Warten auf den Terror

Ein Anschlag könnte unmittelbar bevorstehen, sagt die belgische Regierung. In der Hauptstadt bleiben heute Metro, Schulen und Universitäten geschlossen.

Belgische Soldaten und Polizisten patrouillieren im Zentrum von Brüssel. Foto: Youssef Boudlal (Reuters)

Belgische Soldaten und Polizisten patrouillieren im Zentrum von Brüssel. Foto: Youssef Boudlal (Reuters)

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Die Gesichter waren ernst, die Ankündigung kurz und unmissverständlich. Für die Region Brüssel gilt auch heute Montag die höchste Terrorwarnstufe. Premier Charles Michel gab dies am Sonntagabend nach einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates bekannt. Die Terrorgefahr lähmt Belgiens Hauptstadt.

Regierungschef Charles Michel sprach von einer «sehr ernsten Bedrohung», wonach ein Anschlag «unmittelbar» bevorstehen könnte. Dies ist die Formulierung, mit der bereits in der Nacht auf Samstag die Sicherheitswarnung auf die höchste Stufe 4 angehoben worden war. «Wir befürchten einen Anschlag wie in Paris, bei dem mehrere Individuen zeitgleich an mehreren Orten angreifen», präzisierte der frankofone Liberale.

Charles Michel nannte auch mögliche Ziele: «Wir haben Hinweise, dass stark frequentierte Orte wie Warenhäuser, Einkaufsstrassen und der öffentliche Verkehr das Ziel sein könnten.» Nach der ersten Warnung am Samstag hatte ein Einkaufszentrum nach dem anderen zugesperrt. Theateraufführungen und Konzerte wurden abgesagt, die grösseren Kinosäle und Museen blieben zu. Auch beliebte Strassenmärkte fanden am Sonntag nicht statt.

Brüssel ist ganz im Griff der Terror­gefahr. Wie schon am Wochenende steht auch heute die Metro still. Dabei geht es nicht zuletzt darum, möglichst viele Polizeikräfte für die Suche nach den ­potenziellen Attentätern zur Verfügung zu haben und nicht für die Sicherung der Metrostationen zu binden. Nur oberirdische Trams und Busse werden heute normal unterwegs sein. Die Auswirkungen der Terrorwarnung dürften heute grösser sein als am Wochenende. Am Sonntag herrschte Schneeregen, und viele Einwohner der knapp 1,5-Millionen-Stadt blieben einfach zu Hause. Heute sollen jedoch am ersten Arbeitstag nach dem Wochenende auf Anweisung der Regierung auch Schulen und Universitäten zubleiben. Viele Eltern werden deshalb, statt zur Arbeit zu fahren, auf ihre Kinder aufpassen müssen.

Brüssel wirkt angesichts der Terrorgefahr wie gelähmt. Die Behörden haben anfänglich privaten Veranstaltern nur empfohlen zuzusperren. Am Ende konnte niemand sich der Dynamik ­entziehen. So wurden die Fussballspiele am Ende doch abgesagt. Selbst Sportzentren und Eishallen machten dicht. Schritt für Schritt kam das Leben zum Erliegen. Die Grande Place, auf der sonst fast immer grosses Gedränge herrscht, war fast menschenleer.

In der Mitte der Grande Place steht bereits der riesige Weihnachtsbaum, aus den Ardennen herantransportiert. Der Aufbau des traditionellen Schuppens mit der Krippe wurde eingestellt. Vor dem Rathaus steht ein Radpanzer der belgischen Streitkräfte – wie derzeit an allen neuralgischen Punkten der Stadt. Ein paar verirrte Touristen fotografierten die gemischten Dreierpatrouillen aus Armee und Polizei, die über den Platz und die Gassen ziehen.

