Der Graf, der einst Häuser besetzte

Paolo Gentiloni, der designierte neue Premier Italiens, wird von der Opposition als blasse Person bezeichnet – dabei ist seine Biografie alles andere als langweilig.

Nie aufbrausend: Paolo Gentiloni soll neuer Premier in Rom werden. Foto: Bloomberg

Nie aufbrausend: Paolo Gentiloni soll neuer Premier in Rom werden. Foto: Bloomberg

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Niemand wirkt gerne wie ein Avatar, wie eine Kopie. Gerade in der Politik will ja jeder ein eigenes, möglichst profiliertes Original sein. Wenn nun die italienische Opposition von Paolo Gentiloni sagt, er sei ein Avatar von Matteo Renzi, ist das natürlich boshaft gemeint – und ein erster Vorgeschmack darauf, was Italiens designierten neuen Premierminister in den kommenden Monaten erwartet. Aus seiner Entourage heisst es, der 62-jährige Römer habe seine Berufung sehr gefasst aufgenommen. Überhaupt macht Gentiloni immer einen gefassten, gar etwas lässig ruhigen Eindruck. Man hört ihn selten laut, nie aufbrausend. Und so kann man nun auch lesen, dass der bisherige Aussenminister zwar tatsächlich eine politische Fotokopie Renzis sei, jedoch eine ohne Toner. Ein bisschen blass und grau, zumindest im öffentlichen Auftritt.

Paolo Gentiloni Silveri, wie er mit ganzem Namen heisst, ist ein Graf und Nachfahre jenes Conte di Filottrano in den mittelitalienischen Marken, der einst grosse Geschichte schrieb. Der katholische Politiker Vincenzo Ottorino Gentiloni (1865 bis 1916), ein Vertrauter von Papst Pius X., sorgte 1913 mit der Vermittlung eines Pakts dafür, dass die Katholiken sich am politischen Leben im damaligen Königreich beteiligten. Der «Patto Gentiloni» gehört zu den Schlüsselmomenten jener Zeit. Bis heute lebt die ganze Familie in einem römischen Palazzo, den der berühmte Vorfahre hinterlassen hatte – mehrere Generationen und Verzweigungen des Stammbaums unter einem Dach. Doch wie ein Aristokrat führt sich Gentiloni nicht auf. Die mondänen Salons der «Nobiltà», die sich in Rom in geschlossenen Zirkeln trifft, mied er immer.

Verwurzelt in Rom

In jungen Jahren hing Gentiloni der extremen, ausserparlamentarischen Linken an. Sein erster politischer Akt, an den jetzt alle erinnern, war die Besetzung seines Gymnasiums, des berühmten und elitären Liceo Tasso in Rom. Später entdeckte der Politikwissenschaftler sein Interesse für grüne Themen. Ökologie, Linke, Katholizismus – da fügten sich viele Seelen in eine. Er wurde Journalist und leitete eine Weile lang die Zeitschrift des Umweltschutzverbands Legambiente. So gelang ihm auch der Sprung in die Politik, in die römische Lokalpolitik. 1993, als Francesco Rutelli für die Linke das Stadtpräsidium Roms zurückeroberte, wurde Gentiloni dessen Sprecher. Es waren gute Zeiten. Die Stadt erlebte einen Aufschwung, verschönerte sich, lancierte viele kulturelle Initiativen, gab dafür aber auch viel zu viel Geld aus.

2013 wäre Gentiloni, der in der Zwischenzeit auch mal italienischer Kommunikationsminister war, gerne selber Bürgermeister von Rom geworden. Er kandidierte dafür bei den Urwahlen des sozialdemokratischen Partito Democratico, wurde aber nur Dritter – von drei Bewerbern. Gentiloni soll die Niederlage wie eine Schmach erlebt haben und dachte über einen Rückzug aus der Politik nach. Als Renzi dann zum Aufstieg ansetzte, der ihn aus dem Amt des Bürgermeisters von Florenz nach Rom in den Palazzo Chigi führen sollte, war Gentiloni einer der ersten Granden der Partei, der das Potenzial des jungen und forschen Mannes erkannte.

Man sagt, Gentiloni sei schon «Renzianer» gewesen, bevor es Renzi gab. Auch er fand, dass es endlich Zeit sei, das postkommunistische Erbe ganz abzulegen, es zu überwinden. Mit dem Unterschied, dass er nie gesagt hätte, man müsse es «verschrotten», wie das Renzi tat. Gentiloni ist ein Theoretiker des Dritten Wegs, wie ihn Tony Blair skizziert hatte, der neuen Mitte also, die in jüngerer Vergangenheit eher nicht so viel Erfolg hatte.

Als Renzi nach der Beförderung von Federica Mogherini nach Brüssel einen neuen Aussenminister brauchte, fiel die Wahl auf diesen Römer ohne jede aussenpolitische Erfahrung. Es floss viel Ironie. Es hiess, Gentiloni verdanke seinen hohen Posten allein seiner Treue zu Renzi. Doch dann erwies sich der frühere Lokalpolitiker dank seiner umgänglichen Art als ausgezeichneter Netzwerker auf diplomatischem Parkett. Er hatte bald einen guten persönlichen Draht zu den wichtigsten Amtskollegen: zum Amerikaner John Kerry genauso wie zum Russen Sergei Lawrow und zum deutschen Aussenminister Frank-Walter Steinmeier. Doch da Gentiloni nie ins Scheinwerferlicht drängte und auch in aussenpolitischen Belangen Renzi die Bühne überliess, blieb seine Strahlkraft stets bescheiden.

Aufreizend ruhig

Nun soll Paolo Gentiloni ein Kabinett anführen, das wohl in grossen Teilen ebenfalls eine Kopie des alten sein wird. Es stützt sich auf die bisherige Mehrheit im italienischen Parlament, die nach wie vor solide wirkt.

Dennoch wird der Ruf nach baldigen Neuwahlen so lange nicht abflauen, bis es einen Termin dafür gibt. Dafür sorgen die Oppositionsparteien. Die Protestbewegung Cinque Stelle und die Lega Nord haben bereits mit Demonstrationen gedroht, sollte sich diese Regierung länger hinziehen als nötig. Alles hängt davon ab, ob es dem Parlament gelingt, auf einigermassen harmonische Weise neue Wahlgesetze für die Bestellung des Abgeordnetenhauses und des Senats zu finden. Garantiert ist das keineswegs. Dafür ist die politische Stimmung nach dem Verfassungsreferendum viel zu aufgeheizt. Da ist es ganz gut, dass nun einer regiert, der immer ruhig bleibt, fast aufreizend ruhig.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.12.2016, 21:00 Uhr

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