Er verbreitet die Angst am liebsten live

Italiens Innenminister wettert gegen Macron und Merkel, gegen Migranten und Muslime. Das macht Matteo Salvini populär.

Einer wie wir: Italiens Innenminister und Lega-Chef Matteo Salvini ist immer für ein Selfie zu haben. Bild: Laura Lezza (Getty Images)

Einer wie wir: Italiens Innenminister und Lega-Chef Matteo Salvini ist immer für ein Selfie zu haben. Bild: Laura Lezza (Getty Images)

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Wenn Matteo Salvini spricht, bewegt sich nur sein Mund. Der ganze Rest des Gesichts: wie eingefroren. Die Brauen etwa, sie hängen als reglose Bögen über den Augen, er hebt sie nie an, zieht sie nicht zusammen. Nur der Mund bewegt sich, mechanisch und schnell, wie die Puppe eines Bauchredners. Was rauskommt, hat weder Höhen noch Tiefen, auch wenn es voller Hass ist gegen Migranten, gegen Roma und Sinti, gegen die Lebensretter im Mittelmeer. Seine Stimme dröhnt nur monoton.

Die Hände? Salvini braucht sie fürs Fotografieren. Eine Hand steckt in der Hosentasche, mit der anderen hält er sein Tablet. Er trägt es ständig mit sich herum, schreibt darauf seine Tweets und Posts, lädt Selfies hoch, filmt sich. Mit seinem Tablet treibt er Italien vor sich her.

Wettern über Deutschland

Es ist noch nicht lange her, da nannte man Salvini «den anderen Matteo». Es gab nur Matteo Renzi, den Florentiner, Premier der Sozialdemokraten für tausend Tage. Selbe Generation, selbe Egozentrik, unterschiedliche Werte. «L’altro Matteo» hielt man für einen ruppigen Rechten, eine bärtige Version von Marine Le Pen. Ganz nach oben würde er es ohnehin nie schaffen. Hiess es. Jetzt gibt es nur noch den anderen Matteo.

Seit zwei Monaten regieren die Populisten. Doch eigentlich regiert nur Matteo Salvini, als Innenminister und Vizepremier, 45 Jahre alt. Er ist überall, auf allen Kanälen, immer. Er gibt Themen und Tempo vor. Er sagt den Italienern, wer ihre Feinde seien. Er macht den Ängstlichen noch mehr Angst, und den bislang Sorglosen bringt er das Fürchten bei. Er lässt die Häfen für Rettungsschiffe schliessen, weil Italien sonst überschwemmt werde von Migranten. Er zieht über Emmanuel Macron her, wettert gegen «das Deutschland Angela Merkels». Und wirbt stattdessen für Wladimir Putin, Donald Trump, Viktor Orban.

Die alte Geometrie der Allianzen, die bekannten Werte, er stellt alles auf den Kopf. Und steigt damit in der Gunst der Italiener. Bei den Wahlen vom 4. März hat seine Lega 17 Prozent gewonnen. Fänden heute Neuwahlen statt, würden wohl 30 Prozent Salvini wählen. Die Lega wäre erste Kraft, gleichauf mit den Fünf Sternen. Als Salvini 2013 die Lega übernahm, stand sie bei vier Prozent.

«Im Schlund der Ängste verliert Italien gerade seine Menschlichkeit.»Francesco Cancellato, Chefredaktor des Onlineportals «Linkiesta.»

Er verkörpere die postmoderne, nationalistische Rechte, sagt Francesco Cancellato, Chefredaktor des unabhängigen Onlineportals «Linkiesta». Er sei das, was wohl bald überall in Europa nach der bürgerlichen, moderaten Rechten kommen werde. «Salvini ist allen Jahre voraus.» Er rieche den Zeitgeist besser als andere, und er präge diesen Geist kulturell und taktisch so sehr mit, dass viele Italiener nun nicht einmal mehr Mitgefühl empfänden bei ertrinkenden Flüchtlingen. «Im Schlund der Ängste verliert Italien gerade seine Menschlichkeit.» Und darin, sagt Cancellato, stecke der ganze Triumph Salvinis. Die Verrohung, von oben angestimmt.

