Der ewige Traum von imperialer Grösse

Die Hälfte der Briten will in der EU bleiben, die andere will raus. Das hat nicht nur mit der EU zu tun. Sondern auch damit, wie sich die Briten selbst sehen.

Margaret Thatcher anlässlich einer britischen Militärparade 1986 in Hamburg: Für die «eiserne Lady» war «Brüssel» immer etwas, das man klein halten musste. Foto: AP, Keystone

Margaret Thatcher anlässlich einer britischen Militärparade 1986 in Hamburg: Für die «eiserne Lady» war «Brüssel» immer etwas, das man klein halten musste. Foto: AP, Keystone

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Welche Seite auch immer heute zum ­Sieger erklärt wird nach dieser langen Schlacht um Europa: Ein bitteres Un­behagen wird den Sieg überschatten, wenn ausgezählt ist. Das Referendum wird zwar ein Resultat gebracht haben, in Grossbritannien aber wird kein Konsens herrschen. Das Land ist mittendurch gespalten und generell ratlos, was seine Rolle in Europa angeht. In diesem Sinn hat das Referendum wenig gelöst für die Briten. Die nationale Unschlüssigkeit beim Blick über den Kanal ist überdeutlich geworden. Für sich selbst haben die Briten keine klare Antwort gefunden. Das hat, wie man weiss, vielfältige Gründe gehabt.

Ein Grund dafür, warum sich die Ansichten so scharf teilten, reicht unterdessen weit zurück in die Inselgeschichte. Boris Johnson, Michael Gove und den anderen «Brexiteers» ist es gelungen, ein tief sitzendes Verlangen nach Eigenständigkeit und internationaler Geltung zu einer flammenden Kampagne für «neue nationale Grösse» und gegen die EU zu nutzen. Sogar den nostalgischen Traum, der in dieses Verlangen verwoben ist, hat Johnson regelmässig beim Namen genannt bei seinen Auftritten. «Wir haben schliesslich einmal», rief er den Wählern immer wieder zu, «das grösste Empire besessen, das die Welt je gesehen hat!» Und noch immer sei Grossbritannien «wirtschaftlich gesehen das fünftstärkste Land der Erde».

Die Briten, meinte der Tory-Politiker, der jüngst noch den EU-Binnenmarkt als das Gelbe vom Ei pries, könnten «bestens auf eigenen Beinen» stehen. Sie müssten sich nicht «an Europa ketten». Was für Britannien wichtig sei, sei ein «globaler Ausblick». Statt sich mit Europa abzumühen, sollten die Briten mit wirklich grossen Nationen wie Indien und China und natürlich mit der ganzen englischsprachigen Welt – der sogenannten Anglosphere – im Bunde stehen.

In allen Winkeln der Welt

Das hatte vor über einem halben Jahrhundert schon Tory-Premier Anthony Eden so ähnlich formuliert. «Grossbritanniens Geschichte und seine Interessen», sagte Eden in den 50er-­Jahren, «liegen weit jenseits des Euro­päischen Kontinents.» Die «Familienbande» der Insel führten «in alle Winkel der Welt» und nicht nach drüben, nach Europa, meinte Eden. Wenig später sollte der Einbruch aussenpolitischer Realitäten mit dem Debakel am Suez­kanal Britanniens imperialem Anspruch und Edens Karriere ein jähes Ende ­bereiten.

Zur gleichen Zeit änderten sich im Nachkriegseuropa die politischen Gewichte. Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), von britischen Poli­tikern lang verächtlich abgetan, erwies sich als zunehmend erfolgreiches Unternehmen. Das zwang nachdenklichere Geister in London zur Neubesinnung. Anfang der 60er-Jahre liess Edens Nachfolger Harold Macmillan von hohen Regierungsbeamten eine «top secret» gestempelte Studie erarbeiten, die ihm auf unmissverständliche Weise nahelegte, dass Grossbritannien sich nicht länger einreden durfte, eine Grossmacht zu sein wie die Vereinigten Staaten oder die Sowjetunion. London, hiess es in der Studie, könne sich nicht mal darauf verlassen, dem «neuen Rom» Washingtons als treues Griechenland zur Seite stehen zu dürfen.

