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Die ausgehöhlte Allianz

Die USA und die Türkei hält nicht mehr viel zusammen.

Nach dem Bombardement türkischer Jets steigt über der nordsyrischen Stadt Jarabulus Rauch auf. Foto: Getty Images
Nach dem Bombardement türkischer Jets steigt über der nordsyrischen Stadt Jarabulus Rauch auf. Foto: Getty Images

Joe Biden beeilte sich, den schönen Schein zu wahren. Die Delegation des US-Vizepräsidenten befand sich noch im Anflug auf Ankara, als sie bereits verlauten liess, der Einmarsch der türkischen Truppen in Nordsyrien sei bestens koordiniert mit den amerikanischen Streitkräften. Mehr noch: US-Kampfjets und Militärberater würden die Offensive gegen die Terrormiliz Islamischer Staat unterstützen. Ein Kampf gegen einen gemeinsam Feind also, sollte man glauben.

Doch das Gegenteil ist der Fall, und Präsident Recep Tayyip Erdogan verhehlte auch nicht, dass er vor allem den Vormarsch der syrischen Kurdenmiliz YPG stoppen will. Die IS-Terroristen sind nur der Vorwand: Ankara will verhindern, dass sich die Kurden an der türkischen Südgrenze festsetzen und dort einen eigenen Staat gründen – ein Horrorszenario für Erdogan. Der Staatschef, der im eigenen Land allein aus Machtkalkül den Kurdenkonflikt angefacht hat, unterscheidet nicht zwischen der türkischen PKK und der Kurdenmiliz in Syrien. Beide sind für ihn Terrororganisationen, genau gleich wie die Kopfabschneider vom IS.

Keine Terroristen, sondern Partner

Die USA sehen das anders, für sie sind die syrischen Kurden keine Terroristen, sondern Partner: Sie machen im Kampf gegen den IS für den Westen die Drecksarbeit am Boden. Dabei sind sie – anders als Biden nun vorgaukelt – der verlässlichere Alliierte als das Nato-­Mitglied Türkei. Dabei weiss auch Biden: Es war die Türkei, die das Monster IS mit hochgezüchtet hat. Erdogan unterstützt seit Beginn des Kriegs in Syrien 2011 islamistische Gruppierungen wie Ahrar al-Sham, gegründet von Al-Qaida-Veteranen, die Nusra-Front und vor allem den IS.

Der deutsche Geheimdienst BND hat die Türkei als «zentrale Aktionsplattform» für Islamisten bezeichnet. Angeblich konnten 30'000 Kämpfer via Türkei nach Syrien reisen, wobei man sich in grenznahen Hotels traf; der türkische Geheimdienst soll dem IS Waffen geliefert haben; verwundete Jihadisten wurden jenseits der Grenze zusammengeflickt, und das kostenlos; und mit dem IS boomte das Geschäft mit Benzin und Öl, das die Terroristen günstig feilboten, um ihr Horrorregime zu finanzieren.

Neoosmanische Fantasien

Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde. Die Türken, seit 1952 in der Nato, waren stets ein zuverlässiger Partner, der die Südostflanke des Bündnisgebiets sicherte und bis heute den USA die Luftwaffenbasis Incirlik zur Verfügung stellt. Aber seit Erdogan seinen neoosmanischen Fantasien freien Lauf lässt, sich als regionaler Herrscher gebärdet, mit Putin und der Führung in Teheran flirtet oder den sudanesischen Präsidenten Bashir vom Verdacht des Völkermords freispricht, verliert Amerikas Partnerschaft mit der Türkei an Substanz.

Ohne Zweifel hat Joe Biden die gemeinsamen Werte und Interessen Washingtons und Ankaras beschworen. Doch hat ihm Erdogan zugehört? Wegen des Vielvölkerkriegs in Syrien braucht der Amerikaner den Türken derzeit nämlich mehr als umgekehrt.

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