Der Oligarch hinter dem Komiker versteht keinen Spass

Wolodimir Selenski dürfte neuer ukrainischer Präsident werden und den mächtigen Igor Kolomojski mit an die Macht bringen.

«Diener des Oligarchen – Puppe des Oligarchen», steht auf diesem Wahlplakat geschrieben, das Präsidentschaftskandidat Selenski (r.) mit Igor Kolomojski zeigt. Foto: Yuri Dyachyshyn (AFP)

«Diener des Oligarchen – Puppe des Oligarchen», steht auf diesem Wahlplakat geschrieben, das Präsidentschaftskandidat Selenski (r.) mit Igor Kolomojski zeigt. Foto: Yuri Dyachyshyn (AFP)

Zita Affentranger@tagesanzeiger

Unverbraucht, jung, ehrlich und vielleicht etwas naiv kommt Wolodimir Selenski rüber, der Komiker, der gemäss den Umfragen am 21. April die Präsidentenwahl in der Ukraine gewinnen wird. Doch hinter dem politisch unbedarften Mann, der sein künftiges Amt derzeit in einer beliebten Fernsehshow spielt, steht ein Mann, der das genaue Gegenteil des smarten Komikers verkörpert: Igor Kolomojski, einer der drei reichsten Männer der Ukraine.

Bergbau, Stahl, Energie, Medienbusiness, Politik – überall mischt er mit. Er sei ein Patriot, sagt Kolomojski von sich. Doch in die Ukraine will er nicht zurückkehren, solange Präsident Petro Poroschenko im Amt ist. Dort laufen mehrere Verfahren gegen ihn, ebenso wie in den USA und in der Schweiz, denn Kolomojski ist berüchtigt für seine rüden Geschäftsmethoden. Vor seinem Umzug nach Israel, wo er seit 2018 lebt, hat er mehrere Jahre in der Nähe von Genf verbracht und auch in der Schweiz Spuren hinterlassen. 2011 übernahm er das ukrainische Partnerunternehmen des Schweizer Flughafen-Dienstleisters Swissport. Swissport hielt 70 Prozent an dem Joint Venture. Nach der Übernahme Kolomojskis war das Schweizer Unternehmen innert kürzester Zeit raus aus dem Geschäft und musste seinen Anteil an die ukrainische Seite abtreten.

Poroschenko bezeichnet seinen Herausforderer Selenski unumwunden als «Puppe Kolomojskis», weil dessen Fernsehshow – und nun auch der Wahlkampf – auf dem Haus-TV des Oligarchen läuft. Selenski und Kolomojski bestreiten vehement, einen Pakt geschlossen zu haben. Er könne ja auch nichts dafür, wenn das Volk Selenksi wählen wolle, beteuert der Oligarch. Doch gut findet er den Komiker auf jeden Fall: «Die Ukraine braucht nicht einen Selenski, sondern Millionen», sagt er. «Er ist das Symbol für den Generationenwechsel.»

Finanzielle Hilfe für Freiwilligenbataillone

Kolomojski dagegen ist ein typischer Vertreter der alten Oligarchengarde, die sich die Wirtschaft der einstigen Sowjetrepublik unter den Nagel gerissen und die Ukraine über Jahre ausgeblutet hat. Wie die anderen Magnaten ist er deshalb im Volk denkbar unbeliebt. Nach der Maidan-Revolution 2014 und der Annexion der Krim durch Russland hat er sich jedoch vorübergehend einigen Respekt verdient unter seinen Landsleuten. Die ukrainische Armee war wegen Korruption und Vernachlässigung praktisch nicht einsatzbereit gegen den russischen Vorstoss in der Ostukraine. Kolomojski steckte deshalb viel Geld in die Gründung und Ausrüstung von mehreren Freiwilligenbataillonen, die ein weiteres Vorrücken der prorussischen Aufständischen verhindern halfen.

2015 machte ihn die Übergangsregierung in Kiew dann zum Gouverneur seiner Heimatregion Dnipropetrowsk, heute Dnipro. Mit seinem grossen Einfluss, aber auch dank seiner rabiaten Mittel gelang es ihm, den Aufstand im Keim zu ersticken. So hat er mehrere Tausend Franken Kopfgeld bezahlt für die Verhaftung prorussischer Aufwiegler und jenen Geschenke verteilt, die Waffen an die Behörden ablieferten. Und Kolomojski kam ans Ziel: Anders als die Nachbarregionen Luhansk und Donezk blieb Dnipro vom Krieg verschont. Und ganz nebenbei hat der Oligarch auch sein eigenes Business in der Region vor dem russischen Zugriff gerettet.

Das hat seine Macht und auch sein Selbstbewusstsein massiv gestärkt. Bei Streitigkeiten im Energiebusiness liess er bewaffnete Kämpfer aus seinen Freiwilligenbataillonen in Kiew aufmarschieren, um seinen Besitzstand zu verteidigen. Die Einheiten sind heute zwar dem Innenministerium unterstellt, verfügen jedoch noch immer über eine enorme Macht. Berüchtigt ist vor allem das Bataillon Asow, das zu einem Sammelbecken rassistischer und rechtsextremer Kämpfer geworden ist, obwohl Geldgeber Kolomojski selber Jude ist. Die USA haben Asow inzwischen als «nationalistische Hassgruppe» auf die schwarze Liste gesetzt.

Selenski ist auf Rückendeckung angewiesen

Der eigenwillige Kolomojski geriet schnell auf Konfrontationskurs mit Poroschenko, der ihn schliesslich 2015 als Gouverneur von Dnipro entliess. Der Oligarch kritisierte den Präsidenten scharf: Poroschenko unterscheide sich vom aus dem Amt gefegten Janukowitsch nur dadurch, dass er gebildeter sei, besser Englisch spreche und keine Vorstrafen habe, wetterte Kolomojski. 2016 erreichte der Streit einen Höhepunkt. Damals wurde die grösste Bank der Ukraine, Kolomojskis Privatbank, verstaatlicht, weil in den Kassen laut Angaben der Behörden 5,5 Milliarden Franken fehlten. Das Institut sei für Geldwäscherei missbraucht worden. Die Verstaatlichung sei nichts anderes als ein dreister Diebstahl, konterte Kolomojski. Die Bank will er heute nicht mehr zurück. Doch er verlangt von Kiew Kompensationszahlungen in der Höhe von zwei Milliarden Franken.

Es gehe ihm nicht um Revanche, beteuert Kolomojski, er sei ein «ewiger Oppositioneller». Doch ohne Zweifel wäre ein Präsident Selenski ihm sehr nützlich. Und umgekehrt würde auch der Komiker vom Oligarchen nur profitieren: Schliesslich verfügt Wolodimir Selenski in der ukrainischen Politik über keinerlei eigene Machtbasis und ist auf einen starken Mann im Hintergrund angewiesen, der das politische Ränkespiel perfekt beherrscht.

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