Boris drückt sich vor den Bulldozern

Wo, rätselten die Briten gestern, war Aussenminister Boris Johnson? Irgendwo in Staatsgeschäften unterwegs in der weiten Welt, erklärte Regierungschefin Theresa May.

Boris Johnson (l.) traf in Kabul den stellvertretenden Aussenminister Hekmat Khalil Karzai.

Boris Johnson (l.) traf in Kabul den stellvertretenden Aussenminister Hekmat Khalil Karzai. Bild: Afghanistan Ministerium für auswärtige Angelegenheiten /AFP

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«Aus Sicherheitsgründen» könne man Johnsons Aufenthaltsort nicht enthüllen, hiess es am Montagmittag noch im Foreign Office. Später tauchte der Minister dann, feixend und händeschüttelnd, im fernen Afghanistan auf. Spötter meinten, Johnson habe sich wohl in Kabul vor seinen heimischen Wählern in Sicherheit bringen müssen – weil er sie schmählich verraten habe an diesem Tag.

In der Nacht auf Dienstag nämlich hatte das Westminster-Parlament eine ebenso folgenschwere wie heikle Entscheidung zu treffen: Und zwar ob Londons Grossflughafen Heathrow um eine dritte Start- und Landebahn erweitert werden soll. Für Premierministerin May, die den Ausbau als unerlässlich betrachtet, war dies der Punkt, an dem es um «unsere Zukunft als globales Britannien», um den entscheidenden Schritt einer «stolzen Handelsnation» in die Post-Brexit-Ära, ging.

Verkehrsminister Chris Grayling sprach von einem «historischen Augenblick» für Grossbritannien. Kurz vor Mitternacht gab das Parlament denn auch mit 415 zu 119 Stimmen für die Ausbau-Pläne grünes Licht.

Zu den Unterlegenen bei der Abstimmung zählte Mays bisheriger Aussenhandels-Staatssekretär Greg Hands, der sein Amt vorige Woche abgegeben hatte, um gegen den Ausbau stimmen zu können. Denn Hands Wahlkreis befindet sich unter der Einflugschneise Heathrows – und der Tory-Politiker hatte seinen Wählern versprochen, Nein zu sagen zum dritten Rollfeld.

Aussenminister Johnson aber, der sich in der gleichen Lage wie Hands befand, wollte lieber nicht erinnert werden an seine eigenen früheren Äusserungen zum Thema Heathrow. Denn Johnson ist nicht nur seit Jahren ein vehementer Gegner des Heathrow-Ausbaus. Er hatte als Londoner Bürgermeister sogar für einen nagelneuen Alternativ-Airport östlich von London, für das Projekt «Boris Island» in der Themsemündung, geworben. Den Londonern im Umfeld Heathrows hatte er feierlich versprochen, er würde sich notfalls «vor die Bulldozer legen», falls die je zur Räumung anrückten dort.

Kein Wunder, dass ein Abgeordneter aus dem liberalen Lager, Tom Brake, darum bettelte, man möge ihm „den Schlüssel für den Bulldozer“ geben. Auch Parteikollegen forderten Johnson zum Rücktritt auf.

Der aber liess verlauten, ein Rücktritt bringe ja «absolut nichts». Und überhaupt könne er sich nicht vorstellen, dass diese dritte Start- und Landebahn je gebaut werde. Gefragt, ob die Premierministerin den Chef des Foreign Office noch immer für einen «Ehrenmann» halte, antwortete Mays Sprecher «Ja» – aber nur widerwillig, wie es schien.

In der Tat hatte May selbst einmal, lang vor Brexit-Zeiten, gegen den Ausbau Heathrows plädiert. Inzwischen hält sie, wie die meisten Brexiteers, das dritte Rollfeld aber für ein Zeichen der neuen Zeit. Auch viele Labour-Leute, die grossen Gewerkschaften und mächtige Industrie-Interessen haben in den letzten Jahren Partei für den Heathrow-Ausbau ergriffen. Einig ist man sich in London darin, dass Europas grösster Flughafen längst aus allen Nähten platzt und total überfordert ist.

Nur eine grosse Drehscheibe mit Verbindungsflügen aus dem ganzen Land jedoch, argumentieren die Befürworter des Ausbaus, könne das Langstreckennetz garantieren, das eine Insel-Nation brauche, um im internationalen Geschäft zu bestehen. Baue man Heathrow nicht aus, könne man gleich einpacken. Dann wandere der Flugverkehr zu Konkurrenz-Flughäfen im Ausland ab.

Geplant ist nun, die Kapazität Heathrows von 480'000 Flügen auf 740'000 Flüge im Jahr und von 85 Millionen Passagieren auf 130 Millionen zu steigern. Vom Bau einer 3500 Meter langen dritten Startbahn, im Nordwesten der bisherigen beiden Rollfelder, und vom erhofften neuen Güter- und Passagiers-Aufkommen verspricht man sich ausserdem 120'000 bis 180'000 zusätzliche Arbeitsplätze, von West-London bis nach Schottland und Nordirland hinauf.

Allerdings müssten wichtige Autobahnstränge, darunter ein Abschnitt der Londoner Ring-Autobahn, für viel Geld untertunnelt werden. 900 Häuser – zwei kleine Ortschaften – müssten plattgewalzt werden. Und allein für Lärmschutz-Massnahmen im dichtbesiedelten Einfluggebiet wären Milliarden Pfund erforderlich. Ganz abgesehen von Folgekosten für die nötigen Verkehrs-Verbindungen, von drohenden Umweltschäden und von der wackeligen Finanzlage Heathrows, das schon jetzt schwer verschuldet ist.

Wütende Proteste und Prozesse aller Art haben die Anwohner des Flughafens angekündigt. Was eine 50-prozentige Steigerung des Passagier-Aufkommens für den Autoverkehr vor Ort bedeuten würde, ist abzusehen. Grüne Verbände prophezeien, dass Grossbritannien seine im Pariser Klimaschutz-Abkommen gegebenen Verflichtungen nicht werde einhalten können. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.06.2018, 00:04 Uhr

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