Deutschland und die Angst vor Messern

Zahlen zeigen: Delikte mit Stichwaffen haben zugenommen. Dazu haben wohl auch Flüchtlinge beigetragen. Was propagandistisch ausgeschlachtet wird.

«Nehmt ihnen die Messer, sonst nehmen wir euch die Ämter!»: Die Emotionen kochen in Chemnitz. (30. August 2018) Bild: Ralf Hirschberger/Keystone

«Nehmt ihnen die Messer, sonst nehmen wir euch die Ämter!»: Die Emotionen kochen in Chemnitz. (30. August 2018) Bild: Ralf Hirschberger/Keystone

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Die Alternative für Deutschland (AfD) hat einen neuen Kampf­begriff: «Messermigration», gewissermassen die Steigerung der beklagten «Massenmigration». Auf der Website der AfD-Bundestagsfraktion gibt es eine interaktive Karte, auf der Dutzende blutige Messer Deutschland bedecken. Jedes Messer steht für die Bluttat eines Einwanderers gegen einen Deutschen.

Einige Ortsnamen, die dazu gehören, kennen Migrations­kritiker auswendig: Kandel, Lünen, Flensburg, Offenburg – zuletzt Chemnitz, wo ein Iraker und ein Syrer einen Deutschen erstochen haben sollen. Rabiate AfD-Politiker wie Fraktionschefin Alice Weidel sprechen mittlerweile nur noch von «Kopftuchmädchen» und «Messermännern», wenn sie Einwanderer meinen.

Medien als Verstärker

Die «Messerangst», die AfD und deutscher Boulevard ausgerufen haben, hat längst auch die anderen Medien ergriffen. Jeder Messerangriff eines Ausländers auf einen Deutschen wird sogleich zu einem nationalen Thema, während Messerdelikte von Deutschen allenfalls in den Kurznachrichten verhandelt werden.

Diesem Sog zur tendenziösen Berichterstattung können sich nicht einmal die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ARD und ZDF mehr entziehen. Behandeln sie ein Verbrechen eines Einwanderers gleich wie das eines Deutschen (in der Regel als lokales Ereignis), wird ihnen in den sozialen Medien sofort Vertuschung vorgeworfen.

Dass interessierte politische Kreise die Angst vor dem messerfuchtelnden fremden Mann schüren, ist leicht festzustellen. Aber lässt sich deswegen schon behaupten, diese Angst sei bloss eine gefühlte? Was sagen die Statistiken? Im Unterschied zu Ländern wie der Schweiz werden in Deutschland Messerdelikte bislang nicht landesweit erhoben. Da das Gesetz den Begriff Messerattacke nicht kennt, registrieren verschiedene Bundesländer entsprechende Verbrechen auf ganz verschiedene Weise. Die Statistiken sind deswegen nicht nur untereinander kaum vergleichbar, sondern grundsätzlich mit Unsicherheiten belastet.

Flüchtlinge oft auch Opfer

Dennoch lässt sich aus den Zahlen von 10 der 16 deutschen Bundesländer ein relativ deutlicher Trend ablesen: Zwischen 2014 und 2017 ist nach einer Recherche des ARD-Magazins «Kontraste» vom April die Anzahl der Messerdelikte um rund 20 Prozent gestiegen. Wie gross der Anteil von Flüchtlingen an diesem Anstieg ist, lässt sich schwer sagen. Denn bislang erheben nur wenige Bundesländer solche Daten. Alle, die es tun, meldeten aber einen überproportionalen Anstieg nicht deutscher Tat­verdächtiger: Hessen um fast 10 Prozent, Sachsen-Anhalt um fast 20 Prozent.

Im sächsischen Leipzig, wo sich die Zahl der Messerdelikte seit 2014 mehr als verdoppelt hat, stand im vergangenen Jahr fast die Hälfte der 138 Messerdelikte in Verbindung mit Flüchtlingen. Nach Angaben der Polizei ergibt sich diese Häufung aber unter anderem aus dem Umstand, dass Flüchtlinge bei Konflikten untereinander zum Messer greifen, etwa in Gemeinschaftsunterkünften. Nicht nur unter den Tätern, sondern auch unter den Opfern sind Asylbewerber deswegen überrepräsentiert.

