Er hat ein Ohr für Wutbürger

Bisher hörte er den Leuten zu, die sich unverstanden fühlen. Doch nun stellt sich der Theologe Frank Richter Pegida und AfD entgegen – als Bürgermeister.

Trat aus der CDU aus, weil ihm die Streitkultur fehlte: Frank Richter aus Dresden will Bürgermeister von Meissen werden. Foto: Eric Münch («Morgenpost Sachsen»)

Trat aus der CDU aus, weil ihm die Streitkultur fehlte: Frank Richter aus Dresden will Bürgermeister von Meissen werden. Foto: Eric Münch («Morgenpost Sachsen»)

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Da kommt er einem schon entgegen, freudig lächelnd, aus einem der vielen Eingänge seiner Frauenkirche, mitten im Herzen von Dresden. Frank Richter führt zuerst in diese imposante, auf ihre Weise einmalige evangelische Barockkirche. In den letzten Kriegsmonaten zerstört, blieb sie in der DDR als Ruine und Mahnmal gegen den Krieg stehen und wurde nach der friedlichen Revolution 1989 von engagierten Bürgern der Stadt wiederaufgebaut.

Das war nur konsequent, war sie doch ursprünglich auch auf Initiative der Bürger entstanden, nicht auf jene der sächsischen Krone. Ein Symbol, das mahnt und versöhnt zugleich, hat es Richter besonders angetan. Etwas zur Seite, bei einem der Ausgänge, steht es: Das eiserne Kreuz, das einst die Kirchenkuppel krönte, zeugt bizarr verformt von der Gewalt des Feuers. Das neue Kreuz hat das britische Königreich gestiftet – von der Insel kamen die Bomber, die im Februar 1945 Dresden in eine Flammenhölle verwandelten.

Frank Richter ist ein Mann Gottes – freilich im weitesten, grosszügigsten Sinne. Als junger katholischer Priester wurde er 1989 berühmt, als er zwischen Demonstranten und DDR-Volkspolizisten vermittelte und eine gewaltsame Konfrontation verhinderte. Seine «Gruppe der 20» war die erste Dissidentenvertretung, die offiziell mit der Staatsgewalt verhandelte. Richter blieb zunächst Pfarrer, ging in den Westen, trat dann aber aus der katholischen Kirche aus, weil er sich in eine Frau verliebte und heiraten wollte.

Sachsen-Versteher für Talkshows

2009 wechselte er die Bühne, wurde Leiter der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Er wurde in ganz Deutschland bekannt, insbesondere als er ab 2014 zwischen den wütenden «Patriotischen Europäern gegen die Islamisierung des Abendlandes» (Pegida) und der ratlosen Bürgerschaft Dresdens vermittelte. Im vergangenen Jahr war er die Streitereien leid und zog sich zurück. Ein Jahr lang führte er zuletzt die Geschäfte der Stiftung Frauenkirche. Eines hat sich nicht geändert: Suchen sie für die Fernsehtalkshows einen Sachsen-Versteher oder Anwalt der ostdeutschen Befindlichkeit, rufen sie bei ihm an.

Nach dem kurzen Rundgang in der Kirche setzt man sich in ein altes Gasthaus zu deren Füssen. Richter blickt einen offen und forschend an, sein fröhliches Lachen macht wehrlos, er spricht eindringlich und genau. Auf die Frage, wie es Dresden so gehe, sagt er, die Stadt komme ihm manisch-depressiv vor, jedenfalls innerlich aufgeregt und zerwühlt. Zudem fühle sich der «Narziss von der Elbe» in seinem Stolz verletzt, seit sich die halbe Welt über den angeblich «braunen Sumpf» im schönen Sachsen das Maul zerreisse. Dresden reagiere darauf instinktiv mit Eigensinn und Trotz, nicht mit Selbstkritik.

Bilder: Pegida-Anhänger demonstrieren in Dresden

Dabei habe sich die Stadt an Pegida mittlerweile gewöhnt. Die montäglichen Märsche mit ihrem Geschrei seien zu einer «skurrilen Normalität» geworden. Die Zahl der Demonstranten ist stark geschrumpft, das Aufhebens um sie auch. Die Fronten haben sich zumindest nicht weiter verhärtet, da und dort ist tatsächlich Dialog entstanden. Frank Richter hat dazu massgeblich beigetragen. Gleichzeitig dient die Alternative für Deutschland (AfD) den neurechten Strassenbewegungen nun offiziell als parlamentarischer Arm, nicht nur in Sachsen, sondern auch in Berlin.

