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Die Achillesferse Erdogans

Reich gemacht hat er die Türken, Präsident Recep Tayyip Erdogan. Genau das aber macht ihn verwundbar, einen Vorgeschmack hat er bereits erhalten.

Treue Anhängerschaft: Recep Tayyip Erdogans Beliebtheit stösst im Westen auf wenig Verständnis.
Treue Anhängerschaft: Recep Tayyip Erdogans Beliebtheit stösst im Westen auf wenig Verständnis.
Baz Ratner, Reuters

Die Herrschaft von Recep Tayyip Erdogan erscheint den Menschen im Westen als schwer nachvollziehbares Phänomen. Wie kann ein autoritärer Herrscher eine solche Beliebtheit im Volke erlangen? Wie kann jemand wie er so populär sein, dass sich die Menschen sogar vor Panzer legen, um den Putsch gegen ihren Präsidenten aufzuhalten?

Für die Antwort muss man kein Studium der osmanischen Geschichte absolviert haben. Es genügt der Blick auf die jüngste ökonomische Vergangenheit der türkischen Nation. Denn das Land hat eine beispiellose wirtschaftliche Entwicklung hinter sich. Erdogan hat es geschafft, den meisten Türken Wohlstand zu bringen – und dafür verehren sie ihn. Er hat der Nation neues Selbstbewusstsein verschafft.

Erdogans Ruf als «Reichmacher» und Vater einer aufstrebenden Nation ist jetzt jedoch auch die Achillesferse des ansonsten so Unantastbaren. Er hat bei seinem Volk eine Erwartungshaltung geweckt, die er auch langfristig befriedigen muss. Dieses ökonomische und geopolitische Versprechen steht ausgerechnet nach dem gescheiterten Putsch auf dem Spiel – der missglückten Revolte, die seine Position innerhalb des Landes gestärkt hat.

Asylgesuch an Griechenland: Einer der türkischen Offiziere (M.), der nach dem Putschversuch nach Griechenland flüchtete (27. Juli 2016).
Asylgesuch an Griechenland: Einer der türkischen Offiziere (M.), der nach dem Putschversuch nach Griechenland flüchtete (27. Juli 2016).
Yorgos Karahalis, Keystone
Die Justiz hatte schon kurz nach der Flucht ein erstes Urteil gefällt: Ein Polizist führt einen der geflohenen Soldaten ins Gericht in Alexandroupolis.
Die Justiz hatte schon kurz nach der Flucht ein erstes Urteil gefällt: Ein Polizist führt einen der geflohenen Soldaten ins Gericht in Alexandroupolis.
Sakis Mitrolidis, AFP
Offenbar sind auch Schüsse gefallen.
Offenbar sind auch Schüsse gefallen.
AFP
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Sein brachiales Vorgehen gegen echte und vermeintliche Gegner in Militär, Politik, Justiz und Polizei verschreckt die globalen Investoren. Auch die offene Konfrontation mit den USA und die Pläne zur Wiedereinführung der Todesstrafe irritieren die internationalen Geldgeber. Doch auf diese ist Erdogan angewiesen, will er seinen Wachstumskurs beibehalten. Und das muss er dringend. Der Rückhalt im Volk ist ihm nur sicher, wenn auch der Wohlstand der Menschen weiter wächst.

Stärkster Börseneinbruch seit Juni 2013

Einen ersten Vorgeschmack auf das hohe Risiko seiner Brachialstrategie bekam Erdogan zu Wochenbeginn. Da krachte der Aktienindex BIST100 in der Spitze um neun Prozent in die Tiefe. Es war der stärkste Einbruch seit Juni 2013, als Erdogan den Gezi-Park blutig räumen liess. Auch der Dienstag brachte nicht die erhoffte Erholung. Am Anleihemarkt kam es ebenfalls zu Turbulenzen. Die Rendite der zehnjährigen türkischen Staatsanleihen stieg um 60 Basispunkte auf 9,56 Prozent in die Höhe. Allein heftigen Liquiditätsspritzen der türkischen Notenbank war es zu verdanken, dass die Verwerfungen nicht noch heftiger ausfielen.

«Der gescheiterte Putsch vom Freitag verstärkt die soziopolitische Unsicherheit», sagt Waleed Mohsin, Analyst bei Goldman Sachs. «Das Land wird von Investoren jetzt in eine höhere Risikoklasse eingestuft.»

Erdogan ist auf das Wohlwollen der internationalen Investoren angewiesen. Da ist zum einen das «flüchtige» Geld, das in den vergangenen Jahren nach Anlagechancen an der Börse in Istanbul gesucht hat. Seit Februar haben globale Adressen umgerechnet rund 3,7 Milliarden Dollar in den türkischen Anleihemarkt und knapp eine Milliarde in den Aktienmarkt gepumpt. Die Renditen fielen daraufhin von rund elf auf unter neun Prozent, bevor jetzt die grosse Gegenbewegung einsetzte. Selbst nach dem Einbruch vom Montag liegt der türkische Aktienmarkt im laufenden Jahr noch sieben Prozent im Plus.

