AfD-Gauland drängt an die Spitze

Frauke Petrys Einfluss in der AfD ist gestern zerbröselt. Die Partei rückt indes noch weiter nach rechts.

Die Zukunft der Partei: Alice Weidel und Alexander Gauland, Mitglieder im AfD-Bundesvorstand, geben nach ihrer Wahl zum Spitzenduo eine Pressekonferenz. Video: AFP

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Am Ende ging alles ganz schnell. Ohne Reden der Kandidaten oder Aussprachen wurden Alexander Gauland und Alice Weidel am Sonntagnachmittag zu den Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl gewählt. Das Duo erhielt am Parteitag der Alternative für Deutschland (AfD) 68 Prozent der rund 500 Delegiertenstimmen. Das Bild, das die Parteispitze danach auf der Bühne abgab, erzählte zu einem guten Teil die Geschichte des Wochenendes. Während Gauland und Weidel, der alte Mann und die junge Frau, strahlten und Glückwünsche entgegennahmen, guckte Beatrix von Storch sauer drein. Einen Tag lang, bevor sie hinter den Kulissen ausgebootet wurde, hatte es geschienen, als ob die Europaparlamentarierin das Duo zu einem Trio ergänzen wurde.

Ganz rechts aussen machte sich die hochschwangere Parteichefin Frauke Petry ohne Eile zur Beglückwünschung auf. Sie schien sich über das Missgeschick der «Störchin» zu amüsieren und liess sich von Gauland umarmen. Der sprach Petry in seiner Dankesrede in versöhnlichem Ton direkt an: «Ich weiss, Sie hatten gestern einen schweren Tag. Aber wir brauchen Sie in der AfD.» Der Rest ging im Applaus unter.

Petrys Einfluss auf die Zukunft der Partei war am Samstag weitgehend zerbröselt. Ihr Antrag, mit dem sie die Partei von einer weiteren Radikalisierung abbringen und als «bürgerliche Volkspartei» verankern wollte, wurde vom Parteitag nicht einmal diskutiert. Auch die Forderung, keine Spitzenkandidaten zu benennen, wurde abgelehnt. Ihr einziger Erfolg war, dass auch ein Antrag ihrer Gegner abgelehnt wurde: nämlich die Forderung, das Ausschlussverfahren gegen den nationalrevolutionären thüringischen Volkstribun Björn Höcke zu stoppen.

Petry bleibt Parteichefin – vorerst

Da die Frage des Vorsitzes in Köln nicht auf der Tagesordnung stand, bleibt Petry vorerst Parteichefin – zusammen mit Jörg Meuthen, mit dem sie übel verfeindet ist und der am Parteitag mit seiner Rede erheblich mehr Jubel einheimste als sie. Im Hintergrund wird freilich längst um die Macht nach der Bundestagswahl gekämpft. Gauland würde im Berliner Reichstag allzu gerne als Oppositionsführer auftreten – für Politiker einer kleinen, radikalen Partei die grösste Bühne überhaupt. Dazu müsste er Fraktionschef seiner Partei werden. Die Spitzenkandidatur soll ihm ohne Umweg über die Parteispitze diesen Weg bahnen – auf Kosten vor allem von Petry.

Ohnehin ist im Duo Gauland/Weidel offensichtlich, wer den Ton angibt. Der 76-jährige Gauland war von Beginn weg ein Schwergewicht der Partei. Der Jurist und Publizist war zuvor 40 Jahre lang Mitglied der CDU gewesen und hatte als Büroleiter in der hessischen Staatskanzlei auch Regierungserfahrung gesammelt. Trotz seines betont bürgerlichen Auftretens – der Tweed-Sakko im Stil des englischen Landadels ist sein Markenzeichen – hat er sich bei der AfD seit 2013 immer stärker radikalisiert.

Wie US-Präsident Donald Trump forderte Gauland vor kurzem ein möglichst weitgehendes Einreiseverbot für Muslime nach Deutschland. Den Islam hatte er schon zuvor pauschal als «Fremdkörper» bezeichnet, Flüchtlinge als «Barbaren» und Asylheime als «Brutstätten der Gewalt». Die noch rabiateren Islamfeinde in der Partei und die Völkischen um Höcke nahm er bisher immer in Schutz. Als Spitzenkandidat vertritt er ihre Interessen, er wird aber wegen seines präsidialen Habitus auch von gemässigteren Parteimitgliedern durchaus geschätzt.

Flüchtlinge als «Barbaren» bezeichnet

Alice Weidel dagegen, mit 38 Jahren exakt halb so alt wie Gauland, ist im Vergleich dazu eine Exotin: Sie ist nach der Spaltung 2015 als eine der wenigen Ökonominnen in der Partei geblieben und sitzt seither auch im Vorstand. Die intellektuell brillante Frau ist eine Kosmopolitin, wie sie im Buche steht: Sie arbeitete unter anderem für die Investmentbank Goldman Sachs, überdies sechs Jahre lang in China. Heute lebt sie in Überlingen am Bodensee und betreut als selbständige Beraterin Start-up-Unternehmen. In der Wirtschafts- und Sozialpolitik vertritt die Euro-Kritikerin liberale Meinungen, die in der AfD kaum mehrheitsfähig sind. Als junge, blonde Frau soll sie in den Talkshows wohl vor allem das neue bürgerliche Gesicht der AfD darstellen.

Auch ihr Lebensmodell fällt auf in einer Partei, die sonst mit Liebe den Kult der traditionellen deutschen Familie pflegt: Alice Weidel lebt in einer lesbischen Beziehung mit ihrer Partnerin und zieht mit ihr zwei Söhne gross. In Ausländer- und Islamfragen äussert sie sich kaum weniger radikal als Gauland. Die Deutsch-Türken, die beim Referendum mit Ja gestimmt hatten, forderte sie zuletzt dazu auf, Deutschland so schnell wie möglich zu verlassen. Den deutschen Pass, sofern sie einen haben, will sie ihnen kurzerhand aberkennen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.04.2017, 17:07 Uhr

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