Der Angstmacher der Italiener kam 1973 in Mailand auf die Welt, in der Zona Fiera, dem Messeviertel. Sein Vater arbeitete als Manager in einer Chemiefirma. Seine Mutter war Dolmetscherin, Deutsch und Italienisch. Ein behütetes Zuhause. In seiner Autobiografie erzählt Salvini von seiner Liebe zu Mailand und zur AC Milan, dem Fussballverein. Er selbst sei ein guter Fussballer gewesen, sagt er, «rechter Aussenverteidiger mit Offensivdrang».


Video: Salvini fordert EU heraus

In Flüchtlingsfragen will Italien nicht mehr alles hinnehmen, erklärte Matteo Salvini in Brüssel. (AFP/Tamedia)


An einem Handgelenk trägt Salvini immer ein rotes Gummibändchen seiner AC. Er trug es auch im Quirinalspalast, als er seinen Eid als Minister ablegte. Alle sollten es denken: Er ist einer von uns, einer wie wir. Ein Durchschnittsitaliener, der flucht und schimpft, wie man in der Bar über Politik und Fussball flucht und schimpft und dazu die Farben seines Vereins hochhält. Der «Corriere della Sera» findet, Salvini habe «das Gesicht des Nörglers von nebenan». Nur eben, dass der Motzkopf jetzt regiert. Ohne Opposition.

Immer mit Rosenkranz

Seine Autobiografie trägt den halb ironischen Titel «Secondo Matteo», ein Wortspiel mit Anlehnung an die Bibel: nach Matthäus. Als wäre das, was da drinsteht, auch ein Evangelium. Vor den Wahlen schwor er einmal auf die Bibel und liess die volle Piazza wissen, dass er immer einen Rosenkranz bei sich habe. Das ist ein ziemlich wilder Spagat für einen Mann, der Flüchtlinge tagelang auf offenem Meer treiben lässt und ihnen dann nachruft, sie seien ja auf «Kreuzfahrt» und suchten sich nur ein «schönes Leben» in Italien. Aber Spagate gehören nun mal zu dieser Geschichte dazu.

Salvini war 17, als er sich der Partei anschloss, die damals noch Lega Nord hiess und von Umberto Bossi geführt wurde, quasidiktatorisch und charismatisch. Bossi war sein Lehrer, sein Mentor. Von ihm lernte er viele rhetorische Kniffe und die tolle Wirkung lauter Provokationen. Auch Bossi sagte zu seiner Zeit unsägliche Dinge. Er fantasierte ein Land herbei nur für die Norditaliener. Padanien, so nannte er es, sollte sich vom Joch des Südens befreien, vom «räuberischen Rom» und den «Schmarotzern» im Mezzogiorno. Ererfand dafür Mythen und Legenden, zelebrierte Rituale.

Die Nummer war so überdreht und lokalfolkloristisch, dass die Italiener über Bossi lächelten, als wäre er ein sympathischer Rotzlöffel. Bei Salvini ist es anders. Salvini ist nie komisch. Seit er die Partei führt, steht sie ganz rechts aussen. Sie ist nationalistisch geworden, identitär, souveränistisch. Als Schlagsack hat Brüssel den Platz von Rom eingenommen. Nicht mehr die Süditaliener sind die Sündenböcke, sondern die Migranten, die Fahrenden, die Muslime. Auch in Süditalien gehört Salvini nun zu den populärsten Politikern, man vergisst eben schnell.

Strafaufgabe als Glücksfall

Die Partei war für ihn Schule und Arbeitgeber in einem. Plakatkleber, Mailänder Gemeinderat, Europaabgeordneter, italienischer Vizepremier – alles aus dem Schoss der Lega. Zum bunten Anekdotenschatz seines Aufstiegs gehört, dass er in frühen Jahren Kommunist gewesen sein soll. Er lief mit einem Pin von Ernesto Che Guevara herum, hing oft im Leoncavallo, dem autonomen Zentrum der Mailänder Alternativen, hörte nur Fabrizio De André, den linken Liedermacher. Alles wahr, ungefähr. Früher gab es bei der Lega Strömungen. Die ideologische Aufteilung diente aber nur dazu, das Gewicht der einzelnen Flügel auszurechnen. Salvini war Chef der «Comunisti Padani». Ein Linker war er deshalb aber nie.

