Der Provokateur aus Tirana

Albaniens Premierminister schlägt einen gemeinsamen Präsidenten mit Kosovo vor. Damit spaltet er die kosovarische Gesellschaft und fordert die EU heraus.

Der albanische Premierminister Edi Rama. Bild: Getty Images

Der albanische Premierminister Edi Rama. Bild: Getty Images

Enver Robelli@enver_robelli

Es war ein rauschendes Fest. Die Kosovaren haben am Wochenende zehn Jahre Unabhängigkeit gefeiert: Im Zentrum der Hauptstadt Pristina jubelten Tausende der kosovarisch-britischen Popsängerin Rita Ora zu, und aus den USA wünschten Bill Clinton, Madeleine Albright und Wesley Clark dem jungen Staat viel Glück. Unter Federführung der Clinton-Administration hatte die Nato 1999 Serbien bombardiert, um den Massenmord an den Kosovo-Albanern zu stoppen. Die Provinz kam unter die Verwaltung der UNO. Am 17. Februar 2008 erklärte Kosovo mit dem Segen der westlichen Mächte die Unabhängigkeit. Serbien sträubt sich bis heute dagegen.

Es gibt kosovo-albanische Nationalisten, die ihren Staat als Provisorium betrachten und von einer Vereinigung mit Albanien träumen. Nun hat auch Albaniens Ministerpräsident Edi Rama die grossalbanischen Grossmachtpläne beflügelt. In einer Rede vor dem kosovarischen Parlament am Sonntag schlug er unter anderem einen gemeinsamen Präsidenten für die beiden Staaten vor. Albanien und Kosovo teilten bereits diplomatische Vertretungen – «warum dann nicht auch einen gemeinsamen Präsidenten?», fragte Rama. Bisher wurden lediglich drei Konsulate zusammengeführt, die Botschaften arbeiten getrennt. Doch mit solchen Details beschäftigt sich Rama nicht. In Zukunft müssten Kosovo und Albanien eine Zollunion bilden und einen einheitlichen Wirtschaftsraum, mit einem einheitlichem Bildungssystem, so der Premier. Der «gemeinsame Staatspräsident» soll ein «Symbol der nationalen Einheit» sein. Er wisse, sagte Rama, dass diese Idee derzeit nicht umsetzbar sei: «Aber das, wovon man träumen kann, lässt sich auch verwirklichen.»

Krawallnationalisten jubeln

Ramas Provokation spaltet die kosovo-albanische Gesellschaft. In den sozialen Medien lehnten mehrere Publizisten die Einmischung des exzentrischen Malers ab, der zunehmend Gefallen an gross­albanischen Parolen findet. Applaus erhielt Rama von Krawallnationalisten, die selbst die kosovarischen Staatssymbole ablehnen und nur den albanischen Doppeladler als Nationalflagge akzeptieren.

Paradoxerweise werden neue Grenzziehungen auf dem Balkan auch von führenden serbischen Politikern unterstützt. Serbiens Aussenminister Ivica Dacic befürwortet seit Jahren Gespräche mit Tirana über eine «Abgrenzung» zwischen Serben und Albanern auf dem Balkan. Damit ist die territoriale Teilung Kosovos gemeint. Sie wäre nur der Startschuss für andere Abspaltungen in der Region. Die bosnischen Serben wollen seit Jahren Bosnien-Herzegowina zerstückeln und sich mit Serbien vereinigen. Die bosnischen Kroaten könnten einen Anschluss an Kroatien fordern, aber auch die Albaner in Mazedonien oder die Muslime in Sandzak, einer Region im serbisch-montenegrinischen Grenz­gebiet, würden auf eine Abspaltung hinarbeiten.

Eine EU-Sprecherin bezeichnete Ramas Vorschlag für eine politische Union zwischen Albanien und Kosovo als unpassend und nicht hilfreich für gutnachbarschaftliche Beziehungen. Wie andere Populisten auf dem Balkan versucht auch Rama, die EU zu erpressen. Die Botschaft lautet: Wenn Brüssel die Region nicht schnell aufnimmt, dann ist die Friedensordnung in Gefahr. Man will sich in die EU reinschmuggeln, ohne die Bedingungen zu erfüllen.

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