Der neue Sultan kommt nach Sarajevo

Recep Tayyip Erdogan betreibt Wahlkampf vor Auslandtürken in Bosniens Hauptstadt. Der Besuch zeigt Ankaras steigenden Einfluss auf dem Balkan.

Auf Stimmenfang: Anhänger des türkischen Präsidenten freuen sich über Recep Tayyip Erdogans Besuch in London.

Auf Stimmenfang: Anhänger des türkischen Präsidenten freuen sich über Recep Tayyip Erdogans Besuch in London. Bild: Phil Noble/Reuters

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Er kommt. Er darf kommen. Und er wird nicht nur eine Rede halten. Der türkische Staatschef plant am Sonntag einen grossen Auftritt in Sarajevo. Recep Tayyip Erdogan befindet sich gerade im Wahlkampfmodus, er kämpft um jede Stimme, damit er bei der Präsidenten- und Parlamentswahl Ende Juni seine absolute Macht sichern kann. EU-Staaten wie Deutschland, Österreich und die Niederlande haben dem türkischen Autokraten klargemacht, dass er seine Kampagne lieber in seinem Land führen soll. Erdogan war auch vor einem Jahr nicht willkommen, als er für sein umstrittenes Verfassungsreferendum bei der türkischen Diaspora werben wollte. Damals fühlte er sich in seiner Ehre verletzt und rückte wutentbrannt deutsche Politiker in die Nähe von Nazis.

Kürzlich liess Erdogan stolz verlauten, er werde bald in einem europäischen Staat auftreten. Nun spricht er also in der Olympiahalle der bosnischen Hauptstadt, es ist eine öffentliche Botschaft des Trotzes in Richtung Westeuropa. Erwartet werden Tausende Auslandtürken, allesamt glühende Anhänger Erdogans. Die meisten Hotels in Sarajevo sind laut lokalen Medien ausgebucht, aus mehreren deutschen, holländischen und österreichischen Städten setzt sich am Wochenende eine Buskarawane in Bewegung. Die Grosskundgebung wird von der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) organisiert, sie gilt als verlängerter Arm von Erdogans Partei AKP.

Die Öffentlichkeit in Bosnien ist vor dem Besuch des türkischen Staatschefs gespalten. Liberale Bosniaken, wie sich die dortigen Muslime selbst nennen, aber auch Vertreter der Serben und Kroaten beklagen sich, Ankara behandle Bosnien wie einen Satellitenstaat. Die grösste Bosniaken-Partei SDA pflegt dagegen enge Beziehungen zum Regime in Ankara. Bakir Izetbegovic, Sohn des langjährigen bosnischen Staatschefs Alija Izetbegovic und Mitglied des Staatspräsidiums, bezeichnet Erdogan als langersehnten Mentor der Muslime. Auf Facebook tobt eine Wortschlacht zwischen Anhängern und Gegnern des Besuchers vom Bosporus. «Willkommen, unser Sultan» jubeln die einen, «Diktator» brüllen die anderen.

Schwitzbäder und Flugplätze

Während die EU seit Jahren mit ihren internen Krisen beschäftigt ist und trotz wohlwollender Versprechen mittelfristig die Balkanstaaten kaum aufnehmen kann, markiert die Türkei immer mehr Präsenz in Europas Hinterhof – wirtschaftlich, politisch, religiös und kulturell. Die Osmanen haben die Region etwa fünf Jahrhunderte lang beherrscht und geprägt. Erdogan idealisiert diese Vergangenheit und bezieht sich gerne auf Sultane. Bosnien hat er als 81. osmanische Provinz bezeichnet, bei einem Besuch in Prizren 2013 erklärte Erdogan, Kosovo sei die Türkei und die Türkei sei Kosovo. Die staatliche türkische Hilfsorganisation Tika saniert auf dem Balkan alte Moscheen und Schwitzbäder, sie errichtet Schulen und organisiert Sprachkurse. Türkische Firmen werden laut Erdogan bald auch mit dem Bau der Autobahn beginnen, die Belgrad und Sarajevo verbinden soll. Mithilfe von Turkish Airlines wird noch in diesem Jahr Air Albania abheben, eine nationale albanische Fluglinie. Ein türkisches Konsortium plant einen neuen Flughafen in der Hafenstadt Vlora im Süden des Landes. Mehrere Flugplätze in der Region werden von türkischen Firmen betrieben.

In Albaniens Hauptstadt Tirana wird derzeit die grösste Moschee auf dem Balkan gebaut – auch das ein Geschenk Erdogans. In Serbien haben etwa 70 türkische Unternehmen investiert, vorrangig in der Textilindustrie. Belgrader Propagandamedien sticheln, die Türkei erobere erneut Serbien – diesmal ohne Jatagan, so heisst ein bäuerlicher türkischer Säbel. Das ist natürlich übertrieben: Die meisten Investitionen kommen aus der EU, die mit Abstand auch der grösste Handelspartner der Balkanländer ist.

Unbestritten ist der zunehmende politische Einfluss der Türkei in der Region.

Unbestritten ist der zunehmende politische Einfluss der Türkei in der Region. Im März wurden in Kosovo unter dem Druck des türkischen Geheimdienstes sechs angebliche Anhänger der Gülen-Bewegung festgenommen und illegal an Ankara ausgeliefert. Zuvor hatten die Behörden in Sarajevo ihre Pläne aufgegeben, dem türkischen Autor Orhan Pamuk das Ehrenbürgerrecht zu verleihen – aus Angst vor Erdogans Wut.

Türkische Diplomaten betonen im Gespräch, Ankara unterstütze die EU-Integration der Balkanländer. Gleichzeitig verweisen sie auf die historischen, familiären und kulturellen Beziehungen zwischen den ehemaligen osmanischen Provinzen auf dem Balkan und der heutigen Türkei. «Niemand kann das negieren», sagt Erdogan. Einer der grössten Bauunternehmer der Türkei, Sarik Tara, stammt aus dem Balkan, die türkische Nationalhymne hat ein albanischstämmiger Dichter geschrieben, Azra Akin, die einzige Türkin, die bisher zur Miss World gekürt wurde, hat ihre Wurzeln in Bosnien. Das wichtigste Naherholungsgebiet Istanbuls ist der Belgrader Wald, und ein Viertel im Zentrum vom europäischen Teil der Stadt heisst Arnavutköy. Das bedeutet: «Dorf der Albaner».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2018, 21:54 Uhr

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