Captain der Migranten

Mario Balotelli, umstrittener und begnadeter Fussballer, will Italiens Nationalmannschaft anführen. Damit fordert er die neue populistische Regierung heraus.

«Wenn ich, der ursprünglich aus Afrika kommt, Captain der Nationalmannschaft würde, wäre das ein wichtiges Zeichen»: Mario Balotelli. Fotos: Sebastien Nogier

«Wenn ich, der ursprünglich aus Afrika kommt, Captain der Nationalmannschaft würde, wäre das ein wichtiges Zeichen»: Mario Balotelli. Fotos: Sebastien Nogier

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Unvergessen sind seine beiden Tore gegen Deutschland im Halbfinal der Fussball-Europameisterschaft 2012. Diese Kraft, mit der Super Mario den Ball ins Tor wuchtet, zuerst per Kopf, dann mit dem Fuss unter die Latte. Und wie er dann das Trikot auszog und mit seinem muskulösen Oberkörper posierte. Seht her, hier bin ich, ich bin schwarz, und alle Fesseln sind gesprengt.

Mario Balotellis Tore sind immer politisch, vor allem wenn er für die Squadra Azzurra spielt. Das war vier Jahre lang nicht mehr der Fall. Bis nun Roberto Mancini Coach der italienischen Fussballnationalmannschaft wurde. Mancini kennt den exzentrischen Stürmer länger als jeder andere Trainer. Seit den gemeinsamen Jahren bei Inter Mailand und vor allem bei Manchester City gilt Mancini als Balotellis Fussballvater. Keine einfache Beziehung: «Ich spreche nicht jeden Tag mit ihm, denn dann brauchte ich einen Psychiater», sagte Mancini einst über seinen Schützling.

Kuriose Kontrolle: Mario Balotelli erlaubt sich am Flughafen ein Spässchen. (Video: Tamedia/Instagram)

1990 in Sizilien geboren als Kind von Migranten aus Ghana, wuchs Mario bei italienischen Pflegeeltern auf, die ihn jedoch nicht adoptierten. So konnte Balotelli erst an seinem 18. Geburtstag Italiener werden und für die Azzurri spielen. Gleich in seiner ersten Partie in der U-21-Nationalmannschaft schoss er ein Tor.

Unterdessen spielt Balotelli in Frankreich für OGC Nice. Nizza war die letzte Chance, um seine Karriere zu retten. Er hat sie genutzt. Der als untrainierbar geltende Balotelli fand im Schweizer Coach Lucien Favre einen Mentor und erzielte in dieser Saison in Frankreichs oberster Liga 18 Tore.

Balotelli und der Mann, der ihn aus der Versenkung holte: Lucien Favre.

Vorausgegangen waren Jahre mit Verletzungen und Eskapaden: Balotelli legte sich mit Fans an, er fuhr seine Luxuskarossen regelmässig zu Schrott, oder er zündete seine Villa an, als er im Innern Feuerwerk abbrannte. Und vieles mehr, Frauengeschichten natürlich, die Liste ist so lang, dass Balotelli kaum geeignet ist, die Vorbildfunktion eines Captains zu übernehmen.

Roberto Mancini aber hat nie vergessen, dass der Mann mit der Kammfrisur unglaublich talentiert ist. Bei seiner Premiere als Nationalcoach holte er ihn zurück in die Squadra. Der Spieler bedankte sich mit einem herrlichen Tor beim 2:1-Sieg gegen Saudiarabien in St. Gallen vor gut einer Woche.

Mario Balotelli sah den Zeitpunkt für höhere Aufgaben gekommen und schlug sich selbst als Captain der italienischen Nationalmannschaft vor. Es sollte ein Signal sein an alle Migranten, die in Italien leben, wie er sagte. «Wenn ich, der ursprünglich aus Afrika kommt, Captain der Nationalmannschaft würde, wäre das ein wichtiges Zeichen», zitierte ihn die italienische «Gazzetta dello Sport».

In Italien – im Gegensatz zu England und Frankreich – buhten ihn die gegnerischen und selbst die eigenen Fans mit Affenlauten aus.

Weil Balotellis Tore politisch sind, kommt auch der Gegenangriff aus der Politik. Rechtspopulist Matteo Salvini, seit ein paar Tagen Italiens Vizepremierminister, meinte zunächst diplomatisch: «Der Captain sollte repräsentativ sein, gut Fussball spielen, und er muss nicht weiss, gelb oder grün sein.» Und wurde dann etwas deutlicher: «Ein Captain hält das Team zusammen und ist bescheiden.» Er habe nicht den Eindruck, dass Balotelli bescheiden sei oder integrativ wirke.

Als der Lega-Chef am Montag in einem Vorort Roms Wahlkampf machte – am Sonntag sind in Italien Kommunalwahlen – legte er nochmals nach. Er sagte vor seinen Anhängern, Balotelli sei nur der Letzte, der ihn wegen seiner Ideen angreife. «Jedes Land hat den Propheten, den es verdient», sagte Salvini über Balotelli. Darauf wurde der schwarze Fussballer ausgebuht, selbst das US-Portal «Buzzfeed» berichtete darüber.

Salvinis Reaktion

Damit hatte Salvini vorgelegt, Balotelli musste reagieren. Bei der Präsentation eines Buchs über Rassismus in Italien, das ein Kapitel über Balotelli enthält, sprach der Profi über seine Kindheit, die traurigsten Jahre seines Lebens, da er wegen seiner Hautfarbe oft diskriminiert wurde: «Ich bin in Italien geboren und aufgewachsen, ich war nie in Afrika, aber ich wurde erst mit 18 Italiener.» Und selbst dann war er nicht akzeptiert. In italienischen Stadien – im Gegensatz zu England und Frankreich – buhten ihn die gegnerischen und selbst die eigenen Fans mit Affenlauten aus, in einer Bar in Rom wurde er mit Bananen beworfen.

Als Gegenmittel fordert Balotelli, dass Kinder von Migranten, die in Italien geboren werden, automatisch Italiener sind. Eine entsprechende Gesetzesänderung versuchte die letzte italienische Regierung durchzubringen. Vergeblich, das Geburtsortprinzip, im Fachjargon Jus soli, wie es etwa die USA kennen, nicht aber die Schweiz, wurde von den Oppositionsparteien blockiert. Mehr noch: Matteo Salvinis Lega wie auch die Fünf-Stern-Bewegung versprachen im Wahlkampf, das Jus soli werde nicht eingeführt. Salvini bekräftigte dies in einem letzten Konter, als er twitterte: «Lieber Mario, Jus soli ist weder meine Priorität noch jene der Italiener.»

Auch mit der grün-weiss-roten Captain-Binde dürfte es so bald nicht klappen. Das ist allerdings nicht matchentscheidend, wichtiger sind die Tore. Und davon kann der erst 27-jährige Balotelli noch viele erzielen, schöne und politische. Falls er in der gefundenen Karrierespur bleibt. Dann würde er tatsächlich zum Vorbild und Idol der Migranten – und damit auch zu ihrem Captain. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.06.2018, 15:40 Uhr

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