Das vergessene Elend

Die Rückführung von Roma und anderen Minderheiten in die Balkanstaaten ist ethisch höchst fragwürdig.

Enver Robelli@enver_robelli

Es klingt wunderbar, wenn Balkan-Politiker über Minderheiten sprechen: Es handle sich um gleichberechtigte Bürger, die Zugang zu Wohnraum und Chancen auf Bildung und Arbeit hätten. Die Hoffnung der Herrscher ist, dass die Brüsseler Bürokraten solche Beteuerungen für bare Münze nehmen und weiterhin die EU-Integration fördern. Das geschieht häufig, denn die Westeuropäer wollen viele Migranten in «sichere Herkunftsstaaten» auf dem Balkan zurückschicken und geben sich kaum Mühe, ihre Aussichten auf ein menschenwürdiges Leben in der alten Heimat zu überprüfen.

Es ist deshalb wichtig, dass Menschenrechtler genau hinschauen, wie mit Minderheiten umgegangen wird. Die Gesellschaft für bedrohte Völker kommt in einem Bericht zur Lage in Kosovo zum Schluss, dass die Rückführungspolitik unhaltbar sei. Roma, Ashkali und Balkan-Ägypter werden zwar politisch nicht (mehr) verfolgt, aber wer einmal gesehen hat, wie sie ein elendes Dasein am Rande der Gesellschaft fristen, der möchte sie nicht zurückschicken.

Doch solange Asylgesetze nur politisch Verfolgten Schutz gewähren, müssen die Armutsflüchtlinge aus dem Balkan mit der Ausschaffung rechnen. Oft sind es Familien, deren Kinder in der Schweiz oder in Deutschland geboren wurden, (nur) Deutsch sprechen und einigermassen integriert sind. Sie müssen weg, während die soeben angekommenen Syrer schnell in die Gesellschaft eingegliedert werden sollen. Das ist absurd.

Kaum in Kosovo gelandet, rutschen viele Roma in ihre Nomadenkultur zurück, lassen sich in Serbien registrieren und reisen ohne Visum erneut nach Westeuropa. Um die Armutszuwanderung zu unterbinden, muss die EU auf eine bessere Regierungsführung in Kosovo beharren. Das Land wird schlecht verwaltet und massiv ausgeplündert. In den letzten zwei Jahren sind etwa 100'000 Einwohner ausgewandert – darunter der Bruder des Premierministers. Migrationspartnerschaft sieht anders aus.

Das Roma-Problem aber betrifft nicht nur den Balkan: Die Integration der grössten ethnischen Minderheit Europas – etwa 12 Millionen Menschen – bleibt vor allem für die EU eine gewaltige Aufgabe.

Tages-Anzeiger

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