Dresden gehörte nicht von ungefähr zu den Hochburgen der Nazis.

Bei der Bundestagswahl gewann die AfD in Sachsen mehr als 30 Prozent der Stimmen und überholte erstmals die CDU als stärkste Partei. Für die machtgewohnte Union war es ein Schock. Der konfliktscheue Ministerpräsident Stanislaw Tillich trat zurück und machte Platz für den jungen Michael Kretschmer, der nun ein Jahr Zeit hat zu verhindern, dass die AfD auch die Kommunal- und Landtagswahlen 2019 dominiert. Rettet die AfD die Demokratie, wie ihre Anhänger glauben, weil sie zu lange Unverhandeltes in die politische Debatte hineinträgt? Oder bringt es sie vielmehr in Gefahr? «Ich weiss es nicht», sagt Richter.

AfD-Politiker wie Björn Höcke und neurechte Ideologen wie Götz Kubitschek äusserten sich offen «neonationalsozialistisch». Sie strebten einen Umsturz an, der zu einem autoritären, illiberalen und rassistischen Staat führen würde. Diesen Kräften die Demokratie auszuliefern, sei ein «Spiel mit dem Feuer». Ihnen müsse man entschieden entgegentreten. Gleichzeitig erlebe er, dass der parlamentarische Einbezug der AfD die Partei auch zivilisiere und dazu führe, dass ihre Meinungen offener diskutiert würden. Ihre Wähler fühlten sich zum Teil erstmals wirklich vertreten, ob einem das nun gefalle oder nicht.

Dresden sagt man nach, dass hier wichtige Debatten früher, heftiger und unversöhnlicher geführt werden als anderswo. Besondere Antennen hat auch der Seelenkundler Frank Richter, der die geheime Unruhe im Land früher spürte als die meisten. Als Vermittler der ersten Stunde brachte er die Schreihälse zum Reden, hörte sich ihre ­Sorgen über Ungerechtigkeit, Vernachlässigung, Islamisierung und Überfremdung an. Als Deutschland Pegida entdeckte und weithin mit Abscheu ­reagierte, redete er längst mit ihren Sympathisanten, organisierte Diskussionsforen mit den Verantwortlichen der Stadtgesellschaft und versuchte, den politischen Diskurs in Gang zu bringen. Sich aufgeklärt wähnende Kreise schimpften ihn dafür «Pegida-Versteher». Die Wutbürger wiederum nervte er, indem er beim Dialog stets auf Regeln und Respekt bestand, ihnen zwar zuhörte, aber nicht deswegen auch recht gab.

Die Frauenkirche ist ein Symbol, das mahnt und zugleich versöhnt.

Als Theologe glaubte er früh schon den tieferen Grund für Unmut und Gereiztheit zu erkennen: die weltanschauliche Unbehaustheit vieler Menschen. «Deutschlands Osten ist die säkularste Region Europas, das vergisst man leicht.» Während anderswo, etwa im Rheinland, der Katholizismus dem Rechtsextremismus starken inneren Widerstand entgegenbringe, sei das in Sachsen schon zur Weimarer Zeit nicht der Fall gewesen. Dresden gehörte nicht von ungefähr zu den frühen Hochburgen der Nazis.

Der rechte Wahn von Rasse und Nation führte in die Katastrophe. Nach dem Krieg bot die DDR den erschütterten Menschen den Marxismus-Leninismus als Religionsersatz an. Auch diese Weltanschauung zerschellte an der Wirklichkeit. «Zweimal in 60 Jahren haben sich die Menschen hier schrecklich getäuscht, fühlten sich missbraucht oder in die Irre geführt. Das hinterlässt nicht nur Traumata, sondern auch Scham.» Nach der Wende schwappte der westliche Neoliberalismus über den Osten, überliess den Einzelnen sich selber und seinem Kampf ums Überleben. Auch diese Ideologie habe viele enttäuscht, menschlich und emotional. Und nun stosse ein neuer Nationalismus, der Zugehörigkeit und Anerkennung wenigstens in der eigenen Volksgemeinschaft verspreche, mit Macht in diese Lücke. «Das gibt endlich wieder Boden unter die Füsse», zitiert er die Hoffnungen der Betroffenen.