Keine andere Wahl als mitzuziehen

Die «spezielle Beziehung» zu den USA, warnten Macmillans Ratgeber, hänge völlig ab «von der Bereitschaft der Amerikaner» zu einem solchen Arrangement. Grossbritannien dürfe sich um Himmels willen «nicht in einer Lage finden, in der wir ultimativ eine Wahl treffen müssten zwischen den beiden Seiten des Atlantiks». Unschwer lassen sich von hier Parallelen ziehen zum jüngsten Besuch des amerikanischen Präsidenten Barack Obama in London und zu dessen Appell an die Briten, sich nicht von der EU abzukehren.

Macmillan jedenfalls zog aus dem Rat, den er erhielt, den Schluss, dass es für die Briten keine andere Wahl gab, als bei den europäischen Entwicklungen mitzuziehen. Wenige Monate später beantragte er die Aufnahme Grossbritanniens in die EWG. «Wir müssen die Weltlage so sehen, wie sie heute ist und wie sie morgen sein wird», seufzte er damals, «und nicht in antiquierten Begriffen einer verflossenen Zeit.»

1975 sagten zwei Drittel Ja zu Europa

Wie Macmillans Antrag zu jener Zeit auf französische Ablehnung stiess und wie es bis in die 70er-Jahre dauerte, dass Grossbritannien wirklich der EWG beitreten konnte, wissen wir heute. Edward Heath war es, der die Briten «nach Europa» führte. 1973, vor 43 Jahren, begann die Mitgliedschaft der Insel. Und zwei Drittel der Briten hiessen im Europa-Referendum von 1975 diese Entscheidung nachträglich gut.

Jene Briten aber, die Anthony Edens Traum weiterträumen wollten, liessen sich durch die neuen Zusammenarbeitsbemühungen nicht davon abhalten. «Auch die heutigen Brexiteers schmachten nach Glanz und Glorie elisabethanischer Zeiten und stellen sich Britannien als Freibeuter vor, frei und ungebunden», meinte jüngst in einem Essay der «Financial Times» deren prominenter Autor Philip Stephens.

Leute wie Boris Johnson sähen sich selbst «als Abenteurer, die Europa hinter sich lassen, um ihr Glück in weit ­abliegenden Ländern zu finden», erklärte Stephens. Um dort Reichtümer aufzustöbern, sich umzutun, mit den Eingeborenen zu handeln. Diese wehmütige Fantasie knüpfe an den «nationalen Mythos» an, «den sich die Viktorianer als Erklärung für die Unvermeidlichkeit des britischen Empire ausgedacht hatten». Nämlich den Mythos ihrer angeb­lichen Andersartigkeit und kulturellen Überlegenheit, «der englischen Besonderheit».

Ewige Belagerung

«Als Engländer geboren zu sein, bedeutet, die Lotterie des Lebens gewonnen zu haben», pflegte es ja schon Kolonialpolitiker und Diamantenkrösus Cecil Rhodes auszudrücken. Das britische Empire, urteilt die Harvard-Geschichtsprofessorin Emma Rothschild, sei in diesem Sinne bis heute der Tory-Nationalisten «ewiges Zauberelixier».

Hart ins Gericht mit Dünkel und überzogenem Selbstgefühl ging auch der inzwischen verstorbene «Guardian»-Mitherausgeber Hugo Young, als in Grossbritannien zur Jahrhundertwende bitter um die Einführung des Euro gerungen wurde. «Dieser Traum von einem unabhängigen Britannien» sei immer von «übler Arroganz» gekennzeichnet gewesen, schrieb Young einmal aufgebracht: «Man will, dass wir nicht nur Brüssel kritisieren, sondern die Deutschen verabscheuen, die Franzosen verlachen und nichts Gutes zu sagen haben über irgendein anderes Land in Europa.» Und das alles nur, «damit wir uns in unserem Gefühl ewiger Belagerung schön britisch fühlen können».

Die Spuren der Belagerung durch Hitlers Truppen

Young führte das auf einen Widerspruch im Denken der «Euroskeptiker» zurück. Zum einen, meinte er, hielten viele seiner Landsleute Britannien für so gross und allmächtig, dass sie glaubten, ganz ohne das «kontinentale Hinterland» der Insel auskommen zu können. Zum andern fühlten sie sich immer so klein, so ängstlich, so bedrängt von aussen, dass sie davon überzeugt seien, ihr Land müsse bei einem Gerangel mit den Kontinentaleuropäern immer gleich verlieren und sofort seine Identität einbüssen.

