Der schwierige Türke

Mesut Özil und Deutschland – eine komplizierte Beziehung. Nach der miserablen WM ist das Einwandererkind der ideale Sündenbock.

Mesut Özil bleibt als Mensch hinter dem Werbeträger verborgen. Bild: Michael Regan (Fifa/Getty Images)

Mesut Özil bleibt als Mensch hinter dem Werbeträger verborgen. Bild: Michael Regan (Fifa/Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dieses Porträt publizierte DerBund.ch/Newsnet am 19. Juli 2018 – drei Tage vor Mesut Özils Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft.

Mindestens viermal hat Mesut Özil seit 2011 den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan getroffen, nie hat es die Deutschen besonders interessiert. Als er es im Mai in London ein fünftes Mal tat, wurde daraus sogleich eine kleine Staatsaffäre, die bis heute schwelt. Erst posierte Özil mit dem Despoten, fasste kürzlich der «Spiegel» die Lage zusammen, dann traf er in Russland das Tor nicht, Reue zeigt er bis heute keine.

Am Mittelfeldspieler, türkischstämmiges Einwandererkind der dritten Generation, scheiden sich die Geister. Die Emotionen, die dabei frei werden, zeigen aber auch, wie misstrauisch, ja feindselig viele Deutsche in diesem Sommer «Fremden» begegnen, Muslimen besonders. Man verzeiht nichts mehr. Verächtlich reden ist cool geworden.

Unstrittig ist, dass die Fotos von Özil und Teamkamerad Ilkay Gündogan mit dem türkischen Herrscher die Kampagne des Weltmeisters von 2014 belasteten. Die beiden zeigten sich zwar bald auch mit dem deutschen Präsidenten Frank-Walter Steinmeier, aber vor allem Özils Weigerung, sich zu erklären, erboste viele deutsche Fans. Nach dem schmählichen Ausscheiden an der WM traf Özil der Volkszorn am heftigsten. Reinhard Grindel, Chef des Deutschen Fussballbundes, und Oliver Bierhoff, Manager der Nationalmannschaft, erklärten Özil kaum verhüllt zum Prügelknaben. Jedenfalls fiel ihnen kein anderer Versager namentlich ein, eigene Fehler schon gar nicht.

Symbolisches Opfer

In diesem Sommer, in dem die Flüchtlingspolitik Deutschland auf einmal wieder spaltet, musste wohl einfach jemand schuld sein an der Zerrissenheit des Gemeinwesens. Zeit und Stimmung forderten ein symbolisches Opfer, um neu anfangen zu können. Und Mesut Özil, der traurige Muslim mit den schmalen Schultern, bot sich als idealer Sündenbock an.

Mesut Özil stand schon unter Beobachtung, lange bevor er ein Weltstar wurde. 

Selbst als sie ihn für seine Zauberstücke auf dem Rasen noch gefeiert hatten, war er den Deutschen im Grunde immer ein Rätsel geblieben. Dabei stimmten öffentliche Erscheinung und Spielfigur erstaunlich gut überein. Özil ist ein schüchterner, beinahe scheuer Mensch, der es vermeidet, sich zu erklären. Auf dem Rasen ist er weder Blender noch Bomber, sondern ein genialischer Schläfer und Schweiger. Oft wirkt er verträumt, ja melancholisch, dann zucken plötzlich Pässe aus seinem linken Fuss, die das Spiel auf wundersame Weise öffnen. Özil ist ein Künstler aus dem Verborgenen, ungreifbar, oft auch für seine Gegner.

Er galt als Star und Symbol einer Mannschaft, die mit den berüchtigten deutschen Sekundärtugenden – Kampf, Wille, Disziplin – brach und unvermittelt ebenso siegreich wie schön spielte. Eines Teams überdies, das so bunt gemischt auftrat, wie es die Einwanderungsgesellschaft längst war.

Kein deutscher Fussballer hat in den sozialen Medien mehr Fans als Özil, 31 Millionen sind es allein auf Facebook. In muslimischen Ländern ist der 29-Jährige einer der populärsten Sportler überhaupt. Im fingierten Zwiegespräch mit den Fans zeigt er sich mit nacktem Oberkörper am Meer oder in Mekka als frommer Pilger im langen Gewand. Aber der Mensch bleibt hinter dem Werbeträger verborgen. Interviews gibt er so gut wie keine. Geht es um Politik, verstockt er. Er könne es sowieso niemandem recht machen, sagte er einmal, also schweige er lieber. Setzt ihn jemand unter Druck, verweigert er sich. «Ich muss gar nichts.»

Nicht wenige Deutsche sehen in Özil «unseren schwierigen Türken», unzuverlässig und undankbar. Er stand schon unter Beobachtung, lange bevor er ein Weltstar wurde. Deutschland habe seine Grossväter als Arbeiter geholt, sagte er einmal, nur deswegen lebten die Özils im Ruhrpott. Zu Hause sprach man Türkisch, noch heute müsse er sich konzentrieren, wenn er Deutsch rede.

Als mit 18 die Frage aufkam, ob er für Deutschland oder für die Türkei spielen sollte, war selbst seine eigene Familie gespalten. Die Mutter trat für die alte Heimat ein, der Vater für die neue. Mesut entschied sich für Deutschland und legte die türkische Nationalität ab. Es war ein schwieriger, ein schmerzhafter Entscheid.

