Zum Hauptinhalt springen

Die Berliner Mauer ist genauso lange weg, wie sie stand

Das Symbol der deutschen Teilung ist zum Gästebuch der Hauptstadt geschrumpft – die Berliner Mauer ist Geschichte, ab Montag mehr denn je.

Ab dem 13. August 1961 stand die Berliner Mauer 10'315 Tage lang.
Ab dem 13. August 1961 stand die Berliner Mauer 10'315 Tage lang.
Keystone
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 wurde die Mauer geöffnet. Ost- und Westdeutsche feierten vor dem Brandenburger Tor.
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 wurde die Mauer geöffnet. Ost- und Westdeutsche feierten vor dem Brandenburger Tor.
AP Photo
Zwei ostdeutsche Soldaten patrouilleren am 14. November auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor.
Zwei ostdeutsche Soldaten patrouilleren am 14. November auf der Mauer vor dem Brandenburger Tor.
AP Photo/Jocekl Finck
1 / 5

28 Jahre und 88 Tage trennte die Mauer die Stadt in zwei Hälften - vom 13. August 1961 bis zum 9. November 1989. Seitdem vergingen, bis diesen Montag, noch einmal 28 Jahre und 88 Tage. Dann ist die Berliner Mauer exakt so lange Geschichte, wie sie stand.

Dieses sogenannte Zirkeldatum markiert eine weitere Etappe auf dem Weg der Berliner Mauer von der kollektiven Erfahrung in die Annalen der Geschichte. Eine ganze Generation wurde seit der Wiedervereinigung erwachsen. NS-Diktatur und SED-Herrschaft sind für Schüler inzwischen nur noch nebeneinander liegende Punkte auf einem Zeitstrahl des vergangenen Jahrhunderts.

Zugleich stellen Schulklassen das treueste Mauerpublikum. Selbst im nasskalten Januar wandert eine Gesamtschulklasse aus dem Ruhrgebiet die Informationstafeln an der Gedenkstätte in der Bernauer Strasse ab. Die Neuntklässler rätseln: «Wo war hier jetzt die DDR?» Die Teilung der Stadt ist zumindest im Zentrum kaum noch zu erkennen.

Rund 45'000 Betonsegmente umschlossen einst den Westteil der Stadt. Jenseits der Mauer konservierte der Grenzwall in der DDR ein Berlin, das nach der Wende rasant der Moderne wich. Ob Einschusslöcher in den Fassaden oder mit Schutt übersäte Brachen weggebombter Häuser - mit der Wiedervereinigung verschwanden die Spuren des Kriegs aus Berlin, dafür kamen die Touristen.

Vom Fluch zum Segen

12,7 Millionen Besucher zählte Berlin im Gesamtjahr 2016, eine Vervierfachung gegenüber 1996. Der Mauerfluch von einst entwickelte sich zu einem Segen für Berlins Image in der Welt. «Der Kern unserer Marke ist die Stadt der Freiheit», sagt Burkhard Kieker, Geschäftsführer vom Tourismusverband Visitberlin. Touristen wollten in Berlin Geschichte authentisch erleben.

Video: Jenseits der Mauer

Das längste noch erhaltene Mauerstück Berlins als Open-Air-Museum.

«'Which way to the wall, wo geht es zu Mauer?' - das ist die wohl meist gestellte Frage an unseren Touristeninformationen», sagt Kieker. Auch für die Gäste von Berlin on Bike, einem der grössten Anbieter für geführte Velotouren, sei die Mauer ein absolutes Muss, sagt Unternehmenssprecher Sascha Möllering. «Die Mauertour ist neben der allgemeinen Stadtrundfahrt am stärksten nachgefragt.»

Allein die Gedenkstätte in der Bernauer Strasse zählte im vergangenen Jahr 956'000 Gäste. Hinzu kommen das privat geführte Mauermuseum am Checkpoint Charlie und das Museum «The Wall» an der Oberbaumbrücke. Der Erfolg der Museen ist auch dem Umstand geschuldet, dass von rund 155 Kilometern Berliner Mauer keine zwei Kilometer mehr zu sehen sind.

Abriss zu schnell?

Das Symbol der deutschen Teilung ist zum Gästebuch der Hauptstadt geschrumpft: Samir und Dhia, Mel, Steven, Jessi, Jesus und Bernd verewigten sich wie tausende andere Touristen auf den Resten der Berliner Mauer in der Bernauer Strasse oder am Spreeufer. Ehrfurcht ist an diesen Stellen kaum noch zu spüren - die Berliner Mauer ist Geschichte.

Die von Künstlern gestalteten 1,3 Kilometer Mauer an der Eastside Gallery sind sommers überlaufen. Zudem soll ein Absperrgitter Touristen von weiteren Kritzeleien abhalten. Das Mauerstück an der Bernauer Strasse ist 220 Meter kurz. Hinzu kommen einzelne Mauersegmente wie auf dem Potsdamer Platz, Wachtürme und der Radwanderweg entlang der früheren Mauer.

«Wir müssten noch einmal einen halben Kilometer Mauer nachbauen, mit Grenzzaun und allem Drum und Dran, um es anschaulicher zu machen», sagt Kieker. Rückblickend könnte der schnelle und umfassende Mauerabriss also vielleicht zu rigoros erfolgt sein. Viele wünsche sich mehr Raum, um Geschichte zu erfahren - und um der 136 Mauertoten sowie des Leids voneinander getrennter Familien zu gedenken.

SDA/anf

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch