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AfD-Chef Gauland will sein Amt loswerden

Alexander Gauland braucht einen Nachfolger, der die Partei zusammenhält. Was macht der 78-Jährige, wenn das schiefgeht?

Das Scharnier zwischen den Flügeln: Gauland ist der Einzige, dessen Autorität von allen in der Partei respektiert wird. Foto: Felipe Trueba (Keystone)
Das Scharnier zwischen den Flügeln: Gauland ist der Einzige, dessen Autorität von allen in der Partei respektiert wird. Foto: Felipe Trueba (Keystone)

Für viele Beteiligte ist das, was sich am AfD-Parteitag vor zwei Jahren in Hannover abgespielt hat, noch immer ein Trauma: Alexander Gauland schlug einen Kandidaten für den Vorsitz neben Jörg Meuthen vor. Dann hielt die nahezu unbekannte und später als extremistisch aus­geschlossene Doris von Sayn-Wittgenstein eine flammende Rede und wurde um ein Haar anstelle von Gaulands Favorit zur Parteichefin ­gewählt. Um ein ­Debakel zu verhindern, ging der «Alte» schliesslich dazwischen und liess sich selbst wählen.

Dabei hatte Gauland eigentlich gar nie Vorsitzender werden wollen. Chef der Bundestagsfraktion zu sein, hatte ihm vollauf genügt. Der heute 78-Jährige hat in seinem langen politischen Leben, 40 Jahre davon bei der CDU, immer lieber aus dem Hintergrund geführt. So lenkte er Ende der 80er-Jahre in Hessen die Staatskanzlei von Ministerpräsident Hans Wallmann, so hatte er es seit der Gründung der AfD 2013 gehalten. Die Sprecher der neuen Partei mochten Bernd Lucke, Frauke Petry oder Jörg Meuthen heissen, ihr eigentlicher Chef war stets Alexander Gauland. Nun, da er das in der Not übernommene Amt wieder loswerden will, merkt er, dass das gar nicht so leichtfällt.

Die Nazizeit nannte Gauland einen «Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte».

Gauland, in Karl-Marx-Stadt aufgewachsen, in Bonn und Frankfurt am Main zum Politiker geworden und nach der Wende als Verleger in den Osten zurückgekehrt, ist für die Alternative für Deutschland unersetzlich. Ideologisch bildet er ein Scharnier zwischen sogenannt gemässigten, national-konservativen und revolutionär gesinnten rechtsradikalen Kräften in der Partei. Mit seinen Tweedsakkos, der grünen Hunde-Krawatte und den Cordhosen pflegt er den Stil eines englischen Landadeligen, der jene harmlose Bürgerlichkeit ausstrahlt, die die AfD unbedingt benötigt, um sich als «neue Volkspartei» zu empfehlen.

Gauland hält den «gärigen Haufen», wie er seine AfD halb entschuldigend, halb bewundernd nennt, fast alleine zusammen. Er ist der Einzige, dessen Autorität von allen respektiert wird. Manche nennen ihn das «Krokodil»: «Niemand ausser ihm hat den Biss, das politische Gewicht und die Erfahrung, um zuzuschnappen, wegzujagen, abzugrenzen und umzusteuern, wenn die Richtung nicht mehr passt», schrieb die «Zeit».

Dabei hat sich Gauland selbst, seinem Biedermann-Auftritt zum Trotz, in den letzten Jahren radikalisiert. Die Nazizeit nannte er einen «Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte». Die türkischdeutsche Integrationsministerin wollte er wegen angeblich mangelhaften Deutschtums «in Anatolien entsorgen». Politologen qualifizieren Teile seiner Reden schon länger als «revisionistisch» und «rassistisch». Im neusten Gutachten des Ver­fassungsschutzes werden ihm ­«völkisch-nationalistische Gesellschaftsbilder» attestiert.

Die Radikalen gestützt

Gauland hat die Rechtsradikalen in der AfD stets gestützt, insbesondere den «Flügel» von Björn Höcke. Nach dessen Triumph bei der Wahl in Thüringen Ende ­Oktober nahm er Höcke vor dem Vorwurf in Schutz, er führe die Partei nach rechts, indem er ­sagte, dieser stehe «in der Mitte der Partei» (lesen Sie hier, wie es dazu kam).

Andreas Kalbitz, den Branden­burger mit lupenreiner Neonazi-Vergangenheit, nannte er «so bürgerlich wie ich selbst». Aus Gaulands Sicht sind die ­radikalen Kräfte unverzichtbar, gerade im Osten, weil sie der Partei die ­nötige revolutionäre Energie zuführen. Gleichzeitig soll die AfD keinesfalls wie die Neonazi-­Partei NPD wirken, deren Kräfte sie längst aufgesogen hat.

Zieht sich Gauland von der Parteispitze zurück, steht diese Balance auf dem Spiel. Nach ihren Wahlerfolgen drängen ­Höcke und Kalbitz auf mehr ­Einfluss in Vorsitz und Vorstand: Einer der beiden Chefs müsse aus dem Osten stammen.

Mit Tweedsakkos und Cordhosen pflegt Gauland den Stil der harmlosen Bürgerlichkeit, den die AfD benötigt.

Da Gauland weiss, dass weder Höcke noch Kalbitz in dieser ­Rolle «vermittelbar» sind, hat er sich den 44-jährigen Tino Chrupalla als Nachfolger ausgesucht. Der ist tatsächlich in Sachsen geboren, als Malermeister beliebt und hat sich in der Fraktion einen Namen gemacht, indem er die Finanzen wieder ins Lot brachte. Chrupalla gehört dem «Flügel» nicht an, wird von diesem aber geschätzt.

Verläuft der Parteitag am ­Wochenende so, wie Gauland es sich wünscht, wird Chrupalla zum Co-Chef neben Meuthen ­gewählt – und er selbst zum ­Ehrenvorsitzenden. Doch bereits jetzt ist klar, dass es in Braunschweig am Ende ähnlich chaotisch ­zugehen könnte wie vor zwei Jahren in Hannover.

Der Berliner Scharfmacher Gottfried Curio hat seine Kandidatur angekündigt. Der 59-jährige Physiker und Musiker ist ein hervorragender Redner und gilt deswegen als «Youtube-Star» der radikalen Basis. Er spricht von «Geburten-Jihad» und «Messereinwanderung», Frauen mit Kopftuch nennt er einen «schwarzen Sack, der spricht».

Komplexer Machtkampf

Obwohl Curio als «einsamer Wolf» gilt und alle Talente eines vermittelnden Parteichefs vermissen lässt, hält Gauland es für möglich, wenn auch nicht sehr wahrscheinlich, dass dieser in Braunschweig seinen weniger bekannten Kandidaten Chrupalla verdrängen könnte. Was tut der «Alte» dann? Geht er wieder dazwischen? Die Ausgangslage ist knifflig, weil auch Meuthen, der zweite Chef, keineswegs sicher im Sattel sitzt. Seit sich der 58-jährige Baden-Württemberger Ökonom scharf gegen die Radikalen abgegrenzt hat, betrachtet der «Flügel» ihn als Feind.

Fragt man Gauland selbst, was in Braunschweig passieren werde, zuckt er mit den Schultern: «Das weiss man in unserer anarchischen Partei nie.» Seine Gesundheit gilt nicht als die beste, der «Alte» nicke bei Sitzungen manchmal ein, raunt man. Wäre er erleichtert, gelänge es ihm, die Macht kontrolliert abzugeben? Er lächelt ironisch und meint: «Das ist nicht mein Problem.»

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