Bossi wies ihm zunächst die Leserbriefseiten der Parteizeitung «La Padania» zu. Der Job galt als Strafaufgabe, für Salvini war er ein Glücksfall. Er erfuhr da, worüber sich die Leute aufregten. Danach stand er zehn Jahre lang dem Parteisender Radio Padania Libera vor. Er führte durch Livesendungen, jeder konnte anrufen und sich auskotzen, ebenfalls filterlos. Auch Kritiker riefen da an. Und Salvini reagierte Schlag auf Schlag. Die Sendung hat ihn gestählt, sie hat sein Mundwerk geschliffen. Seither mag er die Konfrontation. In Talkshows kann es ihm nicht schnell genug gehen, hin und her, dreckig und laut. Er provoziert, dann lässt er den Gegner kommen. Wird der Gegner nervös, grinst er.

Als die sozialen Medien aufkamen, war Salvini von allen italienischen Politikern der regste Nutzer. Auf Facebook zählt er mittlerweile 2,9 Millionen Likes. Auf Twitter folgen ihm 815'000, und auf Instagram 385'000. Salvini folgt nur seiner Verlobten, der Fernsehmoderatorin und früheren «Miss Italia Cinema» Elisa Isoardi.

Zahlen entkräfteten die Angstmacherei

Als Kommunikationsstrategen hält sich Salvini einen scheuen Philosophen der Informatik. Luca Morisi verlinkt die Aussonderungen Salvinis auf allen Kanälen, schaut, was am besten läuft, analysiert die Kommentare, feilt dann an den Slogans. Gut läuft alles zur Immigration. Und damit das auch so bleibt, schürt Salvini die Debatte ständig. Über Jahre hinweg behauptete er, Einwanderer würden in Italien wie Könige behandelt, sie wohnten in Viersternhotels, hätten Gratisinternet, während die Italiener in Baracken lebten. Wer das glauben soll? Nun, ziemlich viele. Zahlen nennt Salvini nur, wenn sie ihm nützen. Die Zuwanderung über das Mittelmeer? Sie ist um 80 Prozent zurückgegangen, und zwar bevor er Innenminister wurde und die Häfen schloss. Diese Zahl nennt er nie. Sie würde die Angstmacherei entkräften, sein Geschäftsmodell.

Die Tweets und Posts kommen alle direkt von Salvini, auch jetzt noch, im Schnitt sind es acht am Tag. Der Morgen kann mit einem Selfie vom Mailänder Flughafen beginnen, mit Sonnenaufgang im Hintergrund: «Was für ein wunderschöner Morgen. Schickt mir Fotos aus euren Städten.» Gefolgt von einem Tweet mit der subtilen Einladung, den Erzbischof von Palermo mit etwas Hasssprech zu bedenken: «Statt alle armen Afrikaner nach Europa zu holen, wie es dieser Seelenhirte gerne hätte, sollten wir uns mehr um die armen Italiener kümmern.»

Er spendet sein Blut

Besonders angetan haben es ihm die «Dirette Facebook», die Liveschaltungen in Eigenproduktion. Salvini filmt sich mit seinem Tablet oder dem Handy und redet und redet. Zehntausende schauen zu, und die Fernsehsender zeigen die wichtigsten Passagen dann in allen Tagesschauen. Es stört ihn auch nicht, dass das nahe Filmen sein Gesicht zur runden Fratze verzieht, da ist er ganz uneitel. «Uno come noi», einer wie wir.

Aus Salvinis Umfeld hört man immer wieder, der «Capitano» sei gar nicht so hart und kalt, wie er wirke, das sei nur seine Rolle. Wenn er von der Bühne steige, wechsle er die Platte, dann sei er sanft. Vielleicht macht das die Sache noch schlimmer. Neuerdings versetzt Salvini fast jede Ungeheuerlichkeit mit dem Zusatz: «Ich sage das als Vater und Minister.» Er hat zwei Kinder aus zwei Beziehungen. Manchmal sagt er auch, er sei schliesslich Blutspender. Als würde sein Blutspenden und sein Vatersein die Herzlosigkeit seiner Politik versüssen, sie humanisieren. Einfach so dahergesagt, ohne Gestik. Und das Verrückte ist, es funktioniert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2018, 20:27 Uhr

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