Alles nur erfunden

In Deutschland kursieren die absurdesten Horrorgeschichten über Flüchtlinge. Selbst die unglaubwürdigsten finden ihr Publikum.

Empörung nach der angeblichen Vergewaltigung der 13-jährigen Lisa: Eine Demonstration vor dem Kanzleramt in Berlin. (23. Januar 2016)

Empörung nach der angeblichen Vergewaltigung der 13-jährigen Lisa: Eine Demonstration vor dem Kanzleramt in Berlin. (23. Januar 2016) Bild: Reuters

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«Das ist eine der miesesten und perfidesten Aktionen, die ich jemals erlebt habe.» Der Berliner Innensenator zeigte sich heute empört über einen Vorfall in seiner Stadt, der deutschlandweit für Schlagzeilen sorgt. Eine lokale Hilfsorganisation hatte am Mittwoch gestützt auf den Bericht eines ihrer freiwilligen Helfer gemeldet, dass ein 24-jähriger Syrer gestorben sei, der zuvor tagelang für die Registrierung als Flüchtling angestanden habe. Die chaotischen Zustände in der Registrierungsstelle sind seit Monaten ein Thema. Am Abend gestand dann der Helfer gegenüber der Polizei, die Geschichte erfunden zu haben.

Er sei psychisch überfordert und betrunken gewesen, entschuldigt sich der Helfer heute auf Facebook. Ob die Stellungnahme wirklich von ihm stammt, ist unsicher. Kurz nach der Publikation wurde das Facebook-Profil deaktiviert.

Der Vorfall reiht sich ein in eine lange Kette von ähnlichen erfundenen Horrorgeschichten. Speziell ist beim vorliegenden Fall allerdings, dass die Meldung aus den Reihen der Flüchtlingshelfer und nicht von Flüchtlingshassern stammt. Gemeinsam ist all den Geschichten, dass sie sich über Facebook und Co. rasend schnell verbreiten und selbst mit klarsten Dementis von offizieller Seite kaum zu bekämpfen sind.

Das bislang extremste Beispiel ist der Fall Lisa. Am 11. Januar wurde ein 13-jähriges Mädchen mit russischen Wurzeln in Berlin als vermisst gemeldet. 30 Stunden später tauchte es wieder auf und gab in einer ersten Version gegenüber Eltern und Polizei an, von Flüchtlingen entführt und vergewaltigt worden zu sein. Diese Version verbreitete sich im Internet und insbesondere in den russischen Medien. Sie warf derart hohe Wellen, dass sich am Dienstag gar der russische Aussenminister einschaltete und den deutschen Behörden die Vertuschung des Falls vorwarf. Schon Tage zuvor hatte die Berliner Polizei allerdings gemeldet, dass es weder eine Entführung noch eine Vergewaltigung gegeben habe. Ermittelt wird dagegen wegen einvernehmlichem Sex zwischen der Minderjährigen und zwei Erwachsenen, der vor dem Verschwinden stattgefunden haben soll. Das wäre wegen des Alters des Mädchens ebenfalls eine Straftat. Bei den beiden Erwachsenen handelt es sich nicht um Flüchtlinge.

Die Meldung der Berliner Polizei zum Fall Lisa. (Printscreen: Facebook/Polizei Berlin)

Trotz der klaren Stellungnahme der Polizei dreht die Geschichte über die angebliche Vergewaltigung durch Flüchtlinge weiter. Auf der Facebook-Seite der Berliner Polizei wird die Stellungnahme dutzendfach kommentiert. Die Mehrheit der Kommentatoren glaubt der Polizei nicht. In mehreren Städten Deutschlands ist es in den letzten Tagen zu Demonstrationen von Russlanddeutschen gekommen, an denen sich teilweise auch Mitglieder verschiedener rechter und rechtsradikaler deutscher Parteien beteiligten.

Geschächtete Schafe, leer geräumte Läden

Erfundene Vergewaltigungsgeschichten von Kindern oder Frauen zählen zu den häufigsten Verleumdungsmeldungen, die über Flüchtlinge verbreitet werden. Bei einer kurzen Suche im Internet stösst man auf Fälle aus fast allen Regionen Deutschlands. Experten, die in deutschen Medien zum Phänomen befragt werden, erklären das damit, dass Vergewaltigungsgerüchte die grössten Chancen auf eine Weiterverbreitung hätten. Weil es sich bei den angeblichen Opfern um das Schützenswerteste einer Gesellschaft handle, sei die öffentliche Anteilnahme am grössten.

Es kursieren allerdings auch falsche Meldungen über von Flüchtlingen gestohlene und geschächtete Schafe, abgeschnittene Ohren oder komplett leer geräumte Läden. Etwa jene des Supermarkts aus dem kleinen Ort Messstetten in Baden-Württemberg. Dieser habe vor Monaten schliessen müssen, weil ihn Flüchtlinge geplündert hätten. Die erfundene Geschichte hält sich hartnäckig, obwohl Berichte in lokalen Medien klar zeigen, dass der Laden nie von Flüchtlingen überfallen und nie geschlossen wurde.

Die Zeitung «Südwest Presse» berichtet am 16. Januar über den angeblich geschlossenen Supermarkt. Auf dem Bild zum Bericht ist klar zu sehen, dass er rege frequentiert wird. (Printscreen Website Südwest Presse)

An der Verbreitung der Falschmeldungen sind sowohl Privatpersonen als auch Organisationen sowie deren Repräsentanten beteiligt. Im Fall des angeblich verstorbenen Flüchtlings von Berlin brachte erst die Weiterverbreitung durch die Freiwilligenorganisation «Moabit hilft» die Meldung national in die Schlagzeilen. Bei der erfundenen Vergewaltigung der 13-jährigen Russlanddeutschen waren sowohl rechtsextreme Kreise als auch Vertreter russischer Medien in Deutschland an der Verbreitung der Geschichte beteiligt.

Einen besonders dreisten Versuch, eine erfundene Vergewaltigungsgeschichte zu lancieren, wurde in der Sendung «Panorama» der ARD dokumentiert: Uwe Wappler, ein regionaler Vorsitzender der rechten Partei AFD, erwähnte auf einer Protestveranstaltung gegen eine neue Flüchtlingsunterkunft die angebliche Vergewaltigung eines 12-jährigen Mädchens aus der Region durch Flüchtlinge.

Im Interview mit der ARD-Sendung «Panorama» äussert sich der AFD-Politiker Uwe Wappler zum erfundenen Vergewaltigungsfall. Hier geht es zum Video.

Nach seiner Rede wurde er von einem Reporter der ARD befragt. Er konnte keine Details zum Fall nennen. Später gestand er dem Sender schriftlich, die Vergewaltigung erfunden zu haben.

Obwohl diese und andere Lügengeschichten längst entlarvt sind, hält sich in Deutschland der Vorwurf hartnäckig, Polizei und Medien würden gezielt Straftaten von Flüchtlingen vertuschen oder verschweigen. Gestützt wird er durch die Fehler der Kölner Polizei nach den Übergriffen an Silvester. Sie hatte zunächst in Medienmitteilungen von einer «entspannten» Einsatzlage berichtet.

Aktuell zeigen aber die beiden erfundenen Geschichten aus Berlin, dass die Polizei inzwischen sehr rasch informiert. Gegen den Hass im Netz kommt sie trotzdem nicht an. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.01.2016, 15:21 Uhr

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