der Konservativen. Boris sei «am besten platziert» für die Nachfolge in No. 10 Downing Street, hat Cameron jüngst gegenüber Freunden eingeräumt.

Genau dahin aber, in die britische Machtzentrale, zieht es und zog es Johnson schon immer. Dem zwei Jahre jüngeren «Leichtgewicht» Cameron hat der langjährige Weggefährte und Rivale des Premiers den Aufstieg immer geneidet. Die beiden Politiker kennen sich schon ewig. Sie gingen zur gleichen Zeit in die Eliteschule Eton. Sie wuchsen im gleichen Umfeld mit denselben Wertvorstellungen auf. Später, als sie in Oxford studierten, gehörten sie gemeinsam dem Bullingdon Club an, einer Art Burschenschaft des reichen Establishments.

Dass nun ausgerechnet zwei «Bullingdon Boys» und als Intimfeinde bekannte «beste Freunde» um die Zukunft Grossbritanniens miteinander rangeln, womöglich noch auf der jeweils falschen Seite im Ring, hat natürlich hier und da Verwunderung ausgelöst. Premier Cameron wird dabei zumindest zugestanden, seine Anti-EU-Instinkte niedergekämpft zu haben und es mit seinem Plädoyer für den Verbleib in der EU ernst zu meinen. Dass es Boris Johnson sonderlich ernst sei in diesem «Kampf um Europa», glauben die wenigsten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2016, 23:25 Uhr

Artikel zum Thema

Was denkt die Welt über den Brexit? Die wichtigsten Länderpositionen

Die US-Notenbank hält den Atem an, Putin rät dazu: Wie ist die Haltung der wichtigsten Partnerländer im Hinblick auf einen drohenden Brexit? Mehr...

Brexit-Abstimmung weckt die Fantasien der Spekulanten

Hedgefonds setzen auf private Befragungen am Tag des Urnengangs. Was sie sich davon erhoffen. Mehr...

Brexit-Lager hat Trumpfkarte gefunden

Steht den Briten eine gefährliche Türken-Invasion bevor, wenn sie nicht schleunigst aus der EU austreten? Das suggeriert jedenfalls das Brexit-Camp – und zwar äusserst erfolgreich. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Zeit, sich ums Esszimmer zu kümmern

Tingler Schreiben Sie Tagebuch?

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...