Portugal wirbt um Flüchtlinge

Während sich andere abschotten, will das Land mehr Einwanderer. Das sind die Gründe.

Es kommen weniger als gewünscht: Die portugiesische Küstenwache bringt gerettete Flüchtlinge an Land.

Es kommen weniger als gewünscht: Die portugiesische Küstenwache bringt gerettete Flüchtlinge an Land. Bild: Keystone

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Flüchtlinge gelangen auf verschiedenen Wegen nach Europa. Die gängigsten sind die östliche Mittelmeerroute über die Türkei nach Griechenland und die zentrale Mittelmeerroute von Libyen oder Tunesien nach Italien. Portugal hingegen wird nur von wenigen Migranten angesteuert – und will das ändern. Im Gegensatz zu den meisten anderen EU-Ländern würde die Regierung in Lissabon gerne mehr Menschen aufnehmen.

Portugal spricht sich seit Jahren für die Umverteilung von Flüchtlingen innerhalb der EU aus. Bereits 2015, als sich mehrere osteuropäische Staaten dagegen wehrten, Migranten aus Griechenland und Italien aufzunehmen, hatte Lissabon der Aufnahme von 2951 Menschen zugestimmt. Kurze Zeit später trat Portugal freiwillig dem Umsiedlungsprogramm des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR bei.

«Wir brauchen mehr Einwanderer.»Antonio Costa, Ministerpräsident Portugal

«Wir müssen uns unserer Verantwortung gegenüber den Flüchtlingen stellen. Und diese Verantwortung tragen wir gemeinsam mit den anderen Ländern der Europäischen Union», sagte Portugals sozialistischer Ministerpräsident Antonio Costa anlässlich des Weltflüchtlingstags im Juni. Das Land brauche mehr Einwanderer. Fremdenfeindliche Rhetorik werde nicht toleriert.

Die grosse Mehrheit der Bevölkerung scheint den Kurs des Präsidenten zu unterstützen. «Es gibt landesweit keine Gemeinde oder Partei von Bedeutung, die sich gegen die Flüchtlinge stellt», sagte die portugiesische Migrationsexpertin Cristina Santinho dem Nachrichtenmagazin «Spiegel». Unterstützung komme auch von der Kirche. Viele Portugiesen engagierten sich zudem ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe.

Starker Bevölkerungsrückgang

Hauptgrund für positive Einstellung der Portugiesen gegenüber Flüchtlingen ist ein deutlicher Rückgang der Bevölkerung. Vor zehn Jahren zählte das Land noch über 10,56 Millionen Einwohner, heute sind es noch knapp 10,27 Millionen oder 3 Prozent weniger. Zum Vergleich: In der Schweiz wuchs die Bevölkerung im gleichen Zeitraum um etwa 12 Prozent.

Portugal hat eine der niedrigsten Geburtenrate innerhalb der EU: Auf 1000 Einwohner kamen 2016 durchschnittlich 8,4 Geburten. Hinzu kommt, dass Hunderttausende Portugiesen ihr Land als Folge der Wirtschaftskrise in den letzten Jahren verlassen haben. Einer Studie der portugiesischen «Francisco Manuel dos Santos Foundation» zufolge bräuchte Portugal jedes Jahr mindestens 75'000 neue Einwohner, um die Bevölkerungszahl zu halten. Davon ist man aber weit entfernt.

Von den 3000 durch das EU-Umverteilungsprogramm zugewiesenen Flüchtlingen kam bis Ende September nur die Hälfte nach Portugal. «Eigentlich wollten wir viel mehr Menschen herholen. Aber das Programm hat schlecht funktioniert», sagte Portugals Innenminister Eduardo Cabrita dem «Deutschlandfunk». Die bürokratischen Hürden seien einfach zu hoch gewesen.

«Ich spüre hier keinen Rassismus.»Ahmed Abdalla, somalischer Flüchtling

Problematisch ist auch, dass Portugal die Migranten nicht halten kann. Knapp die Hälfte der etwa 1500 aufgenommenen Menschen hat das Land bereits wieder verlassen. Dafür gibt es verschiedene Gründe.

Einer ist sicherlich die prekäre wirtschaftliche Situation in Portugal. Die Flüchtlinge haben es schwer, Arbeit zu finden. Hinzu kommt, dass sie oft nicht an familiäre und kulturelle Netzwerke anknüpfen können. Viele Migranten machen sich daher auf in andere europäische Länder, wo schon Familienmitglieder oder Landsleute leben.

An der Einstellung der portugiesischen Bevölkerung liegt es sicher nicht. Er spüre hier keinen Rassismus, die Leute seien freundlich, sagte der somalische Flüchtling Ahmed Abdalla dem «Deutschlandfunk». Ein Problem sei aber die Ungewissheit. «Die Leute verlassen Portugal, weil sie neun Monate oder ein ganzes Jahr auf ihre Papiere warten müssen. Und deshalb verlieren sie das Vertrauen, dass sie hier irgendwann einmal einen legalen Status und eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten.»

Interview vor Ankunft

Lissabon geht nun einen anderen Weg. Um die Zahl der Flüchtlinge zu erhöhen, die langfristig in Portugal bleiben, werden die Menschen vor ihrer Ankunft interviewt. Zollbeamte und Migrationsexperten fliegen nach Ägypten und in die Türkei, um potenzielle Migranten darüber aufzuklären, was sie in Portugal erwartet.

Die erste Mission dieser Art ist bereits abgeschlossen: Anfang Juli ist ein Team nach Ägypten gereist. Anhand der dort geführten Interviews wurden 138 Menschen, darunter 70 Kinder, ausgewählt. Die Flüchtlinge stammen überwiegend aus Syrien und dem Sudan. Die Vorbereitungen für die Übersiedlung laufen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.07.2018, 20:57 Uhr

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