Als «Vorzeigemigrant» überhöht

Als Özil 2010 als Deutscher gegen die Türkei ein Tor schoss, jubelte er aus Respekt nicht, wurde aber von Zehntausenden Deutschtürken gleichwohl wüst ausgepfiffen. Nach dem Spiel kam Kanzlerin Angela Merkel in die Kabine, reichte dem halb nackten jungen Mann die Hand und nahm ihn damit symbolisch in den deutschen Ehrenkreis auf. Im selben Jahr erhielt er einen Preis als Held der Integration. Einhellig war das Urteil freilich nie. Deutsche Patrioten schimpften jedes Mal, wenn er die Hymne nicht mitsang, und stellten seine Loyalität infrage. Nach dem Weltmeistertitel von Rio wurde er wieder als «Vorzeigemigrant» überhöht. Wenn Özil ein deutsches Idol war, dann immer eines auf Probe.

Treffe er, sei er Franzose, hat der Stürmer Karim Benzema einmal gesagt, schiesse er daneben, Araber. Solche Erfahrungen hat auch Mesut Özil gemacht. Er teilt sie mit Hunderttausenden türkischstämmigen Menschen in Deutschland. Obwohl viele Familien seit Jahrzehnten hier leben, gehören sie immer noch nicht dazu. Was immer sie täten, nie sei es richtig oder genug. Schlimmer noch: Mit der Zeit sei es nicht besser geworden, sondern schlechter, zuletzt besonders. Viele türkischstämmige Deutsche reagieren mit Bitterkeit und Trotz. Warum also nicht Erdogan wählen, wenn es die Deutschen so zuverlässig aufregt?

Trotz oder Verrat?

Die Enttäuschung ist gegenseitig. Viele Deutsche erleben den Trotz vieler Deutschtürken nicht als Selbstbehauptung, sondern als Integrationsverrat: «Da haben wir die Türken jahrzehntelang Demokratie gelehrt, und nun hofieren sie in der Türkei trotzdem dem Despoten?» – «Wir bringen ihnen Gleichberechtigung bei, und dann ziehen junge Türkinnen doch wieder das Kopftuch an?»

Die Deutschtürken wiederum sind es leid, sich immer rechtfertigen zu müssen: für Erdogans Autoritarismus, für den Terror der Islamisten, für die Kriminalität von Ausländern, für ihre Religion. Özil sei dabei typisch für jene jüngere Generation, schrieb der «Spiegel», der die Deutschen ihr Deutschsein immer noch nicht abnehmen. Entziehen könne man es ihnen aber auch nicht mehr. Und sie liessen sich auch nicht mehr so leicht einsortieren wie noch ihre Eltern.

Das Wort des Trainers: Jogi Löw zeigt Verständnis für seine beiden türkischstämmigen Nationalspieler. (Video: Reuters)

Der Sportler selbst geht mit seiner bunt gescheckten Identität erheblich entspannter um als seine Verächter. In seiner Brust schlügen zwei Herzen, ein deutsches und ein türkisches, sagt er in seiner Autobiografie, das sei doch auch einfach zu verstehen. Ihn plage stets Heimweh nach Gelsenkirchen, er habe sich aber auch in Madrid zu Hause gefühlt, als er bei Real kickte, oder nun in London bei Arsenal. Özil mag leise und vorsichtig sprechen, aber er tut es in mehr Sprachen als die meisten Deutschen. Er engagiert sich gegen Rassismus und für gegenseitigen Respekt. Selbst er, der Star, weiss, wie es sich anfühlt, wenn dieser fehlt.

Warum er sich mit Erdogan getroffen hat? Aus Höflichkeit und aus Respekt vor dem Präsidenten, der die Heimat seiner Grosseltern regiert, sagt Özils Vater. Der Spieler müsse sich endlich erklären, fordert DFB-Chef Grindel, wolle er weiter der Nationalmannschaft angehören. Sein Vater rät Özil, aus der deutschen Elf zurückzutreten. Und Özil? Hat Ferienfotos mit seiner türkischen Freundin in der Ägäis gepostet mit den Worten: «Habt Vertrauen – und dankt Gott für all euer Glück.» Auf seinem Arm ein Tattoo: «Only God can judge me.» Nur Gott kann über mich urteilen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.07.2018, 21:49 Uhr

Artikel zum Thema

Özil gibt mit einem Paukenschlag den Rücktritt

Video Diese Botschaft hat es in sich: Mesut Özil rechnet mit seinen Kritikern ab – und verkündet den Rücktritt aus dem deutschen Nationalteam. Mehr...

Özil-Rücktritt beschäftigt ganz Deutschland

Es ist ein Paukenschlag, der das Land aufwühlt: Der Abgang von Nationalspieler Mesut Özil. Die Reaktionen. Mehr...

Jetzt schiesst Özil-Berater gegen Hoeness zurück

Video «Eine Schande für Bayern und Deutschland»: Erkut Sögüt liess die Tirade von Uli Hoeness in Richtung Mesut Özil nicht unkommentiert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Kommentare

Blogs

Mamablog Gewalt entsteht aus Überforderung

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Die Welt in Bildern

Ungewisse Zukunft: Ein Indischer Fischer wartet in einem Gefängnis in Karachi, Pakistan auf seine Bestrafung. Er wurde gemeinsam mit elf weiteren Männern von der Marine aufgegriffen, als sie versehentlich in pakistanischem Hoheitsgebiet unterwegs waren. Indien und Pakistan nehmen regelmässig Fischer des jeweils anderen Landes fest, da die Territorien im Meer nicht klar abgegrenzt sind. (18. November 2018)
(Bild: SHAHZAIB AKBER) Mehr...