Die Streitkräfte wollen ihre Präsenz auf tausend Soldaten verdoppeln und die überstrapazierten Sicherheitskräfte entlasten. Regierungschef Charles Michel betonte, ausserhalb der Hauptstadt gelte zwar nur Warnstufe 3. Die Terrorgefahr sei dort zwar nicht unmittelbar, doch ebenfalls sehr ernst. Man werde alles daransetzen, damit die Bevölkerung möglichst rasch zu einem normalen Leben zurückkehren könne, sagte Charles Michel. Es wurde aber deutlich, dass dies nicht so einfach werden könnte.

Der Appell von Salahs Familie

Es dürfte schwierig werden, die Sicherheitswarnung herabzusetzen, solange nicht einige der potenziellen Attentäter gefasst sind. Offenbar geht es dabei nicht nur um Salah Abdeslam, einer der mutmasslichen Mittäter von Paris und Bruder des Selbstmordattentäters Ibrahim, der sich irgendwo in Brüssel verstecken soll. Die Familie, die im Stadtteil Molenbeek lebt, appellierte an Salah, sich zu ergeben. Er wolle seinen Bruder lieber im Gefängnis besuchen, als auf dem Friedhof, sagte Mohamed, der Älteste der Geschwister.

Die Polizei führt zwei parallele Fahndungen. Die grösste Gefahr dürfte nicht von Salah Abdeslam ausgehen, sondern von einer eigentlichen Terrorzelle, nach der die Polizei intensiv sucht. Aussen­minister Didier Reynders sprach von der Gefahr, dass diese Zelle wie eine Stadtguerilla mit schwerem Kriegsgerät zuschlagen könnte. Am Wochenende waren bei Razzien in verschiedenen Stadtteilen Waffen, Sprengstoff und Chemikalien sichergestellt worden.

Auch am Sonntagabend waren grössere Operationen von Polizei und Militär im Gang. In der Gemeinde Etterbeek wurden Einwohner aufgerufen, sich von den Fenstern fernzuhalten und in ihren Wohnungen zu bleiben. Brüssel steht vor einer entscheidenden Woche.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.11.2015, 22:57 Uhr

Schweiz: Neue Verfahren gegen Islamisten

In den vergangenen Monaten hat die Bundesanwaltschaft «fast ein Dutzend» neue Verfahren gegen mögliche Unterstützer von islamistischen Terrororganisationen eröffnet. Insgesamt liefen derzeit 33 Strafverfahren mit solchem Bezug, sagte Bundesanwalt Michael Lauber in einem Interview mit der «NZZ am Sonntag». Man habe das vor allem aufgrund von Hinweisen der Bevölkerung und der Behörden gemacht.

Niemand wurde aber neu in Haft genommen. Drei Männer, die einer Zelle der Terrormiliz Islamischer Staat angehören sollen, bleiben aber weiterhin inhaftiert. Bei den Strafverfahren geht es laut Lauber hauptsächlich um «Jihad-Reisen» zur Unterstützung von islamistischen Organisationen in Syrien, im Irak, in Somalia, Afghanistan oder Pakistan, aber auch um IS-Propaganda im ­Internet.

Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) wird seine Sicherheitschecks bei Asylsuchenden ausweiten, wie die «NZZ am Sonntag» weiter schreibt. Dieser hat die Liste der sogenannten Risikostaaten «im Rahmen der Bekämpfung des Terrorismus» erweitert, wie NDB-Sprecherin Isabelle Graber sagt. Asylsuchende aus ­Risikostaaten meldet das Staatssekretariat für Migration direkt dem Nachrichtendienst. Dieser gibt allerdings nicht bekannt, welche Länder auf der Liste aufgeführt sind. Wenn er zur Einschätzung gelangt, dass ein Asylsuchender eine Gefahr für die Sicherheit der Schweiz darstellt, empfiehlt er dem Staatssekretariat für Migration, dessen Gesuch abzulehnen. Das Staatssekretariat folgt den Empfehlungen praktisch in jedem Fall. So hat es dieses Jahr schon «einige einzelne Gesuche» aus Sicherheitsgründen abgelehnt, wie Sprecher Martin Reichlin sagt. (SDA/TA)


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