Autos anzünden und am Montag zurück an die Arbeit

In Frankreich protestieren Männer und Frauen, die sich in kürzester Zeit radikalisiert haben.

Im Zentrum von Paris brennen nach den Protesten gegen Präsident Macron Autos. Video: Reuters

Samstagabend, 21 Uhr. Vor der Chanel-Filiale in der Rue du Faubourg Saint-Honoré schneiden Handwerker Holzplatten zu, um die zu Bruch gegangenen Scheiben zu ersetzen. Den ganzen Tag über ist durch die teuren Shoppingviertel hier im Westen von Paris ein wütender Mob gezogen. Über 100 Menschen sind bei Zusammenstössen mit der Polizei verletzt und über 400 festgenommen worden. Es waren die gewalttätigsten Proteste, die Frankreich seit Jahren erlebt hat.

Gegenüber von Chanel stehen vier junge Männer und eine Frau in gelben Warnwesten. Sie reichen eine Bierflasche herum. Die «gilets jaunes», die gelben Westen, gelten in Frankreich seit Mitte November als Erkennungszeichen der Zornigen. An diesem Wochenende in Paris sind sie auch zum Symbol der Zerstörungswut geworden. Während Präsident Emmanuel Macron Gewalt als Mittel des Protests scharf kritisiert, unterstützt die Opposition, von links über rechts bis ganz nach rechts, die gelben Westen weiter. Die Bewegung sei pazifistisch, heisst es, sie werde nur manchmal von Krawallmachern gekapert.

«Wir kommen wieder»

Die jungen Leute mit der Bierflasche erzählen eine andere Geschichte. Ihre Namen wollen sie nicht nennen. Alle fünf sind aus Bordeaux angereist, wo sie seit zwei Wochen auf der Autobahn eine Mautstation blockieren und die Autofahrer kostenfrei durchwinken. Der Wortführer der Gruppe, der von sich sagt, er sei Bauzeichner, droht: «Heute hat uns die Polizei fertiggemacht, nächste Woche machen wir die Polizei fertig.» Nach seiner Darstellung geht die Gewalt nicht nur von Profi-Randalierern aus, sie kommt auch von Menschen wie ihm, die kaum Protesterfahrung haben und sich gerade erst politisieren.

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Die Regierung höre ihnen nicht zu, sagt der Mann, die Lebenskosten würden immer weiter steigen, und die Mehrheit der Franzosen sei auf ihrer Seite und habe keine Lust mehr auf Macron. Der ideale Ausgang der Proteste sei eine Sechste Republik, eine «Demokratie, in der das Volk wirklich mitentscheidet». Und ja: Er habe Barrikaden gebaut. Nächstes Wochenende komme er wieder, besser ausgerüstet.

Fragt man die Menschen in den gelben Westen, warum sie auf die Strasse gehen, dann fällt früher oder später das Wort «le peuple». Das Volk. Gerade weil die meisten keine politischen Lösungen vorschlagen, gerade weil sie vor allem über ihre persönlichen finanziellen Probleme sprechen wollen, sehen sie sich als Repräsentanten des gesamten Landes. Wenn jeder für sich stehe, bedeuteten alle zusammen am Ende das Ganze, das Volk.

130'000 Demonstranten in ganz Frankreich

An jeder zweiten Strassenecke begegnen einem im Pariser Zentrum an diesem Samstag Menschen in gelben Westen. Meist denken sie gerade darüber nach, was sie als nächstes tun können, um der Polizei auszuweichen. Es sind Strategiespiele, die man vom Schwarzen Block kennt, von radikalen Rechten oder radikalen Linken. Hier werden sie von Menschen aufgeführt, die nicht nur so aussehen, als würden sie am Montag wieder Brot verkaufen oder Schüler unterrichten, sondern die das tatsächlich tun. Viele sind zwischen 40 und 50 Jahre alt, es hat viele Frauen.

10'000 Demonstranten in Paris, über 130'000 im ganzen Land, schätzen die Sicherheitsbehörden: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron machte sich am Sonntag nach seiner Rückkehr vom G-20-Gipfel in Buenos Aires ein Bild von der Zerstörung in der Hauptstadt. Anschliessend rief er seine Regierung zu einer Krisensitzung zusammen. Premierminister Edouard Philippe erhielt dort den Auftrag, sich erneut mit Vertretern der «gilets jaunes» zu treffen. Die Gespräche sollen heute beginnen.

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