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Das Coronavirus verschärft die Medikamentenknappheit

Europa muss wichtige Wirkstoffe wieder selber produzieren. Das wird aber teuer.

«Tut mir leid, das ist im Moment nicht erhältlich. Nein, ich weiss nicht, wann Sie es wieder kaufen können», so könnte es in Zukunft in den Apotheken klingen. Foto: Getty Images
«Tut mir leid, das ist im Moment nicht erhältlich. Nein, ich weiss nicht, wann Sie es wieder kaufen können», so könnte es in Zukunft in den Apotheken klingen. Foto: Getty Images

Mit grosser Wahrscheinlichkeit wird das Coronavirus eine Krise verschärfen, die ohnehin schwer erträglich ist für die an Versorgungssicherheit gewöhnte westliche Öffentlichkeit: die Knappheit an Medikamenten, selbst an lebenswichtigen.

Eine Patientin oder ein Patient geht in die Apotheke und verlangt ein Arzneimittel gegen Epilepsie oder Bluthochdruck oder Diabetes oder für eine Krebsbehandlung – und der Apotheker sagt bedauernd: «Tut mir leid, das ist im Moment nicht erhältlich. Nein, ich weiss nicht, wann Sie es wieder kaufen können.» Dieses Szenario assoziiert man vielleicht mit Venezuela, aber nicht mit der Schweiz oder einem EU-Land. Zu Unrecht, denn gegenwärtig fehlen laut der Website Drugshortage.ch, die Engpässe bei Arzneimitteln auflistet, in der Schweiz 561 Medikamente.

Coronavirus als «Zeitbombe»

Grund dafür ist, dass die Produktion von Wirkstoffen in China und Indien am günstigsten ist und dass westliche Generikahersteller die Grundsubstanzen, die sie zu Medikamenten verarbeiten, mittlerweile fast ausschliesslich aus diesen Ländern beziehen. Hat ein Hersteller eine monopolartige Stellung, wirken sich Unterbrüche oder Verzögerungen bei Produktion oder Vertrieb in einem globalisierten Markt weltweit aus.

Dass die chinesische Regierung im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus Fabriken geschlossen, Mitarbeiter beurlaubt, Städte abgesperrt und Verkehrswege unterbrochen hat, werden wir in der Schweiz erst in einigen Monaten spüren. So lange dürfte es dauern, bis die Vorratslager unserer Medikamentenhersteller und Apotheken leer sind. Danach wird die Arzneimittelknappheit noch schlimmer werden. Axel Müller, der Geschäftsführer des Schweizer Branchenverbandes Intergenerika, bezeichnet das Coronavirus deshalb als «Zeitbombe».

Erpressungspotenzial enorm

Dass in der Schweiz und Europa die Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Medikamenten von einem totalitären Staat wie China abhängt, ist bedenklich. Denn abgesehen von den Problemen, die sich ohnehin stellen, wäre das Erpressungspotenzial der asiatischen Supermacht bei einem politischen oder ökonomischen Konflikt enorm.

Die Schuld in einem globalisierten Markt mit grossem Preisdruck einzelnen Akteuren, etwa den Generikaherstellern, aufzubürden, ist zu einfach. Um die Abhängigkeit von China und Indien zu entschärfen, gibt es letztlich nur eine Lösung: wichtige Wirkstoffe wieder in Europa zu produzieren. Dies würde aber bedeuten, dass die Produktionskosten und damit die Verkaufspreise steigen, wahrscheinlich um ein Mehrfaches.

Angesichts hoher Gesundheitskosten und Krankenkassenprämien wäre das in der Schweiz nur in Verbindung mit staatlichen Subventionen denkbar. Höhere Versorgungssicherheit und billigere Medikamente sind beides berechtigte Anliegen. Aber in einem freien Markt schliessen sie sich gegenseitig aus.

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