Gewiss, räumen britische Historiker ein, habe die durchaus reale Bedrohung und Belagerung der Briten durch Hitlers Truppen ihre Spuren in der kollektiven Psyche der Insel hinterlassen. Nach dem Krieg und auch später hat man auf der Insel das «europäische Projekt» immer mit anderen Augen gesehen als die aus einer Trümmerwelt auftauchenden Deutschen und Franzosen, die faschismusmüden Spanier und Portugiesen oder später die freiheitsdurstigen Osteuropäer.

Aber dass «die feinste Stunde» Grossbritanniens, die «einsam-trotzige» Zeit von 1940 bis 1941, sich als Fokus aller Selbstidentifikation so hartnäckig gehalten hat im nationalen Gedächtnis; dass Politiker und Pressebarone historische Ressentiments gegen Europa stets rücksichtslos genutzt haben; dass die meisten Medien ansonsten wenig Interesse am Kontinent zeigten; und dass «Europa» noch heute trotz aller Ferienreisen, aller Kanaltunnel-Anbindung, aller Flüge den Briten ein weitgehend unbekanntes Wesen geblieben ist, das sich leicht wahlweise zum lächerlichen Popanz oder zum Schreckgespenst aufbauschen lässt: Das hat eher politische als geografische Gründe gehabt.

Für Thatcher war die EU ein notwendiges Übel

Denn kaum eine Regierung, Labour oder Tory, links oder rechts, hat die EU je als etwas Positives gesehen. Für Konservative wie die «eiserne Lady» Margaret Thatcher zum Beispiel war «Brüssel» etwas, das man klein halten musste. Britische «Patrioten» verachteten die EU und misstrauten ihr. Man betrachtete sie als notwendiges Übel, vornehmlich um den eigenen Kommerz am Laufen zu halten. Mit politischer Gemeinschaft hatten die Tories nie etwas am Hut. Dabei hatte Thatcher selbst 1975 noch fleissig für die EWG geworben. Später, an der Regierung, begann sie zur Freude der Parteirechten gleichsam mit der Handtasche auf die «Brüsseler Bürokraten» einzuschlagen. Ihr Lieblingswort gegenüber ihren kontinentalen «Partnern» war «No! No! No!».

Vielen Labour-Leuten waren «die Europäer» kaum sympathischer. Zu Harold Macmillans Beitrittshoffnungen erklärte der damalige Labour-Chef Hugh Gaitskell noch, ein Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft würde «das Ende Britanniens als eines unabhängigen europäischen Staates» bedeuten: «Es wäre das Ende einer tausendjährigen Geschichte.»

Misstrauen gegen eine Organisation, hinter der die britische Linke lang eine «kapitalistische Verschwörung» witterte, hielt auch Labour davon ab, Freundliches über die EU zu sagen. Noch jetzt, in der Referendums­kam­pagne, fiel es dem linkssozialistischen Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn sichtlich schwer, für den Verbleib ein­zutreten, nachdem er ein Leben lang für den Austritt plädiert hatte.

Brexiteers benützen Mythos

Dass sich vor einem solchen Hintergrund die Bevölkerung spaltete, konnte niemanden überraschen. Zumal es den Brexiteers gelang, in den «nationalen Mythos» der insularen Besonderheit latente Ängste vor «Immigrantenströmen» einzuflechten. Das hatte zur Zeit der westindischen Einwanderer der 60er-Jahre schon sehr effizient der damalige Tory-Rechtsaussen Enoch Powell versucht. Powell prophezeite, dass den Immigranten «Ströme von Blut» auf den Strassen Britanniens folgen würden.

Diesmal, bei Johnson, Gove und Ukips Nigel Farage, ging es um offene EU-Grenzen, Balkanvölker, syrische Flüchtlinge und Millionen und Abermillionen Türken. Für FT-Autor Philip Stephens verbargen sich, im bitteren Streit der letzten Wochen, «hinter all den ­Debatten über Wirtschaft und Immigration eher neuralgische Punkte, die mit Geschichte, Selbstbild und Identität zu tun haben».

Hugo Young hatte schon zu Anfang des Jahrhunderts erklärt, das uralte Problem seiner Landsleute sei es, «der Zukunft nicht ausweichen und von der Vergangenheit nicht lassen» zu können. Seine grosse Hoffnung, sagte Young einmal, bleibe, «dass es uns gelingt, irgendwann aus dem Gefängnis der Vergangenheit in eine Zukunft zu entkommen, die uns zu guter Letzt den Luxus erlaubt, beides sein zu dürfen – nämlich britisch und europäisch zugleich». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.06.2016, 18:57 Uhr

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