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Der letzte Mann hinter der Front

Wie ist das Leben im Kriegsgebiet in der Ostukraine wirklich? Einer der wenigen, die Bescheid wissen, ist Jewgeni Schibalow.

Zivilisten zwischen den Fronten: Eine alte Frau, die beim Beschuss der Stadt Donezk verletzt wurde, in einem Spital. (26. Januar 2015)
Zivilisten zwischen den Fronten: Eine alte Frau, die beim Beschuss der Stadt Donezk verletzt wurde, in einem Spital. (26. Januar 2015)
Keystone
Die Zerstörung geht weiter: Ein Wohngebäude in Donezk wird von Geschossen der ukrainischen Artillerie getroffen. (18. Januar 2015)
Die Zerstörung geht weiter: Ein Wohngebäude in Donezk wird von Geschossen der ukrainischen Artillerie getroffen. (18. Januar 2015)
Keystone
Der lokale Oligarch hilft: Bewohner von Donezk stehen Schlange für Hilfspakete. Gespendet wurden sie von Rinat Achmetow. (29. Januar 2015)
Der lokale Oligarch hilft: Bewohner von Donezk stehen Schlange für Hilfspakete. Gespendet wurden sie von Rinat Achmetow. (29. Januar 2015)
Keystone
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Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst. Dieser Satz mag abgedroschen klingen. Für die Berichterstattung über den Konflikt in der Ostukraine trifft er trotzdem zu. Sowohl auf ukrainischer wie russisch-separatistischer Seite ist die Hysterie gross, finden sich kaum noch neutrale Berichterstatter. Einheimische Journalisten wie Jewgeni Schibalow sind damit zu einer absoluten Ausnahmeerscheinung geworden. Der Mittdreissiger berichtet für die angesehene ukrainische Wochenzeitung «Serkalo Nedeli» (Wochenspiegel) aus Donezk.

Er ist einer der Letzten vor Ort, die die Restukraine über die Verhältnisse in der grössten Stadt des Separatistengebietes informieren. Andere ukrainische Journalisten gelangen kaum noch hinter die Front und wenn, dann höchstens für kurze Besuche. Redaktionen lokaler Medien sind oder «wurden» gegangen. Die Separatisten betreiben inzwischen eigene TV-Sender, Nachrichtenagenturen und Zeitungen.

Schibalow stammt aus der Region, wohnt seit Jahren in der Stadt, ist hier verwurzelt. Nur deshalb konnte er bleiben, erzählt er am Telefon. In den Reihen der Separatisten seien viele seiner Bekannten. Seine Anwesenheit werde geduldet.

Das Wort «Terrorist» ist tabu

Auflagen werden Schibalow von der Verwaltung der Volksrepublik Donezk, wie die neuen Machthaber ihr Gebiet nennen, dennoch gemacht. «Terroristen» werden ihre Kämpfer in den ukrainischen Medien in der Regel genannt. Schibalow darf dieses Wort nicht brauchen. Der Ausdruck Separatisten wird toleriert. Auch militärischen Einrichtungen sowie Kampfhandlungen an der Front darf er sich nicht nähern.

Vor dem Balkon tobt der Krieg: Reporter Jewgeni Schibalow. (Bild: Jewgeni Schibalow/Facebook)
Vor dem Balkon tobt der Krieg: Reporter Jewgeni Schibalow. (Bild: Jewgeni Schibalow/Facebook)

Vielfach hatte er das in den letzten Monaten jedoch gar nicht nötig. Seine Wohnung, die er auch als Büro nutzt, liegt am Stadtrand. «Schaue ich vom Balkon nach rechts, sehe ich ukrainische Stellungen, schaue ich nach links, jene der Separatisten», sagt der Familienvater. Seine Frau und die zwei Kinder wohnen seit dem Sommer nicht mehr hier. Sie sind zu Verwandten im Donezker Umland gezogen. Das Gebiet wird von der ukrainischen Armee kontrolliert. Fünfmal habe er sie seither gesehen, so Schibalow.

Kritik an beiden Seiten

Die Zivilisten in den Separatistengebieten, rund drei Millionen Menschen, werden mehr und mehr eingeschlossen. Sozialleistungen werden nicht mehr ausbezahlt, Banken sind verschwunden, medizinisches Personal wurde abgezogen. Inzwischen ist auch das Passieren der Front nur noch schwer möglich. Die ukrainischen Truppen lassen kaum jemanden durch. Gemäss Schibalow haben sie zudem angefangen, Bestechungsgelder zu verlangen. Selber sitzt er seit mehreren Tagen in Kiew fest. Nach einem Besuch bei seiner Redaktion wartet er auf einen Passierschein des Innenministeriums. Noch hat er ihn nicht erhalten.

«Dieser Bankomat ist seit Mai leer. Geld gibt es schon lange nicht mehr.»: Der fehlende Zugang zu Bargeld ist eines der grössten Probleme der Bevölkerung in den Separatistengebieten. (Bild: Jewgeni Schibalow/Facebook)
«Dieser Bankomat ist seit Mai leer. Geld gibt es schon lange nicht mehr.»: Der fehlende Zugang zu Bargeld ist eines der grössten Probleme der Bevölkerung in den Separatistengebieten. (Bild: Jewgeni Schibalow/Facebook)

Die ökonomische Kriegsführung der Ukraine gegen die eigene Bevölkerung kritisiert Schibalow in seinen Artikeln heftig. Genauso wie er die Machenschaften der Separatisten anprangert. In seiner Reportage zu den Wahlen in der Volksrepublik Donezk wird deutlich, dass viele nur wegen des angebotenen «phänomenal günstigen Gemüses» in die Abstimmungslokale strömten.

Seine Berichte würden auf der anderen Seite der Front oftmals nicht verstanden. Die Situation sei nicht schwarz-weiss, wie sie in den meisten Medien dargestellt werde. Viele wollten nicht wahrhaben oder verdrängten, dass in den Separatistengebieten neben Terroristen vor allem friedliche Zivilisten lebten. Und dass diese wegen des Kriegs extrem stark litten.

Solidarität in der Krise

Um diesen Menschen eine Stimme zu geben, sei er geblieben, sagt Schibalow, der sich auch in einem humanitären Projekt engagiert. Die Versorgungslage sei sehr schlecht. Inzwischen seien zwar einzelne Hilfsorganisationen präsent, hin und wieder gelangten russische Hilfskonvois in die Stadt. Das reiche aber nicht aus. Güter würden zudem nur im Zentrum von Donezk verteilt und gelangten nicht an die Peripherie.

Wegen der Kampfhandlungen oder auch weil der öffentliche Verkehr praktisch vollständig zusammengebrochen sei, hätten viele nicht die Möglichkeit, ihre Wohngebiete zu verlassen. Ausserhalb des Stadtzentrums käme es inzwischen zu Hungertoten, bestätigt Schibalow Berichte von Hilfsorganisationen. Auch die fehlende medizinische Versorgung führe zu Todesfällen, so Schibalow. Er erzählt von einem Fall: Ein Mann sei gestorben, weil er keinen Zugang zu Medikamenten mehr hatte, nachdem die Apotheke in seinem Viertel geschlossen worden war.

Hoffnung macht Schibalow das Verhalten der Bewohner von Donezk. Die Solidarität sei heute sehr gross. Man helfe sich gegenseitig. Das sei in der Millionenstadt vor dem Krieg ganz anders gewesen. «Damals kannten sich doch nicht einmal Nachbarn.»

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