Die Quittung auf seine harsche Reaktion

Ankara ist zudem auf langfristige Investitionen von Ausländern angewiesen. Schliesslich führt das Land deutlich mehr Waren und Dienstleistungen ein, als es ausführt. Gemessen an der Wirtschaftsleistung beträgt das Leistungsbilanzdefizit 4,1 Prozent. Gleichzeitig müssen türkische Unternehmen, Banken und Staatsfirmen in diesem Jahr Kredite im Volumen von 200 Milliarden Dollar zurückzahlen. Die Lücken müssen mit ausländischem Kapital gedeckt werden.

Das dürfte Erdogan immer schwerer fallen. Schliesslich könnte er von den Ratingagenturen schon bald die Quittung für seine harsche Reaktion auf den gescheiterten Putsch erhalten. «Der Putschversuch offenbart das politische Risiko des Landes. Ob sich daraus eine Abstufung beim Rating ergibt, hängt davon ab, inwiefern die Reaktion der Regierung die politische Spaltung des Landes befördert und die politischen Institutionen schwächt», sagt Paul Gamble, Analyst bei der Ratingagentur Fitch. Die Säuberungsaktionen in der Justiz könnten die Integrität der Gerichtsbarkeit erschüttern und Druck auf die Kreditwürdigkeit ausüben.

Konkurrent Moody's hat die Türkei am Montag sogar auf die schwarze Liste für ein Downgrade gesetzt. Fitch und Moody's bewerten die Türkei eine Stufe über Ramschniveau. Bereits im August könnte das gute Rating dahin sein. Beim Konkurrenten Standard & Poor's rangiert die Türkei bereits auf Ramsch, und auch die Märkte verorten das Land bereits dort. Gemessen an den Kosten für Kreditausfallversicherungen wird die Pleitewahrscheinlichkeit auf Sicht von fünf Jahren auf 15,3 Prozent taxiert.

Erdogan musste Richtung Moskau versöhnlicher werden

Wie anfällig die Türkei für entsagte internationale Liebe ist, zeigte zuletzt der dramatische Einbruch bei den Touristenzahlen. Dieser zwang Erdogan zu einem bemerkenswerten Kotau vor dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch die türkische Armee im Grenzgebiet zu Syrien im November des vergangenen Jahres hatte der Kreml ein Embargo ausgesprochen. Russen durften demnach nicht mehr in die Türkei reisen. Anfangs gab sich die Führung in Ankara noch stur. Eine Entschuldigung Richtung Moskau kam gar nicht infrage. Doch dann wurde schnell offenbar, wie sehr die wegbleibenden russischen Touristen dem Land schaden. Der Tourismus ist nach wie vor eine wichtige Einnahmequelle. 500.000 Türken arbeiten in dem Sektor. Vor allem aber ist er ein entscheidender Devisenbringer. Erdogan blieb also nicht anderes übrig, als wieder versöhnlichere Töne gegenüber Moskau anzuschlagen.

Huber Strand im türkischen Alanya: Die Tourismus-Branche fürchtet die Folgen des Putschversuchs. (Reuters/Kaan Soyturk)
Huber Strand im türkischen Alanya: Die Tourismus-Branche fürchtet die Folgen des Putschversuchs. (Reuters/Kaan Soyturk)

Nun könnten zwar wieder deutlich mehr Russen ins Land kommen, bei den westlichen Urlaubern dürfte der Putschversuch jedoch weitere Zurückhaltung auslösen. Am Samstag hatte ein Viertel der deutschen Türkeireisenden ihren Urlaub storniert. Inzwischen sind es nur noch fünf Prozent. In diesem Jahr zog es nach Angaben des türkischen Fremdenverkehrsamts ein Viertel weniger Deutsche ins Land. Die lange gehegte Hoffnung auf einen Ansturm der Spätbucher dürfte jedoch nach dem Putsch perdu sein.

Erdogans Ideen bedeuten weitere Unsicherheit für die Märkte

«All das ruft erneut die Fragilität der politischen, aber auch wirtschaftlichen Situation der Türkei in Erinnerung», sagt Ronald Schneider, Fondsmanager bei Raiffeisen Capital Management. Die Diskussion mit den USA über die Auslieferung des vermeintlichen Drahtziehers Gülen und die angedrohte Wiedereinführung der Todesstrafe, die ein Ende der Annäherung an die EU bedeuten würde, könnten weitere Unsicherheit bringen.

Der Markt dürfte auch in der Stärkung Erdogans eher das Risiko eines höheren Drucks auf die Notenbank sehen, die Zinsen stärker zu senken. «Das würde mittelfristig die Anfälligkeit des Landes für Kapitalabflüsse erhöhen.» Ökonomen sehen massive Risiken für das Wachstum des Landes. Mittelfristig könnten die Zuwächse einen Prozentpunkt niedriger ausfallen, meint Citigroup-Volkswirt Ilker Domac.

Das würde die Türken hart treffen. Denn ihr Präsident hat sie in der Vergangenheit meist mit Erfolgsmeldungen verwöhnt. Galt das Land noch vor wenigen Jahren lediglich als Schwellenland, zählt die Türkei inzwischen zu den 20 grössten Volkswirtschaften der Welt. Die Arbeitslosenquote beträgt rund zehn Prozent. Davon sind EU-Staaten wie Spanien, Italien oder Portugal deutlich entfernt. Im vergangenen Jahr beschloss die Regierung sogar einen Anstieg des Mindestlohns um üppige 30 Prozent. Ein Ende dieser guten Nachrichten könnte Erdogan seinem Volks sicherlich nur schwer verkaufen.

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