Der Kampf um die Nachfolge in 10 Downing Street ist eröffnet

Zwei Dutzend Kandidaten machen sich Hoffnungen auf den Job der britischen Premierministerin Theresa May. Nicht alle wollen einen harten Brexit.

Der Favorit im Rennen: Boris Johnson baut auf seine Beliebtheit bei der Parteibasis.

Der Favorit im Rennen: Boris Johnson baut auf seine Beliebtheit bei der Parteibasis.

(Bild: Reuters Henry Nicholls)

Peter Nonnenmacher@tagesanzeiger

Nun, da Premierministerin Theresa May ihren Rücktritt in Aussicht gestellt hat, beginnt das harte Ringen um ihre Nachfolge. Offenbar machen sich rund zwei Dutzend Kandidaten Hoffnungen auf den Job. Aber die besten Aussichten werden einem kleinen Kreis prominenter Minister und Ex-Minister eingeräumt.

Boris Johnson (54) gilt den meisten noch immer als Favorit in diesem Rennen. Der Ex-Aussenminister und frühere Londoner Bürgermeister hat sich zwar in beiden grossen Ämtern wenig Verdienste erworben und sich immer wieder gehörig blamiert. Aber er ist noch immer beliebt bei der Parteibasis. «Boris» baut auf persönliche Popularität. Und auf populistische Zeitungsbeiträge. Im rechtskonservativen «Daily Telegraph» hat er mit seinen Kolumnen beharrlich Stimmung gegen May gemacht.

Weniger beliebt ist er in der Fraktion, die darüber zu entscheiden hat, welche beiden Namen zur Endauswahl ans Parteivolk gehen. Manche seiner Kollegen halten ihn für einen üblen Opportunisten. Staatsmännische Qualitäten sprechen ihm die wenigsten zu. Eine Reihe von Abgeordneten hat erklärt, wenn Johnson Parteichef werde, könnten sie nicht in der Partei bleiben. Dass er jüngst seine berühmte blonde Mähne für einen «seriösen» Haarschnitt eintauschte, deutet jedenfalls auf seine Entschlossenheit hin.

Der flexible Michael Gove

Michael Gove (51) war schon 2016 ein ernster Kontrahent Johnsons bei der Wahl des Parteichefs der Konservativen, die damals Theresa May gewann. Vorher hatte er mit Johnson einträchtig die ­offizielle Brexit-Kampagne geleitet. Die Art und Weise, wie er diesen anschliessend ausmanövrierte, hat ihm allerdings schwer geschadet. Niemand könne ihm trauen, hiess es damals.

Gove hat es sich mit keiner Seite verdorben.

Seither hat sich Gove, anders als Johnson, bemüht, Loyalität zu May und zum ganzen Regierungsteam zu demonstrieren. Er ist trotz aller Krisen im Kabinett verblieben, hat niemanden kritisiert und zu keinem Zeitpunkt mit Rücktritt gedroht. Ob ihm dies letztlich positiv angerechnet oder von unzufriedenen Parteimitgliedern angekreidet wird, bleibt abzuwarten.

Immerhin hat Gove es sich mit keiner Seite verdorben. Als clever und flexibel, aber auch als verschlagen wird er betrachtet. Er selbst sieht sich als radikalen Reformer, egal in welchem Ressort. Mit seinen letzten Unterhaus-Auftritten hat er sich als Redner neuen Respekt verschafft.

Der Brexit-Chef Dominic Raab

Dominic Raab (45), der voriges Jahr genau 138 Tage lang Brexit-Minister war, hat weniger öffentliches Profil als Gove oder Johnson. Von seinen Rivalen wird er aber ernst genommen. Raab gilt als harter Brexiteer, der seine festen Prinzipien hat. Anders als sein Vorgänger David Davis oder als Boris Johnson ändert er nicht leicht seinen Kurs. Bekannt ist, dass er sich zurückzuhalten weiss und dass er zuhören kann – wie jüngst wieder, als ihn May zusammen mit Davis, Johnson und Gove zu einer Inforunde auf den Landsitz der britischen Regierung in Chequers einlud.

Seine Parole lautet «Ready for Raab».

Raab war stets vorsichtig genug, May nicht direkt herauszufordern. Seine Anhänger halten ihn für einen Brexiteer, dem sie vertrauen können und welcher der «jüngeren Garde» von Tory-Politikern angehört. Er schleppt nicht so viel Gepäck mit sich herum wie die Brexit-Veteranen. Dafür hat er nützliche Erfahrungen gemacht mit seinen Verhandlungen als Brexit-Minister in Brüssel. «Ready for Raab» lautet, sehr amerikanisch, seine Parole. Ist die Nation bereit für ihn? Die meisten Landsleute verbinden mit seinem Namen nicht viel.

Der ehrgeizige Jeremy Hunt

Jeremy Hunt (52) hat den erstaunlichsten Weg zurückgelegt. Der Sohn eines Admirals und Johnson-Nachfolger an der Spitze des Foreign Office trat 2016 noch als enthusiastischer Europäer auf. Mittlerweile hat er sich zum ebenso begeisterten Brexiteer gewandelt, der sich nicht zu schade ist, die EU mit einem sowjetischen Straflager zu vergleichen. Offensichtlich liegt Hunt daran, die eigene Vergangenheit vergessen zu machen.

Hunt ist der wohlhabendste aller Minister.

Wie ehrgeizig Hunt ist, weiss in Westminster jeder. Auch dass der Ex-Unternehmer der wohlhabendste aller Minister ist. ­Erstaunlich ist, dass er seine ­langen Jahre als Gesundheits­minister unbeschadet überstand – trotz Ärztestreiks und der schweren Krise im Gesundheitswesen. Hunt selbst glaubt offenbar, dass er die Kluft zwischen Pro- und Anti-Europäern problemlos überbrücken kann. Wieweit ihm die Partei traut, ist eine andere Frage.

Die moderate Amber Rudd

Amber Rudd (55) wäre die Wahl der Pro-Europäer bei den Tories. Die frühere Innen- und jetzige Arbeitsministerin wird dem politischen Mittelfeld der Konservativen Partei zugerechnet. Das ist freilich, bei einer weit rechts stehenden Parteibasis, auch ihr Problem. Mit Stimmen entschiedener Brexiteers kann sie nicht rechnen. Sie selbst hat kein Geheimnis daraus gemacht, dass sie einem «weichen» Brexit den Vorzug gäbe.

Rudd wollte karibische Mitbürger abschieben.

Auch dass sie jüngst öffentlich einen «No Deal»-Brexit ­ablehnte, in direktem Gegensatz zu Theresa May, hat ihr Ärger eingetragen. Ein anderes Problem ist, dass sie letztes Jahr ihren Job als Innenministerin verloren hat, weil sie karibische Mitbürger, die seit Jahrzehnten in Grossbritannien leben, abschieben wollte. Die viel kritisierte «feindselige Atmosphäre» gegen Immigranten hatte ihr allerdings die langjährige Innenministerin Theresa May hinterlassen.

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