«Unsinnige Folgerungen»

Martin Rettenberger, Kriminologe in Wiesbaden, hält ethnisierende Schlussfolgerungen jedenfalls für unsinnig: «Es gibt keinen Kulturbegriff von Gewalt. Keine Religion, keine Staatsangehörigkeit greift schneller nach einem Messer», sagte er der «Süddeutschen Zeitung».


Video: Ausschreitungen in Chemnitz

Bei den Demonstrationen in Chemnitz von Anfang Woche kam es vereinzelt auch zu Hitlergrüssen. Video: Reuters.


Kriminologen wie den Zürcher Forscher Dirk Baier von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) erstaunt es grundsätzlich nicht, dass Flüchtlinge in den letzten Jahren zur Gewaltkriminalität überproportional beigetragen haben. 2015/2016 seien viele junge Männer nach Deutschland geflüchtet, und die würden grundsätzlich häufiger kriminell als alle anderen Gruppen – auch bei den Einheimischen.

Baier hat in einer noch unveröffentlichten neuen Studie den deutschen Trend zu mehr Messergewalt mit der Entwicklung in der Schweiz und Österreich verglichen. In der Schweiz hat seit 2015 die Anzahl der wichtigsten Messerdelikte interessanterweise stagniert, gemessen am Bevölkerungswachstum sogar leicht abgenommen.

Jeder dritte männliche
Jugendliche trägt ab und zu ein
Messer auf sich.

Österreich hingegen registrierte einen Anstieg um 9 Prozent. Und Grossbritannien, zum Vergleich, meldete im Jahr 2017 23 Prozent mehr Messerdelikte als im Vorjahr.

Baier hat für seine Studie zudem die neusten Zahlen aus der Befragung von niedersächsischen Schülern ausgewertet. Demnach ist zwischen 2013 und 2017 die Zahl der 14- bis 17-jährigen Schüler, die mindestens ab und zu in der Öffentlichkeit ein Messer auf sich tragen, deutlich gestiegen: Jeder dritte männliche Jugendliche tut es bereits – Schüler mit Migrationshintergrund übrigens eher seltener als Einheimische. Einen der Gründe für die Entwicklung sieht Baier in der Tatsache, dass das subjektive Sicherheitsgefühl in den letzten Jahren abgenommen habe, recht unabhängig von der statistischen Entwicklung der Gewaltkriminalität.

Die AfD, aber auch Politiker anderer Parteien fordern seit längerem eine bundesweite Statistik für Messerangriffe, in der diese Delikte nach einheitlichen Kriterien erfasst werden. Die Deutsche Polizeigewerkschaft verlangt zudem, Messerangriffe künftig nicht nur als schwere Körperverletzungen, sondern grundsätzlich als versuchte Tötungen zu verfolgen. Dies würde es ermöglichen, sofortige Untersuchungshaft anzuordnen, höhere Strafen auszusprechen und ausländische Täter konsequent abzuschieben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.08.2018, 22:12 Uhr

Chemnitz: Täter sollte abgeschoben werden

Der mutmassliche Messerstecher von Chemnitz hätte bereits 2016 nach Bulgarien abgeschoben werden sollen. Der 22-jährige irakische Kurde Yousif A. hatte dort bereits einen Asylantrag gestellt. Das deutsche Flüchtlingsamt verpasste aber den Termin. Zuvor wurde bekannt, dass Yousif A. mehrfach vorbestraft ist und unter Bewährung stand. Fünfmal war er zu Geldstrafen verurteilt worden, im Juli 2017 wegen gefährlicher Körperverletzung zudem zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten. Er hatte bei einem Streit in einem Asylheim mehrere Leute mit einem Pfefferspray attackiert. Ebenfalls am Donnerstag gab ein Beamter des sächsischen Justizministeriums in Dresden zu, dass er den Haftbefehl gegen Yousif A. und gegen den zweiten Mitbeschuldigten, den 23-jährigen Syrer Alaa S., fotografiert und in den sozialen Medien veröffentlicht habe. Beide Handlungen sind strafbar. Der Beamte, der sofort suspendiert wurde, gab an, er habe geglaubt, dass nur so «die ganze Wahrheit» ans Licht komme. (de.)

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