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Das Supermännchen

Heiko Maas wird neuer deutscher Aussenminister. Der 51-jährige Sozialdemokrat, ein Lieblingsfeind der AfD, kämpft gegen den Eindruck, er sei ein politisches Leichtgewicht.

Als Aussenminister ist er ein blutiger Anfänger: Der bisherige Justizminister Heiko Maas (SPD). Foto: Clemens Bilan (EPA, Keystone)
Als Aussenminister ist er ein blutiger Anfänger: Der bisherige Justizminister Heiko Maas (SPD). Foto: Clemens Bilan (EPA, Keystone)

«Heikochen», «der Bub, der nit geschafft hat», «Beta-Tier», «Memme», «Supermännchen»: Heiko Maas hängen aus seiner bisherigen Politikerlaufbahn Etiketten an, die vor allem der Verkleinerung dienen. Das hat zunächst mit Äusserlichkeiten zu tun: Er ist eher klein und schmächtig. Kehrt er in seine Heimat, das winzige Saarland, zurück, sorgt man sich um ihn. Hat er wieder abgenommen? Dabei ist er Triathlet, seine Drahtigkeit hat Methode.

Maas tritt zurückhaltend auf, fast scheu, seinen Mund spitzt er gerne zu einem ironischen Lächeln. Wenn er spricht, tut er es mit leiser Stimme, sehr besonnen, aber die Sätze klingen geschliffen wie ein Federmesser. Er sieht adrett aus, jedenfalls erheblich jünger, als seine 51 Jahre erwarten lassen, und ist immer auffallend gut gekleidet: eng geschnittene Anzüge, Roll­kragenpullis. Vor zwei Jahren hat er seine Frau für eine bekannte Schauspielerin verlassen und tourt seither mit dieser auf vielen roten Teppichen. Als die beiden sich ­verliebten, spielte Natalia Wörner in der ARD gerade eine Diplomatin, die im ­Auftrag des Staates Unschuldige vor ­Terror und Geiselnahme rettete. Ihr Freund wird nun Chefdiplomat, im richtigen Leben.

Minister für Gerechtigkeit

Trotz seiner jugendlichen Erscheinung ist Heiko Maas kein Neuling. Die letzten vier Jahre wirkte er als Justizminister und avancierte dabei zu einem der kleinen Stars von Angela Merkels Kabinett. Er trat mit dem sehr sozialdemokratischen Anspruch an, die Gesellschaft durch Gesetze zu gestalten anstatt den gesellschaftlichen Wandel bloss nachträglich notariell zu beglaubigen. Und er hielt Wort, indem er Gesetze im Akkord fertigte, von der Mietpreisbremse über die Frauenquote bis hin zum Facebook-Gesetz. Unter Maas blieb keine juristische Lücke ungeschlossen, über 100 Gesetze zählt die Statistik – ein einsamer Rekord. Der «Spiegel» verspottete ihn ob seiner Hyperaktivität als «Gerechtigkeitsminister». Doch darüber konnte er nur lächeln.

Populär, umstritten, ja zur Hassfigur wurde er nicht durch seine Gesetze, sondern als Kämpfer gegen Rechts. Als viele Mitte-links-Politiker noch rätselten, wie man den Pegida-Schreiern oder der ­Alternative für Deutschland (AfD) begegnen sollte, beschimpfte Maas sie beherzt als «Schande für Deutschland». Er heuchelte kein Verständnis, sondern griff an. Der Erfolg war gewaltig: Sein Lager jubelte, die Rechten schmähten ihn als «Reichsjustizminister», beides brachte ihn in die Medien. Maas machte aus dem moralischen Appell sein Geschäftsmodell. 2017 schrieb er sogar ein Buch: «Aufstehen statt wegducken – eine Strategie gegen Rechts».

Populär und umstritten wurde er nicht durch seine Gesetze, sondern durch seinen Kampf gegen Rechts.

So sehr ihm seine Fans die Kämpferpose dankten, so sehr schadete ihm diese beim Schreiben seines umstrittensten Gesetzes. Als er gegen strafbare Hetze in den sozialen Medien vorging und dies ausdrücklich mit seinem Engagement gegen Rechts verknüpfte, fiel es dem politischen Gegner leicht, den ­Eindruck zu erwecken, hier sollten nur missliebige politische Meinungen unterdrückt werden. «Zensurminister» schimpft die AfD Maas seither auf allen Kanälen, sein Vorgehen erinnere an die DDR-Staatssicherheit. Wenn die Demokratie in Gefahr sei, entgegnet Maas, dürfe man nicht einfach zusehen. Er schütze die Demokratie nicht, sondern schränke sie ein, erwidern die Rechten.

Abgekanzelt wie ein Schulbub

Maas ist beliebt in der SPD, auch bei den Chefs. Das hat viel damit zu tun, dass er bereit ist, sich unterzuordnen, wenn es um die Macht geht. Als Justizminister etwa war er angetreten, um die Bürgerrechte zu verteidigen – packte aber 2015 seinen Widerstand sofort ein, als ihn der damalige Parteichef und Vizekanzler Sigmar Gabriel nach den Terroranschlägen von Paris nötigte, den Datenschutz unbescholtener Bürger einzuschränken. Heiko Maas trug ihm nicht einmal nach, dass dieser ihn in der anschliessenden Pressekonferenz öffentlich als Schul­buben hinstellte.

Maas und Gabriel hatten sich in einer für beide schwierigen Karrierephase als Verlierer kennen- und danach als charakterliche Antipoden schätzen gelernt. Gabriel tröstete Maas darüber hinweg, dass dieser das Kunststück fertig­gebracht hatte, im linken Saarland drei Wahlen gegen die CDU zu verlieren, und holte ihn 2013 nach Berlin. Auch mit der designierten Parteichefin Andrea Nahles ist Maas schon länger verbündet. Wie sie begann er als glühender Anhänger des linken Volkstribuns Oskar Lafontaine und wanderte dann politisch in die Mitte der Partei – und an die Spitze der Hierarchie.

Der Traum vom Schwergewicht

Das Aussenministerium erhält Maas nun ironischerweise nur, weil die Machtmenschen Sigmar Gabriel und Martin Schulz sich im Kampf darum gegenseitig aus dem Weg geräumt haben. Für Nahles und den künftigen Vizekanzler Olaf Scholz ist Maas eine ideale Wahl, weil er etwas hermacht und sie sich dennoch ­sicher sein können, dass er ihren Führungsanspruch nicht infrage stellt. Bisher ist noch fast jeder deutsche Aussenminister populär geworden, insofern ­haben Nahles und Scholz ein Interesse daran, dass von dieser Beliebtheit für sie keine Gefahr ausgeht. Als Aussenpolitiker ist Maas ein blutiger Anfänger. Böse Stimmen in Berlin meinen, das habe durchaus seine Vorzüge: Das Auswärtige Amt, selbstbewusst bis zur Überheblichkeit, habe am Ende noch jeden Aussenminister gut aussehen lassen.

Ab nächster Woche wird Heiko Maas also täglich in den abendlichen Nachrichtensendungen gastieren, aus Residenzen lächeln und gedrechselte Sätze über Deutschland und die Welt sprechen. Und davon träumen, dereinst doch noch ein richtiges politisches Schwergewicht zu werden.

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