Angela Merkels bitterster Sieg

Zum dritten Mal wiedergewählt und dennoch feiern andere: Was der Wahlausgang für die deutsche Kanzlerin bedeutet.

Kampfansage: Merkel will sich Wähler von der AfD zurückholen. (Video: Reuters)

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«Angie! Angie! Angie!» Die jungen Wahlhelfer gaben ihr Bestes und jubelten Angela Merkel frenetisch zu, als sie im Konrad-Adenauer-Haus, dem Berliner Sitz der Partei, um 18.49 Uhr auf die Bühne trat. Die Kanzlerin im taubenblauen Blazer tat ihr Bestes, um zu strahlen, winkte auch mal, während um sie herum Männer mit mehrheitlich ernsten Gesichtern standen. Schliesslich sagte sie: «Wir brauchen nicht darum herum zu reden: Wir haben uns ein etwas besseres Ergebnis erhofft.» Gleichzeitig halte sie fest, dass CDU und CSU ihre drei strategischen Ziele erreicht hätten: Sie seien wieder mit Abstand stärkste politische Kraft. Sie hätten von den Wählern einen eindeutigen Auftrag erhalten, die neue Regierung zu bilden. «Und gegen uns kann keiner regieren.» Da schwenkten die Anhänger wieder halb freudig, halb tapfer ihre Plakate.

Diese Erfolge, fuhr Merkel weiter, seien nach zwölf Jahren Kanzlerschaft alles andere als selbstverständlich. Nun aber stünden grosse Herausforderungen bevor. Ihre Partei werde genau analysieren, warum die Alternative für Deutschland (AfD) derart stark gewachsen sei.

Sie wolle alle Wähler zurückgewinnen, die ihre christdemokratische Parteienfamilie an die rechte Konkurrenz verloren habe. «Durch gute Politik, die auch auf die geäusserten Sorgen und Ängste eingeht.» Und man wolle eine stabile Regierung bilden, um die Verantwortung zu tragen, die ihr die Wähler übertragen hätten. Wieder gab es ziemlich lauten Applaus.

Verblüffend gelöst

Merkels Auftritt vor ihren Anhängern dauerte nur sieben Minuten, danach musste sie weiter, zur Spitzenrunde des Fernsehens. Aber sie wirkte verblüffend gelöst, konzentriert und entschlossen. Dabei war das Resultat für sie eine mittlere Katastrophe. Sie schaffte zwar ihre dritte Wiederwahl als Kanzlerin, was vor ihr nur Konrad Adenauer und Helmut Kohl gelungen war. Aber wie bereits 2005 und 2009 gewann sie und erschien dennoch nicht als Siegerin.

Bei ihrer ersten Wahl gegen Gerhard Schröder hatte sie einen sicheren Sieg fast noch aus der Hand gegeben. Das jagte ihr einen heiligen Schrecken ein. Ähnlich wie am gestrigen Sonntagabend hatte sich Merkel wohl 2009 gefühlt, am Ende der ersten Grossen Koalition mit den Sozialdemokraten. Wie jetzt erlitten danach beide ihre schwächsten Ergebnisse seit 1949: knapp 34 beziehungsweise 23 Prozent. Danach regierte Merkel halt mit der FDP, die damals auf Kosten der CDU in die Höhe geschossen war.

Ihr Sieg von 2017 schmeckt wohl um einiges bitterer. Mit der AfD hat sich rechts von der Union eine Partei etabliert, die nicht nur rechtsradikale Abgeordnete in den Bundestag bringt, sondern an deren Aufkommen viele Kritiker Merkel die direkte Schuld geben: So wie Helmut Schmidt durch Missachtung des Umweltthemas ein Geburtshelfer der Grünen gewesen sei und Gerhard Schröder durch die Arbeitsmarktreformen das Aufkommen der Linkspartei gefördert habe, so sei Angela Merkel mit ihrer Flüchtlings- und Europolitik zur Geburtshelferin der AfD geworden.

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Merkel hatte die Gefahr schon lange geahnt. Es werde ihr schwerster Wahlkampf werden, mit «Anfechtungen von vielen Seiten», hatte sie angekündigt, als sie vor zehn Monaten ihre erneute Kandidatur bekannt gegeben hatte. Sie behielt recht – wenn auch vielleicht anders als gedacht. Die grösste Herausforderung ging nicht vom sozialdemokratischen Kometen Martin Schulz aus, der die CDU zwei Monate lang etwas nervös machte, bevor er verglühte. Die schwerste Prüfung folgte in ostdeutschen Städtchen mit Namen wie Finsterwalde oder Bitterfeld (zuletzt aber auch in einer weltoffenen Grossstadt wie München): Die AfD und die Neonazi-Partei NPD schafften zu ihren Wahlreden verlässlich Dutzende bis Hunderte von Krachmachern herbei, die jedes Wort der Kanzlerin erbarmungslos niederpfiffen und niederschrien.

Merkel widerstand dem Protest auf ihre übliche Weise, indem sie äusserlich unberührt einfach weitermachte. Manchmal wandte sie sich direkt an die Krakeeler und bekräftigte ihre Überzeugung, dass man die Probleme des Landes nicht mit Schreien löse. Nicht ein einziges Mal liess sie sich zu einem eigenen Wutausbruch hinreissen. In einer Demokratie müsse man so etwas aushalten, meinte sie lakonisch.

Trillerpfeifen und Gebrüll

Ihr Stoizismus brachte ihr zwar den Respekt weiter Teile der Öffentlichkeit und der Medien ein. Aus Sicht der Wahlkampfstrategen im Kanzleramt schadete ihr die Konfrontation aber erheblich und wirkte Wunder für die AfD. Die organisierten Wutbürger erweckten geschickt den Eindruck, als habe Merkel einen grossen Teil des «Volks» gegen sich – eines Volks überdies, das sich wegen mangelnden Respekts vonseiten der «Diktatoren-Kanzlerin» nur noch mit Trillerpfeifen und Gebrüll Gehör verschaffen könne.

Video: AfD-Spitzenpolitiker Gauland haut verbal drauf

«Wir werden Frau Merkel jagen.»

Kritiker in Merkels Partei, vor allem aber Horst Seehofer, der Vorsitzende der bayerischen Schwesterpartei CSU, hatten statt Gelassenheit schon lange einen Rechtsruck gefordert, um der AfD das Wasser abzugraben. Sie alle werden sich vom Resultat vom Sonntagabend bestätigt fühlen. Seehofer, dessen Partei in Bayern von fast 50 auf 38,5 Prozent abstürzte, während die AfD dort auf fast 13 Prozent stieg, forderte bereits Konsequenzen. «Wir hatten in diesem Wahlkampf eine offene Flanke auf unserer rechten Seite», sagte er in München. «Diese müssen wir in den nächsten Wochen mit klarer Kante schliessen.»

Die Ansage aus München verspricht harte, ja brutale Verhandlungen in den kommenden Wochen. Die Kanzlerin geht diese politisch geschwächt an. Sie muss nicht nur ihre eigene Parteienfamilie zusammenhalten und der AfD begegnen, sondern unter den Liberalen und den Grünen (vielleicht am Ende auch wieder unter den Sozialdemokraten) Partner für eine Regierung finden, obwohl diese eigentlich alle lieber in der Opposition wären. Schöne Aussichten sind das nicht.

Video – Die Deutschen Kanzler im Schnelldruchlauf

Von Konrad Adenauer bis Angela Merkel: Eine nostalgische Videobetrachtung der deutschen Regierungschefs. (Video: Lea Koch)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.09.2017, 23:14 Uhr

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