Der Schiedsrichter im Brexit-Streit

Der Vorsitzende des britischen Unterhauses, John Bercow, hat das Zeug zum Alleinunterhalter und ein Verfahren am Hals.

Stellte sich der Empörung mit feiner Ironie: John Bercow. Bild: Getty Images

Stellte sich der Empörung mit feiner Ironie: John Bercow. Bild: Getty Images

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Es dürfte derzeit viele Tory-Politiker geben, die John Bercow mehr oder weniger die Pest an den Hals wünschen. Dabei ist der Sprecher des britischen Parlaments ein Tory, wenngleich es immer wieder Gerüchte gab, er würde zur Opposition überlaufen. Derzeit jedenfalls feiert ihn Labour, während die Konservativen ihn beschimpfen. Und Bercow scheint das ausnehmend zu geniessen.

Auch wenn es vor allem die Regierung ist, die in Grossbritannien der Legislative ihre Agenda vorgibt, so kann der mächtige Sprecher des Unterhauses doch darüber entscheiden, welche Änderungsanträge auf die Traktandenliste kommen. Und nicht nur das: Er kann auch, im Einklang mit den ungeschriebenen Gesetzen des Hauses, vorgeben, über welche Änderungsanträge die Parlamentarier abstimmen dürfen. Diese Woche hat sich Bercow darüber hinweggesetzt, dass die Regierung ein Gesetz für eindeutig festgeschrieben hielt, und hat Anträge von Parlamentariern zugelassen. Diese bescherten der Premierministerin prompt eine empfindliche Niederlage.

Denn eine Mehrheit des Hauses stimmte dafür, dass sie – wenn May am kommenden Dienstag die Abstimmung über den Austrittsvertrag mit der EU erwartungsgemäss verliert – innerhalb von drei Sitzungstagen mit einem neuen Vorschlag vor das Unterhaus treten muss. Weil May dafür ursprünglich 21 Tage Zeit gehabt hätte und weil sie, wie viele in Westminster vermuten, keinen Plan B hat, setzt das die Regierung massiv unter Druck. Und Bercow ist es, der nun all die Wut abbekommt. Verrat, Eigenmächtigkeit, Arroganz, mangelnde Neutralität wurden ihm vorgeworfen, und eine Verletzung der Spielregeln.

Wutausbrüche und Anzüglichkeiten

Der Parlamentarier, der kommende Woche 56 Jahre alt wird, stellte sich der Empörung mit feiner Ironie. Er hätte das Zeug zum Alleinunterhalter. Bercow zu beobachten, wenn er auf seinem Sprechersitz hockt und in aufgeheizten Debatten Ordnungsrufe erteilt, Gemeinheiten fallen lässt oder die Kollegen mit persönlichen Spitzen demütigt, ist höchst amüsant.

Seit Monaten wird gegen den Sprecher im Rahmen eines parlamentsinternen Verfahrens ermittelt, weil ihm Mitarbeiterinnen Wutausbrüche und Anzüglichkeiten vorwerfen. Mit der für Parlamentsangelegenheiten zuständigen Tory-Ministerin Andrea Leadsom, einer beinharten Brexit-Anhängerin, trägt er seine Händel gern öffentlich aus: Er nannte sie eine «dumme Frau».

Für den Sohn eines Taxifahrers dürfte die aktuelle die letzte Amtsperiode als Mr. Speaker sein. Die Tories würden den Politiker, der seit 1997 im Parlament sitzt und einst als Rechtsausleger galt, bevor er sich der liberalen Mitte zuwandte, wohl kaum erneut in seine Position wählen. Zudem hatte Bercow unlängst selbst verkündet, nicht mehr antreten zu wollen. Damit wollte er vermutlich den Ermittlungen wegen unangemessenen Verhaltens die Vehemenz nehmen.

Egal wer sein Nachfolger wird: Die «Order, Order»-Rufe von Bercow werden ebenso fehlen wie der Anblick, wie er sich, mit verwuscheltem Haar und ironischem Lächeln, auf seinem Sitz gemütlich für einen weiteren, langen Tag im Unterhaus einrichtet.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 11.01.2019, 22:06 Uhr

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