«Ordeeer!» – er ist das Highlight im Brexit-Chaos

Der Vorsitzende des britischen Unterhauses ist ein Alleinunterhalter. Seine Sprüche sind umstritten, seine Krawattenwahl ist schrill.

«Order!»: Unterhaus-Sprecher John Bercow fällt mit seinen Zwischenrufen und der Krawattenwahl auf. Video: Tamedia/Reuters/AFP/Parliamentlive.tv
Cathrin Kahlweit@CathrinKahlweit

Es dürfte derzeit viele Tory-Politiker geben, die John Bercow mehr oder weniger die Pest an den Hals wünschen. Dabei ist der Sprecher des britischen Parlaments ein Tory, wenngleich es immer wieder Gerüchte gab, er würde zur Opposition überlaufen. Derzeit jedenfalls feiert ihn Labour, während die Konservativen ihn beschimpfen. Und Bercow scheint das ausnehmend zu geniessen.

Der mächtige Sprecher des Unterhauses kann darüber entscheiden, welche Änderungsanträge auf die Traktandenliste kommen. Und nicht nur das: Er kann auch, im Einklang mit den ungeschriebenen Gesetzen des Hauses, vorgeben, über welche Änderungsanträge die Parlamentarier überhaupt abstimmen dürfen. Letzte Woche hat Bercow Anträge für ein Gesetz zugelassen, welches die Regierung eigentlich für unveränderbar hielt. Und die Parlamentarier bescherten der Premierministerin prompt eine empfindliche Niederlage.

Denn eine Mehrheit des Hauses stimmte dafür, dass May nach der verlorenen Brexit-Abstimmung innerhalb von drei Sitzungstagen einen neuen Vorschlag unterbreiten muss. Weil May dafür ursprünglich 21 Tage Zeit gehabt hätte, setzt das die Regierung massiv unter Druck – sie muss heute Freitag bereits liefern. Und Bercow ist es, der nun all die Wut abbekommt. Verrat, Eigenmächtigkeit, Arroganz, mangelnde Neutralität wurden ihm vorgeworfen, und eine Verletzung der Spielregeln.

«Verhalten Sie sich wie ein Erwachsener»

Der Parlamentarier, der diesen Samstag 56 Jahre alt wird, stellt sich der Empörung mit feiner Ironie. Er hätte das Zeug zum Alleinunterhalter. Bercow zu beobachten, wenn er auf seinem Sprechersitz hockt und in aufgeheizten Debatten mit seiner heiseren Stimme «Order, Order!» durch den Saal schreit, Gemeinheiten fallen lässt oder die Kollegen mit persönlichen Spitzen demütigt, ist höchst amüsant.

«Verhalten Sie sich wie ein Erwachsener und wenn Sie das nicht können, dann verlassen Sie die Kammer! Gehen Sie raus, wir kommen ohne Sie klar!», schrie er einen Parlamentarier beispielsweise an.

Bilder: Bercow und seine Krawatten

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Eine Anschuldigung, dass er parteiisch sei, weil er an seinem Auto einen Aufkleber gegen den Brexit habe, zerpflückte er vor kurzem genüsslich: Den Aufkleber gebe es tatsächlich, er befinde sich aber nicht an seinem Auto, sondern an jenem seiner Frau – und der ehrenwerte Gentleman, der die Anschuldigung aufwarf, wolle sicherlich nicht einen Moment lang andeuten, dass eine Frau das Eigentum ihres Ehemanns sei, verdrehte Bercow dem Parlamentarier die Worte im Mund. Sie dürfe ihre eigenen Ansichten zur Brexit-Frage haben und das sei das Ende der Geschichte, fertigte Bercow die Frage schliesslich mit einem süffisanten Lächeln ab.

Vielen kommt Bercow mit seinen Sprüchen wie ein Lehrer vor, der seine Schüler zu erziehen versucht. «Sie regen sich wirklich sehr schnell auf», blaffte er einen Parlamentarier an, nachdem er den Saal mit seinem typischen «Order!» beruhigt hatte. «Sie müssen den folgenden Satz 1000-mal aufschreiben: ‹Ich habe mich in der Fragerunde der Premierministerin zu benehmen.›»

Wutausbrüche und Anzüglichkeiten

Auch am letzten Dienstag nahm er sich inmitten der hitzigen Brexit-Debatte Zeit, um einem Parlamentarier Nachhilfe zu erteilen. Der ehrenwerte Gentleman sollte die Kunst der Geduld erlernen, riet er ihm mit einem breiten Grinsen, und wenn er dann geduldig sei und Zen einsetze, werde er feststellen, dass das für alle von Vorteil ist.

Seine Ausfälle sind für Zuschauer zwar eine überraschende und amüsante Auflockerung der Polit-Abläufe, haben Bercow aber auch Beschwerden eingebracht. Nicht nur im Internet, wo der grösste Teil der Nutzer die Videos mit seinen Zurechtweisungen feiert, andere ihm allerdings Mobbing vorwerfen. Seit Monaten wird gegen den Sprecher im Rahmen eines parlamentsinternen Verfahrens ermittelt, weil ihm Mitarbeiterinnen Wutausbrüche und Anzüglichkeiten vorwerfen. Mit der für Parlamentsangelegenheiten zuständigen Tory-Ministerin Andrea Leadsom, einer beinharten Brexit-Anhängerin, trägt er seine Händel gern öffentlich aus: Er nannte sie eine «dumme Frau».

Die wohl letzte Amtsperiode

Für den Sohn eines Taxifahrers dürfte die aktuelle die letzte Amtsperiode als Mr. Speaker sein. Die Tories würden den Politiker, der seit 1997 im Parlament sitzt und einst als Rechtsausleger galt, bevor er sich der liberalen Mitte zuwandte, wohl kaum erneut in seine Position wählen. Zudem hatte Bercow unlängst selbst verkündet, nicht mehr antreten zu wollen. Damit wollte er vermutlich den Ermittlungen wegen unangemessenen Verhaltens die Vehemenz nehmen.

Egal wer sein Nachfolger wird: Die «Order, Order»-Rufe von Bercow werden ebenso fehlen wie der Anblick, wie er sich, mit verwuscheltem Haar und ironischem Lächeln, auf seinem Sitz gemütlich für einen weiteren, langen Tag im Unterhaus einrichtet. (anf)

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