Frank Richter hat sich über die Jahre etwas müdevermittelt. Nach dem Gespräch geht es einige Schritte zurück über den Platz, in die unterirdischen Gewölbe der Frauenkirche, wo ein Pegida-Film gezeigt und öffentlich diskutiert wird. «Montags in Dresden», eine Langzeitrecherche der in Dresden geborenen Regisseurin Sabine Michel, ist ein faszinierendes, aber auch politisch umstrittenes Dokument. Es zeigt drei Pegida-Akteure nicht nur als politische Extremisten, sondern ausdrücklich als Menschen: als junge Mutter, die sich rührend um ihr behindertes Kind kümmert, als katholischen Unternehmer, der sich um die geistige Zukunft seiner Heimat sorgt, als Lebenskünstler, dessen Eltern selber Flüchtlinge waren und als «Polacken» beschimpft wurden.

Neue Streitschrift

Richter hat mitgeholfen, dass der Film nicht nur in Berlin oder Leipzig, sondern auch in Dresden gezeigt wird. Aber noch bevor die Vorführung beginnt, kommt es schon zu Streit und Tumult. Weil der Saal nur 70 Zuschauer fasst, bleiben viele draussen vor der Tür – und schimpfen lauthals darüber, dass hier ein wichtiger Film offenbar «unter Ausschluss des Volkes» gezeigt werden soll.

Als Richter nach der Vorführung mit der Regisseurin, der Produzentin und dem Bürgerrechtler Michael Beleites über den Film spricht, unterbrechen Pegida-Anhänger nach kurzer Zeit das Gespräch: «Das ist doch keine Diskussion, wenn ihr da vorne unter euch sprecht!», ruft eine Frau. Als sie später, wie viele andere, doch noch mitreden darf, kritisiert sie erneut den beschränkten Zugang und das Format der Debatte – zum Film will sie lieber nichts sagen.

«Ich kenne mittlerweile die meisten Leute bei diesen Veranstaltungen und weiss, dass die Nachdenklichkeit, die ich von einem echten Dialog erwarte, mit vielen von ihnen nicht in Gang kommt – deshalb das Podium», rechtfertigt sich Richter. Als er in der Diskussion betont, dass Verständigung nur entstehe, wenn man zuhöre und auch sich selber infrage stelle, blafft ein Mann, auf die DDR-Zwangspädagogik anspielend: «Sind wir hier eigentlich an einer Parteiveranstaltung?» Als Richter einer besonders erregten älteren Frau Zwischenrufe verbietet, gibt die sich urplötzlich schuldbewusst wie eine ertappte Musterschülerin. Erhellendes oder Nachdenkliches fördert die Debatte abseits des Podiums kaum zutage.

Die Meissener trauen ihm zu, dem Rechtsdrall entgegenzuwirken.

Für Richter, der gerade eine neue Streitschrift mit dem Titel «Hört endlich zu!» veröffentlicht hat, ist Vermittlung nicht mehr das wichtigste Gebot der Stunde. Mit 58 Jahren wagt er noch einmal etwas – und geht in die Politik. Eine Initiative von 70 engagierten Bürgern hat ihn angefragt, ob er im Herbst als Oberbürgermeister von Meissen kandidieren wolle, der geschichtsträchtigen Kleinstadt unweit von Dresden. Richter wurde in der Stadt geboren, die Meissener trauen ihm zu, die zerrissene Stadtgesellschaft wieder zusammenzuführen, dem starken Rechtsdrall entgegenzuwirken und neue Ideen zu entwickeln.

Richter war lange Mitglied der CDU, ist aber im letzten Jahr ausgetreten, weil es ihm an «Streitkultur» fehlte. In Meissen tritt er als Parteiloser an – wie mittlerweile viele Bürgermeisterkandidaten im Land. Er habe lange mit sich gerungen. «Das kann auch schiefgehen, klar. Aber wissen tun wir nun genug. Jetzt ist es Zeit, etwas zu tun.» Für den Mann des Wortes geht es um nichts weniger als um einen Beweis seiner Glaubwürdigkeit als Citoyen. «Ich möchte jedenfalls nicht erleben, dass 2019 die AfD dieses Land regiert.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.05.2018, 15:46 Uhr

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